Halleluja und Dancefloor: Wiens Kirchen drehen auf
Stellen Sie sich das kurz vor: Sie stehen auf dem Kirchturm der Erlöserkirche, 18 Meter über dem Boden. Ihr Herz schlägt schneller. Dann der Sprung – bestens gesichert von den Profis des Alpenvereins geht es senkrecht durch die Klosterkirche zurück Richtung Boden.
Später tanzen Sie Salsa am Rupertusplatz vor der Pfarre Dornbach bei der Fiesta Latina. Im Pfarrhaus Neufünfhaus kochen Sie mit verbundenen Augen ein dreigängiges Menü. In der Pfarre Kagraner Anger wagen Sie sich in den Kirchenkeller zum Escape-Spiel. Und irgendwo zwischen Turmsprung und Tanz heißt es: Mozart trifft Ambros. Dazwischen hören Sie in der Kirche St. Elisabeth Jesus und seine Hawara Wienerisch sprechen. Und am Ende landen Sie beim Karaoke in der Krypta von Mariabrunn.
Klingt aufregend? Ist es auch.
Zwischen Action und Andacht: Freier Eintritt bei allen Veranstaltungen
Am 29. Mai 2026 öffnen über 170 Wiener Kirchen ihre Pforten und laden mit rund 1.000 Stunden Programm in außergewöhnliche Schauplätze ein. Die architektonische Vielfalt ist dabei beeindruckend: Sie reicht von romanischen Kleinoden wie der Ruprechtskirche – der ältesten Kirche Wiens – über gotische Wahrzeichen wie Maria am Gestade, Stephansdom und Minoritenkirche bis hin zur neugotischen Votivkirche. Auch barocke Meisterwerke wie die Karlskirche, die Peterskirche und die Schottenkirche sind Teil des Programms. Ergänzt wird das Spektrum durch sakrale Juwele wie die Otto-Wagner-Kapelle am Währinger Gürtel sowie durch moderne Architektur wie die Wotrubakirche am Georgenberg.
Die St. Johannes-Nepomuk-Kapelle (1896/1897) war Otto Wagners erstes sakrales Bauwerk in Wien und entstand bereits 10 Jahre vor der weltbekannten Jugendstilkirche am Steinhof (1905/07). Die Geschichte des Standorts reicht sogar bis 1740 zurück, als hier an der Währinger Linie die erste Kapelle errichtet wurde. Besonders sehenswert ist die Reichmann-Orgel aus dem Jahr 2001, die geschickt in das restaurierte historische Orgelgehäuse eingebaut wurde.
Lange Nacht der Kirchen 2026: Mut zum Miteinander
Das Motto der 22. Langen Nacht der Kirchen bringt es in diesem Jahr auf den Punkt: Mut zum Miteinander, kurz: MUTeinander ins Gespräch kommen. Ein Leitmotiv, das erstaunlich gut zu dieser besonderen Nacht passt. Denn Mut zeigt sich hier auf viele Arten: Mut, sich abzuseilen. Mut, sich auf neue Begegnungen einzulassen. Mut, mitzumachen. Und manchmal auch der Mut, einfach einen Raum zu betreten, ohne zu wissen, was einen erwartet.
Eine besondere Akustik und einzigartige Atmosphäre prägen diese Räume, während stimmungsvolles Licht entsteht, wenn die letzten Sonnenstrahlen durch bunte Kirchenfenster fallen oder Kerzenschein die Räume erhellt. Die Lange Nacht der Kirchen ist dabei längst mehr als ein klassischer Kirchenbesuch: Sie ist Stadtspaziergang, Kulturfestival, Nachbarschaftstreffen, Konzertnacht, Partyzone und spiritueller Raum zugleich.
Sakrale Räume, aufregendes Programm: Kirchen öffnen seit 2005 bei der Langen Nacht ihre Türen bei freiem Eintritt und zeigen, wie vielfältig sie sein können – kulturell, religiös und gesellschaftlich.
