© BRAVO / Heinrich Bauer Verlag KG

freizeit Leben, Liebe & Sex
08/26/2021

65 Jahre "Bravo": Liebe, Stars und Voyeurismus

Kein Jugendmagazin hielt sich so lange auf dem Markt wie „Bravo“. Zu ihrem 65. Geburtstag muss sich die Kult-Zeitschrift wieder einmal neu erfinden.

von Julia Pfligl

Für sie kratzte man sein Taschengeld zusammen, lief am erstmöglichen Tag in die Trafik und verschanzte sich stundenlang aufgeregt im Kinderzimmer. Nach einer Woche waren die Seiten sichtbar mitgenommen, weil sie möglichst viele in die Hände bekommen wollten.

Bravo (früher war in Österreich das geläufig, Jüngere sagen heute eher die) hatte alles, wovon Generationen von Teenagern träumten, bevor es soziale Medien und allzeit verfügbare Internet-Pornos gab: Neuigkeiten und Poster von ihren Lieblingsstars, Foto-Lovestorys, die die heutige Jugend wohl als „cringe“ bezeichnen würde, Nacktbilder und „Dr. Sommer“, der drängende Fragen zu Penisgrößen, Flirttechniken und Liebeskummer beantwortete.

Kulturwandel

Heute wird das kreischend bunte Kultmagazin 65, und natürlich ist nichts mehr, wie es damals war. Pünktlich zum Erreichen des Pensionsalters wurde die Münchner Redaktion eingestampft, seitdem liefert ein externes Kölner Redaktionsbüro die Inhalte zu. Das Heft erscheint seit 2020 nur noch einmal pro Monat, nicht wie früher jede Woche – und die verkaufte Auflage ist seit der Jahrtausendwende dramatisch eingebrochen (unten).

Nirgendwo manifestiert sich der Kulturwandel so anschaulich wie auf den Titelblättern, wo einst Film- und Musikstars prangten (alleine die Backstreet Boys waren 46-mal auf dem Cover) und heute vorwiegend Youtuber und Tiktoker zu sehen sind (die aktuelle Ausgabe ziert die Rapperin Shirin David). Zuletzt hatte der Ruf von Bravo gelitten, vor allem der Ableger Bravo Girl wirkt in einer zunehmend politisierten – man könnte sagen, „woken“ – Teenager-Generation wie aus der Zeit gefallen.

Am 26. 8. 1956
erschien die erste Ausgabe  als „Film- und Fernsehzeitschrift“ – erfunden vom Journalisten Peter Boenisch (1927–2005),
später Sprecher der Regierung Kohl

1,58 Mio. Exemplare
betrug die verkaufte Auflage 1991. Seit 1998 ist sie um 91 Prozent gesunken und liegt jetzt bei knapp 83.000

1972 erschienen zwei Ausgaben mit Artikeln über Selbstbefriedigung, die als jugendgefährdend eingestuft wurden

58 % der Bravo-Leser
sind weiblich, 74 Prozent zwischen
12 und 19 Jahre alt

Digital
Heute ist „Bravo“ auch auf Facebook, Instagram und Tiktok vertreten

Umso mehr bemüht man sich seit einiger Zeit, die Jugend wieder da abzuholen, wo sie sich aufhält. Auf Instagram hat Bravo inzwischen mehr Abonnenten als Leser der Print-Ausgabe, „Dr. Sommer“ berät neuerdings im Podcast. Noch immer würden wöchentlich an die 300 Anfragen eingehen.

Kaum vorstellbar, dass Sex als „körperliche Vereinigung“ bezeichnet wurde, als der Arzt und Psychotherapeut Martin Goldstein 1969 erstmals den „Dr. Sommer“ gab. Erst viel später kamen neue Vokabel wie „Nacktselfies“ und „Sexting“ und die damit einhergehenden Unsicherheiten dazu.

„Im Grunde sind die Fragen der Jugendlichen aber die gleichen geblieben“, sagt der Sexualpädagoge Wolfgang Kostenwein, der die Entwicklung der Zeitschrift seit Jahrzehnten beobachtet. Fragen wie „Ist mein Penis zu kurz?“ oder „Wie spreche ich ein Mädchen an?“ sind Dauerbrenner. „Allerdings wissen wir aus einer Studie, dass heute weniger zu Verhütung gefragt wird und mehr zu bestimmten Techniken und zur Performance, also zum Beispiel ,Wie geht ein Blowjob?‘“.

Bin ich normal?

Nicht nur die pikanten Fragen, auch die Nacktfotos von „echten“ Menschen wurden rasch zum Erfolgsfaktor. Das lag auch, aber nicht nur am Voyeurismus der pubertierenden Konsumenten, sagt Kostenwein. „Die ungeschönten Bilder waren eine Möglichkeit des Abgleichs mit der Normalität.“ Und das lange, bevor „Body Positivity“ zum Modebegriff geriet. „Ich habe durch Bravo gelernt, dass nicht alle Brüste aussehen wie die von Supermodels“, erinnert sich eine ehemalige Abonnentin, heute Anfang 30.

Künftig werde man auf die Bedürfnisse der Generation Z noch stärker eingehen, gibt sich Chefredakteurin Yvonne Huckenholz anlässlich des Geburtstages kämpferisch. So soll etwa im Herbst eine „Klima Challenge“ auf allen digitalen Kanälen starten. „Junge Menschen finden Magazine nicht doof – es ist aber eben nicht mehr ihr Massenmedium.“

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