Wahlärzte-Quote: Experten warnen vor den Folgen
Der politische Befund ist klar: Die Wartezeiten im Kassensystem sind lang, die Zwei-Klassen-Debatte kehrt regelmäßig zurück. Nun soll eine Quote Abhilfe schaffen. Wahlärzte sollen einen Teil ihrer Kapazitäten zum Kassentarif anbieten. Für Zusatz- und Privatversicherte könnte damit ein zentraler Mehrwert im Wahlarztsystem schrumpfen. Ob das strukturelle Probleme löst, ist allerdings offen.
Falscher Hebel
Der Wahlarztbereich ist einer der am besten funktionierenden Versorgungsbereiche in Österreich“, betont Edgar Wutscher, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte. In vielen Regionen halte er die Versorgung überhaupt erst aufrecht. Die verpflichtende Quote löse jedoch das Kernproblem nicht. „Der große Zulauf in den Wahlarztbereich zeigt, dass es im Kassenbereich Handlungsbedarf gibt.“
"Das Grundproblem im Kassensystem wird mit dieser Quote nicht gelöst.“
Immer weniger Ärzte könnten die „Fünf-Minuten-Medizin“ mit ihrem Anspruch vereinbaren. Zudem sei unklar, wie die Quote organisatorisch funktionieren solle. „Müssen Wahlärzte eigene Zeitslots reservieren? Und was passiert, wenn diese nicht ausgelastet sind?“ Wutscher fordert stattdessen flexiblere Kassenverträge, weniger Bürokratie und faire Honorierung: „All das würde ermöglichen, dass Ärztinnen und Ärzte wieder gerne im öffentlichen System tätig werden.“
Politisches Signal
Auch der Gesundheitsökonom Ernst Pichlbauer hält wenig von der Maßnahme. „Ein klares Nein“, sagt er auf die Frage, ob dadurch eine spürbare Entlastung zu erwarten sei. Abgesehen von rechtlichen und organisatorischen Unwägbarkeiten erkenne er vor allem Symbolpolitik. „Man spricht von Kassen- und Wahlarztpatienten, als ob das zwei Gruppen wären. Wahlarztpatienten sind immer Kassenpatienten – sie sind nur mit dem Angebot unzufrieden und bereit, zusätzlich zu zahlen.“ Rund drei Millionen Menschen verfügen über eine private Krankenzusatzversicherung. Ihnen werde suggeriert, sie nähmen anderen etwas weg. „Dabei stimmt das so gar nicht, weil ja alles zusätzlich finanziert wird“, so Pichlbauer. Die Beiträge flössen weiterhin ins solidarische System.
"Viele Ärzte wollen keine Fünf-Minuten-Medizin mehr praktizieren.“
Für die private Krankenversicherung selbst könnte die Reform dennoch heikel werden. Wenn der wahrgenommene Zusatznutzen sinkt, gerät das Geschäftsmodell unter Druck. Pichlbauer erwartet daher eine strategische Reaktion: „Ich denke, dass die privaten Versicherungen irgendwann damit beginnen, ein echtes Parallel-System aufzubauen.“ Damit würde sich die Trennung nicht abschwächen, sondern strukturell verfestigen. Langfristig könnte die Reform sogar gegenteilige Effekte haben: Werden zusätzliche Vorgaben den Wahlarztbereich unattraktiver, „werden Wahlärzte eben Privatärzte“ – der Zugang für Kassenpatienten würde damit nicht größer. Ob die Quote Wartezeiten reduziert, hängt daher von echten Strukturreformen im Kassensystem ab. Ohne sie bleibt sie vor allem ein politisches Signal.
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