Mehr als verdoppelt: VIG setzt mit „evolve28" auf weiteres Wachstum
Hartwig Löger, CEO der Vienna Insurance Group (VIG), über Rekordzahlen 2025 und die neue Wachstumsstrategie „evolve28".
Zusammenfassung
- VIG verzeichnete 2025 ein Rekordergebnis mit über 1 Milliarde Euro Gewinn, 16 Milliarden Euro Prämien und einer Solvenzquote von 296 %, gestützt durch Diversifikation und starke Kernmärkte in CEE.
- Mit der neuen Strategie „evolve28“ setzt VIG auf weiteres Wachstum, höhere Erträge und kontinuierlich steigende Dividenden, unterstützt durch lokale Gesellschaftsstrategien und gruppenweite Programme.
- Die geplante Übernahme der Nürnberger Versicherung für 1,4 Milliarden Euro ist die größte Transaktion der VIG-Geschichte und stärkt die Position in Deutschland als Spezialmarkt.
Wenn Versicherungen Schlagzeilen machen, dann meist wegen Unwetterkatastrophen oder steigender Prämien. Dass ein Versicherungskonzern im Krisenjahr 2025 seinen Aktienkurs mehr als verdoppelt und gleichzeitig die höchste Dividende seiner Geschichte ausschüttet – das ist eine andere Geschichte. Die Vienna Insurance Group hat in einem Umfeld, das von geopolitischer Unsicherheit und schwachem Wirtschaftswachstum geprägt war, bewiesen, dass Diversifikation kein Schlagwort ist, sondern ein Schutzschild. Wie das gelingt und wohin die Reise geht, erzählt VIG-CEO Hartwig Löger im Interview – sachlich, aber mit spürbarer Aufbruchsstimmung.
Herr Löger, das vorläufige Ergebnis der VIG für 2025 kann sich sehen lassen: Über 1 Milliarde Euro Gewinn vor Steuern, mehr als 16 Milliarden Euro verrechnete Prämien, eine sehr hohe Solvenzquote von 296 % und das alles mitten in einer allgemein schwachen Wirtschaftsentwicklung. Woraus resultiert dieser Erfolg?
Löger: Er ergibt sich aus einer Reihe von Faktoren. Erfolgsentscheidend ist jedenfalls unser Geschäftsmodell. Wir sind als Gruppe aufgestellt und damit nach einem föderalistischen Prinzip strukturiert. Die Holding setzt den Rahmen für die strategische Ausrichtung, die lokalen Gesellschaften agieren ganz nah am Kunden und leiten ihre lokalen Gesellschaftsstrategien von den länderspezifischen Rahmenbedingungen ab. Unsere breite Diversifikation über Märkte, Marken, Produkte und Vertriebswege hat sich im herausfordernden geopolitischen und makroökonomischen Umfeld bewährt und uns sehr resilient gemacht.
Darüber hinaus partizipieren wir auch am Wachstumspotential in unserem Kernmarkt CEE, das im Durchschnitt doppelt so hoch ist wie in Westeuropa. Für die Eurozone wird für heuer ein BIP-Wachstum von 1,4 % prognostiziert, in den EU-CEE-Ländern soll es bei 2,6 % und in den Westbalkanstaaten sogar bei 3,1 % liegen. Hinzu kommt noch die vorhin erwähnte ausgezeichnete Kapitalausstattung. Geholfen hat auch, dass es keine größeren Unwetterschäden gab, die unser Ergebnis im vorhergehenden Jahr negativ beeinflusst hatten.
Die Erfolgsentwicklung zeigt sich auch an der Börse. Das Vorjahr ist aus der Sicht der VIG extrem gut verlaufen.
2025 war das erfolgreichste Jahr seit der Öffnung für den breiten Kapitalmarkt im Jahr 2005. Auf Jahressicht betrachtet hat sich der Kurs mit einem Gesamtplus von 121,4 % mehr als verdoppelt. Am 30. Dezember und damit am letzten Handelstag des Jahres erreichte die VIG-Aktie mit 67,20 Euro ihr All Time High. Eine Entwicklung, die auch durch den erhöhten Ausblick auf das Gesamtjahr 2025, die Veröffentlichung des neuen Strategieprogramms sowie die geplante Übernahme der Nürnberger Versicherung forciert wurde.
Mit unserem Dividendenvorschlag für 2025 von 1,73 bieten wir die bisher höchste Dividende pro Aktie. Mit unserer neuen Gruppenstrategie „evolve28“ werden wir diese Dynamik fortsetzen. „evolve28“ wird weiteres Wachstum, noch höheren Ertrag und eine kontinuierlich steigende Dividende bringen.
Was sind die Eckpunkte der Strategie?
Mit „evolve28“ setzen wir den strategischen Rahmen bis 2028 und haben dazu auch fünf ambitionierte, quantitative Zielsetzungen als Leitplanken definiert. Wir treiben damit den Ausbau unserer Marktführerschaft im Kernmarkt CEE voran, planen eine erhebliche Prämien- und Ertragssteigerung und halten unser Prinzip des lokalen Unternehmertums hoch. Dabei bilden die Strategien der rund 50 Gesellschaften auch das Herzstück von „evolve28“.