Mit Glockengeläut ab 17:50 Uhr startet der Abend, danach werden die Gotteshäuser zur Bühne für ein äußerst vielfältiges Programm: von Mozarts festlicher Krönungsmesse bis hin zu pulsierendem Dancefloor Halleluja. Church Clubbing mit DJ-Beats, von der preisgekrönten Kinovorstellung City of God bis zu wissenschaftlichen Analysen über den Einfluss des Orgelspiels auf das Gehirn, und vom Himmelflug von Honigbienen bis zur virtuellen Erkundung der Hagia Sophia mittels VR-Brille.
Der Kabarettist Peter Panierer zeigt in der Evangelischen Pfarrgemeinde Floridsdorf sein Best-of-Programm „INTRO" – pointierte Stand-Up-Comedy, die auch kirchliche Themen mit Humor behandelt.
Musik-Highlights bei der Langen Nacht der Kirchen: Von Tschuschenkapelle bis Gospel Choir
In dieser Nacht sprengt die Musik alle Konventionen: Freuen Sie sich auf Hollywood-Blockbuster auf Blasinstrumenten in St. Othmar unter den Weißgerbern, eine gefühlvolle Unplugged-Session in der Erlöserkirche und modernen Rap direkt aus Floridsdorf in der Weisselgasse.
Klassikfans kommen bei der Uraufführung von TUNDRA für Klavier und Orgel im Diözesankonservatorium Wien ebenso auf ihre Kosten wie beim außergewöhnlichen Ensemble Vento Veneziano im Schottenfeldkirche. Für besondere Stimmung sorgt außerdem ein Mitarbeiterchor beim SISTER ACT in der Spitalskirche Speising, der das Krankenhaus zum Klingen bringt. Zu später Stunde lädt die Pfarre Mariabrunn zur Cocktailbar mit Karaoke, während die evangelische Gemeinde Floridsdorf zur Afterparty im Kirchenkeller bittet.
In der Langen Nacht der Kirchen 2026 wird das Programm für Kinder und Familien großgeschrieben, wobei viele Angebote bereits am Nachmittag beginnen.
Das Kinderprogramm der Langen Nacht der Kirchen
Auch für Kinder bietet die Lange Nacht der Kirchen jede Menge Abwechslung: In der Pfarre Hildegard Burjan sorgt das farbenfrohe Kindermusical Aktion Arche! für Bühnenzauber, während in der Baptistengemeinde Mollardgasse ein Mitmachkonzert mit Kiri Rakete zum Mitsingen einlädt. Abenteuerlustige kommen bei Rätselrallyes und Schatzsuchen auf ihre Kosten – etwa in der Alser Vorstadt, wo eine Rallye im Kreuzgang zu einer versteckten Schatztruhe führt, oder in Maria Hietzing bei der spannenden Schatzsuche.
Musikalisch wird es bei St. Josef am Wolfersberg, wo Kinder Instrumente ausprobieren dürfen. Und die Orgel wird als Königin der Instrumente gleich an mehreren Standorten kindgerecht erklärt – etwa in der Lutherischen Stadtkirche unter dem Titel Tasterix und Orgelix, in der Friedenskirche Lainz oder in der Pfarre Baumgarten.
Die erste Lange Nacht der Kirchen fand 2005 in Wien statt. Was als Experiment begann, entwickelte sich rasch zu einem ökumenischen Großereignis. Initiiert von der Erzdiözese Wien mit einem klaren Ziel: Kirchenräume einmal anders zu öffnen – niederschwellig, überraschend und auch für jene Menschen, die sonst selten eine Kirche betreten.
Eine Besonderheit Österreichs ist die enge nationale Zusammenarbeit: Seit 2008 beteiligen sich alle neun Bundesländer – ein Modell, das europaweit Schule gemacht hat. Heute wird die Lange Nacht der Kirchen gemeinsam von katholischen, evangelischen, orthodoxen und freikirchlichen Gemeinden getragen.
