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freizeit Leben, Liebe & Sex
05/23/2020

Ex-Profi-Kicker Peter Hackmair: "Ich hatte ein Riesen-Ego"

Peter Hackmair, 32, war schon vieles: Profi-Kicker, Weltreisender, Dancing Star und ORF-Experte. Heute ist er Autor und Persönlichkeitscoach – und ein Spezialist darin, niemals aufzugeben. Von Alexander Kern

Vösendorf, 9:45 Uhr. Draußen bläst der Sturm, drinnen köcheln am Herd die Erdäpfel fürs Mittagessen. Drinnen, das ist das Wohnzimmer von Peter Hackmair. Ein Mann, der weiß, wie man Rückschläge überwindet. Und diese Kunst ist im Moment gefragt wie nie zuvor. Mit 25 musste er nach drei Kreuzbandrissen seine Kick-Karriere beenden. Nach der Lebenskrise folgte der Neuanfang – als Sportanalytiker avancierte er zum bekannten Gast im TV und schrieb drei Bücher. Heute coacht er Leistungssportler und Führungskräfte, sich zu verwirklichen und über sich hinauszuwachsen. Hackmairs Verlobte Judith geht mit Sohn Felix spazieren. Im Gespräch erzählt er, wie ein Neuanfang gelingt, man Kraft aus Krisen schöpft – und wie Vater zu werden ihn verändert hat.

freizeit: Sie helfen Menschen, Ihre Träume zu verwirklichen. Haben wir gerade überhaupt Zeit, uns Träume zu gönnen?

Peter Hackmair: Nicht, wenn man aufgrund der Krise gerade mit der Existenz ringt. Davon abgesehen: Was gibt es Schöneres, als sich auf die Erfüllung eines Traumes zu freuen und darauf hinzuarbeiten? Die Menschen teilen sich in zwei Typen auf: jene, die bei Krisen in Schockstarre und Angst verharren und in Selbstmitleid verfallen. Und andere, die eine Chance erkennen können. Oft müssen wir loslassen, damit andere Dinge passieren dürfen. Bei mir war es so.

freizeit: Sie mussten mit 25 Jahren alles aufgeben. Das war sicher ein riesiger Schock.

Peter Hackmair: Die heutige Situation erinnert mich wieder daran. Ich musste damals meine Karriere als Fußballer beenden, für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Mein Leben war ein großes Fragezeichen. Wovon sollte ich leben? Ich musste ganz neu anfangen. Dass ich später als Coach arbeite, war völlig ungewiss. Ich stand vor einem Leerraum, der erst im Laufe der Zeit zu einem Freiraum wurde.

freizeit: Sie haben reagiert, indem Sie auf Weltreise gegangen sind...

Peter Hackmair: Meine Weltreise war eine Flucht. Danach bin ich in ein großes Loch gestürzt. Ich bin wochenlang nicht aus dem Bett gekommen, habe viel geweint. Es ging nur darum, den Tag zu überleben. So hat meine Transformation begonnen. Den Schmerz anzunehmen hat mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Etwas loszulassen ist ein Prozess, der wehtut. Durch dieses Tal der Tränen muss man durch. Dann aber schöpft man Kraft daraus. Man muss sich fragen: Was ist einem wirklich wichtig? Die Antwort hilft einem, weiterzumachen.

freizeit: Einmal öfter aufstehen als hinfallen, das klingt leichter als es ist. Was hilft denn, im Idealfall über sich selbst hinauszuwachsen?

Peter Hackmair: Erstens, den Mut haben hinzufallen. Das wird vielen derzeit vom Virus aufgezwungen. Was umso schmerzlicher ist, weil sie sich nicht aktiv für eine Veränderung entschieden haben. Zweitens: die Verbundenheit mit Herzensmenschen, die einen unterstützen. Aus der Resilienz-Forschung weiß man: Man bewältigt Krisen nur dann, wenn einem ein Mensch zur Seite steht, der bedingungslos an einen glaubt. Und drittens: Tun, was einem am meisten Freude bereitet. Das bewirkt, dass wir unser Potenzial voll entfalten.

freizeit: Und wenn sich damit kein Geld verdienen lässt?

Peter Hackmair: Es reicht oft schon ein Kompromiss. Selbstverwirklichung kann auch bedeuten, statt 50 Stunden nur 35 zu arbeiten. Und dafür zwei Nachmittage mehr bei der Familie zu sein. Unser Markt baut darauf auf, dass der Stärkere gewinnt. Aber eine Krise hat viele Facetten. Etwa nicht nur auf sich zu schauen, sondern auch auf andere. Viele in Österreich machen das bereits. Das finde ich befreiend bei all dieser Selbstoptimierung. Nicht nur überall mehr Geld rauszuholen, sondern schlichter zu denken. Zu entschleunigen. Auch das habe ich gelernt.

freizeit: Für alle, die sich keinen Coach leisten können: Wie trainiert man am besten die innere Stärke?

