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freizeit Leben, Liebe & Sex
08/20/2021

Als die Bilder im Wohnzimmer laufen lernten

1931 präsentierte Erfinder Manfred von Ardenne einen Holzkasten mit vollelektronischem Inhalt: Das erste Fernsehgerät revolutionierte das Freizeitverhalten.

Ja, es gab Vorläufer. „In den 1920er-Jahren gab es erste kommerzielle Fernsehgeräte, die die Bilder mittels einer rotierenden Scheibe mit spiralförmigen Löchern oder einer Spiegelschraube abtasteten“, weiß Tina Kubot, Halbleitertechnologin und Kustodin für Mediengeschichte im Museum für Kommunikation Frankfurt. Doch deren Auflösung sei zu grob, der Kontrast zu schwach, der Bildschirm zu klein und die Bildwiederholfrequenz zu langsam gewesen.

Doch dann kam die Berliner Funkausstellung und der 21. August 1931: Erfinder Manfred von Ardenne präsentierte das erste vollelektronische Fernsehgerät. Es war ein Apparat im Holzgehäuse, dessen Bildqualität alles bis dahin Bekannte in den Schatten stellte. Damit sei klar gewesen, „dass dem vollelektronischen Fernsehen die Zukunft gehört“, sagt Kubot.

Mit dem Gerät - eine von 600 Erfindungen des Physikers von Ardenne (1907-1997) - begann 1931 das Zeitalter einer Technik, die stark modifiziert bis in die 2000er-Jahre vorherrschte. Es hatte laut Kubot „schon viele Elemente des späteren Röhrenfernsehers“, war aber kein Billigprodukt - nach heutiger Kaufkraft umgerechnet 3.500 Euro teuer.

Nur wenigen Menschen ist heute noch bewusst, dass Deutschland 1935 das erste Land der Welt mit regelmäßigem Fernsehbetrieb war. Abends an drei Wochentagen funkte für je eineinhalb Stunden der Sender in Witzleben, heute Berlin-Charlottenburg, so die Forscherin. Zu dem Zeitpunkt hatte sich die politische Großwetterlage schon verändert.

Propaganda-Instrument

Die Nazis waren an der Macht, für sie war die Technik in erster Linie Prestigeprojekt. Um TV-Projekten in Tokio und London zuvorzukommen, starteten die deutschen Techniker überhastet in den Sendebetrieb und nahmen dabei Schwächen in der Übertragung in Kauf. „Das Fernsehen diente vor allem dazu, die technologische Überlegenheit des Reichs zu demonstrieren“, erklärt Kubot.

Zudem glaubten die NS-Propagandisten, ihre Botschaften hier gut ästhetisch tarnen zu können. „Nur etwa ein Viertel der Sendezeit war der direkten politischen Propaganda gewidmet. Die Unterhaltungsprogramme waren ein Charakteristikum des Fernsehens zur NS-Zeit. Propagandaminister Goebbels war klar, dass eine schöne Verpackung der Inhalte der Schlüssel zum Erfolg ist.“

Fernsehstuben

Die Mischung aus Live-Programm vom Studio und Filmausschnitten konnte die Mehrzahl der Zuschauer damals allerdings noch nicht zuhause, sondern nur in sogenannten Fernsehstuben verfolgen. Das schwarz-weiße Programm war auch nur in und um Berlin zu sehen. „Bereits 1935 existierten Pläne für ein deutschlandweites Sendernetz, verbunden durch Breitbandkabel“, so Kubot. Der Weltkrieg durchkreuzte all das. Gegen Kriegsende gab es weltweit nur noch in den USA Fernsehprogramm.

Nach dem Krieg  begleiteten viele TV-Momente die Menschen durchs Leben. Die Krönung der britischen Queen Elizabeth II. 1953, das Fußball-„Wunder von Bern“ 1954, die Mondlandung 1969, der Mauerfall 1989 und und und.

Vor allem sind da aber all die kleinen großen Momente, die sich durch das kollektive Sehen und Weitererzählen oder endlose Wiederholungen in das Gemeinschaftsgedächtnis eingeprägt haben. Egal ob das Stolpern über den Tigerkopf bei 'Dinner For One', Hans Rosenthals 'Spitze'-Sprung, die laufenden Füße nach dem 'Tatort'-Auge, das Lachen von J.R.

Etwas Heilige

Das TV-Gerät an sich war früher in jedem Haushalt etwas ganz besonders Wertvolles, fast Heiliges, im Grunde ein Familienmitglied. Das einzige wirklich relevante Fenster zur Welt, durch das man andere Menschen, Länder und Kulturen kennenlernen konnte, das einen mit Informationen versorgte und Spaß und Unterhaltung schenkte - was gerade in jener Zeit ein überaus kostbares Gut war. Heute ist der Fernseher nicht mehr der kollektive mediale Mittelpunkt für die ganze Familie, vor dem sich alle versammeln, sondern nur noch eine Abspielstation von vielen.

Ablaufdatum

Zukunftsforscher Tristan Horx sieht für den Fernsehapparat ein „Ablaufdatum“, wenn man ihn auf das TV im Jahr 2030 anspricht. „Der Bildschirm per se ist das wirklich Interessante. Man stelle sich vor, man könnte sich mit einer eigenen ID an jedem Bildschirm an jedem Ort anmelden und sofort Zugriff auf die Streamingdienste, Fernsehkanäle und so weiter bekommen.“ Horx zieht das Fazit: „Der Bildschirm als Interface wird durchaus bleiben, ob Kabel oder Satellit wird im Zeitalter des Internets immer weniger interessant.“

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