Auch international entwickelte sich das Format zu einer Erfolgsgeschichte. Erste Impulse kamen zwar aus Norddeutschland, doch in Österreich wurde die Idee weiterentwickelt und schließlich exportiert:
- 2009 startete in Tschechien die Noc kostelů, die sich innerhalb eines Jahres zu einer landesweiten Veranstaltung entwickelte
- Kurz darauf folgten die Slowakei (Noc kostolov), Ungarn (Templomok Éjszakája) und Estland (Kirikute Öö)
- Auch in Südtirol, der Schweiz und Lettland fand das Format Verbreitung
Kulinarische Genüsse: Wenn Messwein auf Streetfood trifft
Beim Essen und Trinken kommen Menschen zusammen – und genau das steht auch bei der Langen Nacht der Kirchen im Mittelpunkt. Zwischen duftenden Schmankerln, edlen Tropfen und gemeinschaftlichen Tafeln entsteht Raum für Begegnung. Die klassische Messweinverkostung hat dabei vielerorts ihren festen Platz.
In der Paulanerkirche etwa lassen sich bei einem Schmankerlbuffet Weine aus verschiedenen Pfarren entdecken, während in der Antonskirche der Wein des Altars nicht nur verkostet, sondern auch erklärt wird.
Auch die Idee der Agape – des gemeinsamen Mahls – wird vielerorts ganz unterschiedlich interpretiert. In der russisch-orthodoxen Kathedrale zum Hl. Nikolaus duftet es nach frisch gebackenen Piroggen, in der Donaucitykirche nach philippinischen Spezialitäten. In der Bernardikapelle servieren Mönche herzhafte Klassiker aus dem Wienerwald, während anderorts Grillparty und Kaffeeklatsch am Programm stehen.
Und wer noch ein bisschen länger bleibt, findet sich vielleicht in einem Pfarrheurigen wieder – etwa in der Pfarre Alser Vorstadt, wo im Klostergarten bei Antoniuswein, belegten Broten und Kuchen der Abend ganz entspannt ausklingt – mit Gesprächen unter freiem Himmel, Kerzenschein zwischen alten Mauern und dem Gefühl, dass Kirche ein geselliger Ort der Begegnung ist.
Wann? 29. Mai 2026, ab 17:00 Uhr (Glockengeläute ab 17:50 Uhr)
Wo? In allen teilnehmenden Kirchen in Wien und ganz Österreich
Eintritt: kostenlos (bei einzelnen Veranstaltungen ist eine Anmeldung nötig)
Mehr Infos: langenachtderkirchen.at
Die Lange Nacht der Kirchen 2026 verspricht mehr als nur ein buntes Programm – sie bietet Raum für Zusammenkünfte, zum Lachen, Shaken, Singen, Innehalten, Nachdenken und Staunen. In einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt und Dialog oft auf der Strecke bleiben, wird Kirche zu einem Ort der Vielfalt – und der Überraschung.
MUT zum Miteinander: Wien feiert die Lange Nacht
Vom Weihrauch zum Weinrausch, vom Tabernakel zur Tanzfläche: Die Lange Nacht der Kirchen 2026 stellt gewohnte Bilder von stillen Messen und ehrfürchtiger Zurückhaltung auf den Kopf. Wenn Blasmusik Hollywood‑Hits spielt, die Kanzel zum DJ‑Pult wird, Wolfgang Amadeus Mozart auf Wolfgang Ambros trifft und Escape‑Rooms im Kirchenkeller locken, sind Wiens Gotteshäuser endgültig außer Rand und Band. Zwischen Action und Andacht, Partyszenen und stillen Momenten entsteht eine wundervolle Nacht, in der sakrale Räume zur Bühne werden – für Messweinverkostung und Grillfest, Kochduell und Ausstellung, Kinderprogramm und Kabarett ebenso wie für klassische Musik, Meditation und Kirchenführungen. Die Lange Nacht der Kirchen ist damit eine MUTige Einladung an alle – für alle: zum Entdecken, Mitfeiern und dazu, Kirche als faszinierenden und schillernden Ort mitten in der Stadt neu zu erleben.