Peter Hackmair: Einerseits, indem man seine Stärken stärkt. Andererseits, indem man zu seinen Schwächen steht. Es ist erstaunlich, wie gut das von anderen aufgenommen und wertgeschätzt wird. Weil es unheimlich mutig ist, das auszusprechen. Menschen, denen alles zufliegt, sind uns schnell unsympathisch. Wer seine Schwächen offenlegt, ist authentisch und das macht noch erfolgreicher.

freizeit: Vielen fehlt dennoch das Selbstvertrauen für einen Neuanfang, sie glauben nicht so recht an sich. Woran kann das liegen?

Peter Hackmair: Die Eltern sind unsere größten Lehrmeister. Viele negative Glaubenssätze, die wir eingeimpft bekommen haben, hindern uns oft am Vorankommen. Von meinen Coachings weiß ich, dass selbst erfolgreiche Unternehmer oder große Sportler im tiefsten Inneren häufig denken, nicht gut genug zu sein. Das fand ich erstaunlich. Sie schaffen es nur, das im Beruf sehr gut zu kaschieren.

freizeit: Zweifel abzustreifen ist schwierig.

Peter Hackmair: Dazu muss man tief in die eigene Persönlichkeit eintauchen. Und in seinen Körper. Jedes Trauma hinterlässt Nachwirkungen – es drückt uns in der Brust oder schnürt den Magen zu. Im Prozess spüren wir dem nach. Das dauert. Es macht aber auch Freude, weil man immer mehr Last abwirft. Und es braucht Eigenverantwortung. Man muss das wirklich wollen.

freizeit: Sie sind Vater des fast zweijährigen Felix. Was ist dadurch größer geworden: Ihre Sorgen oder Ihre Zuversicht?

Peter Hackmair: Beides. Ich sorge mich, dass ihm etwas zustößt. Aber mehr noch ist die Zuversicht gewachsen. Ich habe gelernt, mehr über mich selbst zu lachen. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht lachen. Er hat mein Leben in jeder Form intensiver gemacht. Mein Sohn hat aber auch mein Ego verändert.

freizeit: Wie meinen Sie das?

Peter Hackmair: Als Fußballer hatte ich ein Riesen-Ego. Das war Bedingung für den Erfolg. Und hat fette Lohnzettel und zujubelnde Fans mit sich gebracht. Mein Sohn hat mir geholfen, meinem eigentlichen Selbst näherzukommen. Ich war nicht mehr länger der wichtigste Mensch auf der Welt. Das hat beigetragen, mein Ego zu dämpfen und es zu hinterfragen. Mein Sohn hat meinen Egoismus durch Selbstliebe ersetzt. Und aus dieser Selbstliebe heraus begegne ich ihm heute.

freizeit: Was ist Ihnen wichtig bei der Erziehung?

Peter Hackmair: Ich möchte meinen Sohn begleiten und fördern. Und ihm keine Werte aufprägen, sondern vorleben! Für mich sind Miteinander und Füreinander wichtig. Es gibt Studien, die besagen, dass Kinder bis zum 18. Lebensjahr 20.000 Mal das Wort „Nein“ hören. Er hat die Freiheit, alles zu machen, solange er niemand anderem damit weh tut. Auch später in der Pubertät gegen die Eltern zu rebellieren. Das ist ganz normal. Ich hoffe jedenfalls, dass ich dafür viel Verständnis aufbringen kann!

freizeit: Kann Sie heute noch etwas aus der Bahn werfen?

Peter Hackmair: Ich bin ein Stehaufmännchen. Mein Glaubenssatz ist: Das Glück liegt in mir. Aufgewachsen bin ich bei meiner Mutter. Eine starke Frau, die mir das vorgelebt hat – sie hat mit 14 beide Eltern verloren und dennoch viel erreicht. Von meinem Vater habe ich den Unternehmergeist. Und ich habe ein grundoptimistisches Wesen. Ich orientiere mich an der Chance und der Lösung – und bin nicht im Problem verhaftet.

PETER HACKMAIR, 32, wurde 1987 in Vöcklabruck geboren. Mit 18 Jahren machte er seinen Kindheitstraum wahr und wurde Fußballprofi. Mit dem Nachwuchsnationalteam wurde er 2007 Vierter bei der U20-WM und mit SV Ried 2011 Cupsieger. Mit 25 war verletzungsbedingt Schluss mit der Karriere und er musste sich beruflich neu erfinden. Nach einer 15 Monate langen Weltreise trennte er sich von seiner Partnerin und zog nach Wien. Erst als Trainer einer Fußballschule und von 2015-2018 als Fußballexperte für den ORF. 2019 nahm er bei „Dancing Stars“ teil. Heute arbeitet Hackmair als Coach für Persönlichkeitsentwicklung. Mit seiner Verlobten Judith, einer Lehrerin, hat er Sohn Felix (1). Die für 11. Juli geplante Hochzeit ist aufgrund der aktuellen Situation vorerst verschoben.

Peter Hackmair schrieb drei erfolgreiche Bücher, zuletzt: „Träum weiter“. www.peterhackmair.com