Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

„Vieles war damals unvorstellbar“

„Meine 1960er-Jahre“. Für Michael Köhlmeier ist damals nicht nur der Geist der Empörung gestiegen, er hat auch eine buntere Welt mit weniger Uniformität, viel neuer Musik und mehr Optimismus in Erinnerung.
Zwei Männer unterhalten sich vor einem großformatigen abstrakten Gemälde mit roten Farbtönen.

Jeder, der die 1960er-Jahre erlebt hat, hat sie anders in Erinnerung. Für Klaus Albrecht Schröder waren die Sixties „das schönste Jahrzehnt“, um irgendwann drauf zu kommen: Sie waren „nur meine glückliche Kindheit“. Für Michael Köhlmeier waren sie „vor allem Musik. Ich hatte das Gefühl, als ob diese Musik nur für mich gemacht worden wäre.“

Bob Dylan hat sein Leben verändert. „Ich wollte immer Dichter werden, und meine Eltern haben auch erwartet, dass ich Schriftsteller werde. Da hatte ich nur wenige Möglichkeiten. Für meine Mutter wäre Papst noch gegangen.“

Absolut neu war, dass da einer Lyrik schreibt, die Massen bewegt, und gleichzeitig ein Sänger ist. „Viele Väter sagten damals: Bob Dylan hat keine Stimme, sondern eine Halskrankheit“, erzählt Schröder. Es war eben unvorstellbar, dass jemand, der singt, keine ausgebildete Stimme hat. Wie Lou Reed oder Johnny Cash.

Noch eine Erfahrung der Jugendzeit: Dass alle, die vorher Götter waren und alles machen durften, ihre Autorität verloren haben, und zwar in ganz kurzer Zeit. „Wir waren Kinder oder Jugendliche, die sich nach Vorbildern umgeblickt und langsam erkannt haben, dass die Väter eine Nazi-Generation waren, die Europa in Schutt und Asche gelegt hat, mit vielen Millionen Toten“, so Köhlmeier. „Um dagegen zu rebellieren, braucht’s nicht so viel. Aber es gab auch viele, denen einfach die Zeit übel mitgespielt hat. Kriegsinvaliden waren allgegenwärtig.“

Optimismus

Die Freiheit vor der Erfindung der Helikopter-Eltern war noch fast grenzenlos. „Und was ich mit den Sixties sehr stark verbinde, ist dieser Optimismus“, sagt Schröder. „Es wurde alles unentwegt besser und reicher.“ Köhlmeier: „Man sah, wie es aufwärtsgeht und war stolz darauf. Und Armut ist natürlich viel erträglicher, wenn es aufwärtsgeht, als wenn es auf relativ hohem Niveau eben so dahingeht.“

Schröder sieht sich als Repräsentant des „Sozialtypus des Sonderlings und Einzelgängers.“ Den habe man früher liebevoll belächelt, so Köhlmeier. Heute würde sich jeder als Einzelgänger bezeichnen: „Obwohl alle gleich ausschauen. Alle haben Bluejeans an. In den 60ern gab’s bunte Autos. Heute sind sie schwarz, weiß oder grau. Die totale Uniformierung. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Bluejean besessen. Nie. So, jetzt habe ich’s g’sagt.“

Zwei Personen sitzen auf schwarzen Sesseln mit einem kleinen schwarzen Tisch und Wasserflaschen dazwischen vor einer Wand mit roter Aufschrift 'WIENER AKTIONISMUS MUSEUM'.

Im Talk: Schriftsteller aus Hohenems und Direktor des WAM.

Ich saß einmal mit meinem Vater beim Frühstück und im Radio kam ,No Reply’ von den Beatles. Mein Vater hatte die Kaffeetasse in der Hand, den Mund offen und sagte: ,Mein Gott, ist das schön.’ Da wusste ich, dass sich mein Vater von anderen Vätern unterscheidet.“
 

„Mein Vater war jemand, der überhaupt alles gewusst hat. Und was er nicht wusste, das konnte er so darstellen, als ob es nicht wert wäre, es zu wissen.“
 

„Ich habe gelernt, dass die kleinste Stadt, dass Feldkirch, sage ich einmal, mit einer Stadt wie New York mehr zu tun hat als mit einem Dorf. Die kleinste Stadt hat mehr gemein mit einer großen Stadt als mit einem Dorf.“

„Ich sehe meine Kindheit als liebevolle Verwahrlosung, weil ich konnte im Sommer manchmal um halb zehn oder so abends nach Hause kommen. Als 11-Jähriger.“

„Die 60er-Jahre führten dazu, dass wir jedem Kollektiv gegenüber Skepsis hatten, natürlich vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus. Aber in welcher Situation heute fühlst Du Dich so, dass Du aufgehst in einem Kollektiv? Mir kommen beim Absingen der Bundeshymne keine Tränen.“

von Michael Köhlmeier Schriftsteller und Erzähler

Ein älterer Mann mit Brille lächelt vor einem Bücherregal.

Oscar Bronner: Sehnen nach unabhängigem Journalismus.

Porträt von Ursula Pasterk

Porträt von Heinz Fischer.

Heinz Fischer: Politischer Aufbruch in den 1960-ern.

„Meine 1960er-Jahre“

Die Gäste von Klaus Albrecht Schröder im Palais Coburg Residenz

Aus Anlass zur Hermann-Nitsch-Ausstellung im Wiener Aktionismus Museum lädt sich Direktor Klaus Albrecht Schröder Gäste ein. Im Palais Coburg Residenz erinnern sich Zeitzeugen, wie sie die 60er-Jahre erlebt haben:

  • Ursula Pasterk (20. Mai), ab 1984 Intendantin der Wiener Festwochen und von 1987 bis 1996 Wiener Stadträtin für Kultur;
  • Bundespräsident a. D. Heinz Fischer im Gespräch mit Martina Salomon (3. Juni) gehörte seinerzeit zur Generation jüngerer Sozialdemokraten rund um Bruno Kreisky, die Österreich modernisieren wollten.
  • Oscar Bronner (17. Juni), bei dem u. a. die Aufbruchsstimmung der späten 60er und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Österreichs im Fokus standen, außerdem die Sehnsucht nach einem unabhängigen Journalismus und ein starkes anti-autoritäres Klima. In den späten 60er-Jahren reifte bei ihm die Überzeugung, dass er selbst eine Zeitschrift gründen müsse. Daraus entstanden später Profil und Trend.

Fünf rote Bücher mit der Aufschrift „Hermann Nitsch 1960–1965“ liegen übereinander.

Katalog zur Ausstellung

Die erste umfassende Publikation, hrsg. von Julia Moebus-Puck, gehört zum bedeutenden Frühwerk von H. Nitsch; 29 €; 
Zu erwerben: wieneraktionismus.at/wam-shop