Unterstützt werden die lokalen Unternehmensstrategien von gruppenweiten Programmen, die inhaltlich auf die Trends der kommenden Jahre ausgerichtet sind. CO³ als mittlerweile bewährtes strategisches Element intensiviert die Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe, generiert Synergien und schafft Transparenz.
Welche konkreten Wachstumspläne gibt es bereits?
Wir haben im Vorjahr eine Lebensversicherungsgesellschaft in Albanien gegründet und bauen damit unsere führende Rolle im Land aus. In Montenegro werden wir eine Sachversicherungsgesellschaft gründen, um das bisherige Angebot unserer marktführenden Lebensversicherungsgesellschaft mit Sachversicherungen zu erweitern. In Moldau haben wir uns mit dem Erwerb der Moldasig als Marktführer positioniert und in der Ukraine unsere Partnerschaft mit der IFC – einem Unternehmen der Weltbankgruppe – erweitert.
Die IFC wird sich an unseren beiden ukrainischen Gesellschaften USG und Kniazha beteiligen. Gemeinsam bereiten wir uns vor, eine aktive Rolle im Erneuerungsprozess des Landes zu übernehmen. Am intensivsten wird uns der Erwerb der Nürnberger Beteiligungs AG in Deutschland beschäftigen, wo wir das Closing zu Beginn des 2. Halbjahres erwarten.
Der Erwerb der Nürnberger wird mit einem Kaufpreis von rund 1,4 Milliarden Euro die bisher größte Transaktion in der Geschichte der VIG sein?
Die geplante Übernahme hat einen herausragenden Stellenwert für die VIG. Sie stellt die bisher größte Transaktion in der Geschichte der VIG dar und soll auch gleichzeitig die langfristig profitable Wachstumsstrategie der VIG in CEE unterstützen. Die Nürnberger passt mit ihrer unternehmerisch geprägten Kultur und ihrer starken lokalen Marke sehr gut zu unserer Ausrichtung. Sie bringt hohe Fachkompetenz und ein komplementäres Lebensversicherungsportfolio ein und soll innerhalb der VIG-Gruppe als richtungsgebenden Anbieter von Biometrie-Produkten positioniert werden. Die Diversifikation am deutschen Markt stärkt auch die Resilienz der VIG.
Deutschland zählt jedoch nicht zum Kernmarkt CEE. Ändern Sie diesbezüglich Ihre Strategie?
Nein. An der Definition unseres Kernmarkts CEE ändert sich nichts, wo wir zumindest auf eine Top-3-Positionierung in den Ländern fokussieren. Deutschland ist und bleibt für die VIG ein Spezialmarkt. In Spezialmärkten generieren wir zusätzliche Erträge und Wertschöpfung, stärken unsere Finanzkraft und greifen auf spezifisches Know-how zu, ohne eine Top-Marktposition anzustreben.
Zu Ihren Wachstumsplänen zählt auch der kontinuierliche Ausbau eigener Assistance-Gesellschaften. In einer kürzlich veröffentlichten Aussendung sprachen Sie von 18 VIG-Märkten, in denen die Services dieser Gesellschaften angeboten werden. Was ist die Strategie dahinter?
Assistance-Services schaffen einen relevanten Zusatznutzen für Kundinnen und Kunden und entsprechen auch zunehmend der Erwartungshaltung an moderne Versicherungsdienstleistungen. Wir haben uns für eigene Servicegesellschaften entschieden, damit wir die gesamte Prozesskette – von der Versicherungsleistung bis zur Schadenabwicklung und Assistance – aus einer Hand anbieten können. Damit schaffen wir eine Win-win-Situation für unsere Kundinnen und Kunden und unsere Gesellschaften. Mit dem jüngsten Markteintritt in Albanien sind wir bereits in 18 Ländern unter der Dachmarke Global Assistance aktiv und bieten damit eine nahezu flächendeckende Betreuung von der Ostsee bis zum Mittelmeer an.
Wie breit ist das Leistungsspektrum der Assistance?
Das Portfolio umfasst rund 150 Serviceleistungen in den Bereichen Fahrzeug, Gesundheit, Haushalt, Reise, Recht, Cyber und IT sowie Concierge-Services, die auch unabhängig vom Bestehen eines Versicherungsvertrags gebucht werden können. Die Bandbreite reicht von Pannenhilfe und Handwerkerdiensten über medizinische Zweitmeinungen und Flugambulanzbuchungen bis hin zu rechtlichem Beistand bei Cyber-Mobbing oder der Organisation von Begräbnissen. Auch Concierge-Dienste wie die Reservierung von Restaurantbesuchen oder Konzerttickets zählen dazu. Mittlerweile werden jährlich mehr als eine Million Assistance-Fälle bearbeitet.
Warum haben Sie sich für den Strategienamen „evolve28“ entschieden?
„evolve28“ steht bewusst für kontinuierliche Weiterentwicklung statt eines radikalen Umbruchs: Wir stärken bewährte Erfolgsfaktoren und passen unser Geschäftsmodell flexibel an – im Sinne eines nachhaltigen, resilienten Wachstumspfads.