Jetzt auch auf dem Laufsteg: Nur weil wir Jogginghosen tragen, haben wir die Kontrolle über unser Leben noch nicht verloren.

© REUTERS/BENOIT TESSIER

freizeit Leben, Liebe & Sex
04/05/2020

Jogginghose - Willkommen in der Komfortzone

Die Stunde der Jogginghose. Ihre Geschichte ist voller Missverständnisse, doch noch nie war sie so beliebt wie heute

von Julia Pfligl

Zu Beginn ein Versprechen: Dieser Text wird ohne Zitat von Karl Lagerfeld auskommen. Nach Woche drei im Stubenhockermodus sollte der inflationär gebrauchte Sager des verstorbenen Modegurus sowieso umformuliert werden: Nur weil wir Jogginghosen tragen, haben wir die Kontrolle über unser Leben noch nicht verloren.

Das elastische Beinkleid mit Gummizug ist dieser Tage für viele „Homeofficler“ einer der wenigen Lichtblicke. Es verzeiht Quarantänekilos, passt zu allem und hält sich in Videokonferenzen nobel aus dem Bild. Auf Instagram, wo Millionen Nutzer ihren Isolationsalltag dokumentieren, findet man unter dem Schlagwort #Jogginghose Zigtausende Fotos, Superstars tragen sie in ihren Villen in Beverly Hills ebenso wie die Studentin in Wien-Ottakring.

Ausgerechnet eine historische Pandemie beschert der viel gescholtenen Jogginghose nun also ihre Sternstunde, vom strauchelnden Image vergangener Zeiten ist plötzlich keine Rede mehr. Von ihrem ursprünglichen Zweck hatte sich die Trainingshose schon länger entfernt: Erfunden vor ziemlich genau hundert Jahren vom Sportkleidungshersteller Émile Camuset mit dem Ziel, Athleten das Training im Winter zu ermöglichen, wurde die Freizeithose aus Baumwolljersey schon rasch zum Synonym für undisziplinierte Couchpotatoes und geschmackloses Proletentum. Es war dem Ruf wenig zuträglich, dass Berufserbin Paris Hilton in den 2000er-Jahren andauernd in pinken Sweatpants auftrat.

Kurz, nachdem 2012 in einer deutschen Talkshow Lagerfelds berüchtigter Jogginghosen-Sager fiel, hielt sie ironischerweise in der High Fashion Einzug. „Die Jogginghose hat einen erstaunlichen Imagewandel vollzogen“, resümiert Yella Hassel von der Modeschule Hetzendorf.

„In den 50er-Jahren trug Grace Kelly in ,Das Fenster zum Hof’ einen mintgrünen Hausanzug. Sie war die Einzige, die in so einem Look schick aussah. Sportswear auf dem Laufsteg wäre absolut peinlich gewesen.“

Heute integrieren Fashion-Kapazunder wie Stella McCartney und Prada die legeren Hosen selbstverständlich in ihre Kollektionen, sogar Chanel schickte Haus- und Hof-Mannequin Cara Delevingne 2014 mit jogginghosenähnlichem Beinkleid über den Runway. Die Jogginghose „hat sich als akzeptable casual Hosenform etabliert“, befand kürzlich die Vogue. Und das will was heißen.

„Die Evolution der Jogginghose ist auch eine Geschichte des Feminismus“, sagt Hassel. „Dahinter steckt der Wunsch nach Freiheit, das Modediktat des Bürokostüms wird ausgehebelt. Zwar gibt es im Styling große Unterschiede, im Großen und Ganzen würde ich die Jogginghose aber schon als etwas sehen, das alle Menschen verbindet – so wie die Jeans.“

Eine Gruppe junger Grazer war am Triumphzug der Trainingshose nicht unbeteiligt: 2009 riefen die Studenten den 21. Jänner zum „Internationalen Tag der Jogginghose“ aus. Dass elf Jahre später jeder Tag Jogginghosentag sein würde, konnten sie damals noch nicht ahnen.

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