Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Optische Sensationen im KHM: So haben Sie Wien bestimmt noch nie gesehen

Licht, Atmosphäre und architektonische Präzision: Canaletto und Bellotto inszenieren Städte wie Wien, Venedig und London im KHM gestochen scharf und überraschend lebendig.
Blick vom Oberen Belvedere auf das Wien des 18. Jahrhunderts mit Karlskirche, Stephansdom und eleganten Spaziergängern in den barocken Gartenanlagen, gemalt von Bernardo Bellotto.

Perfekte Perspektive, idealisierte Ansichten und geschickte Vermarktung: Was heute Social-Media-Kanäle prägt, haben zwei Venezianer schon im 18. Jahrhundert perfektioniert. Die aktuelle AusstellungCanaletto & Bellotto" im Kunsthistorischen Museum zeigt, dass touristische Inszenierung und Postkartenidylle keine Erfindungen der Gegenwart sind. Giovanni Antonio Canal und sein Neffe Bernardo Bellotto beweisen es mit ihren Veduten von Venedig, Wien, London und Dresden und zeigen ihren ganz eigenen Canaletto-Blick auf europäische Städte. 

Einblicke in die aktuelle Ausstellung im KHM

Die Kunst der Bildbearbeitung im Kunsthistorischen Museum

Wir alle kennen es: Ein schneller Filter über das Urlaubsfoto, der Horizont wird gerade gerückt und störende Objekte per Klick aus dem Bild entfernt. „Gerade im Zeitalter von Instagram und Facebook ist jedem bewusst, wie inszeniert Fotos heute sind. Wir glauben, diese Art der digitalen Selbstinszenierung sei ein Phänomen unserer Zeit, doch das war schon vor 300 Jahren der Fall", macht es Kurator Mateusz Mayer gleich zu Beginn der Ausstellung spannend. Und tatsächlich wird in den prachtvollen Sälen des Kunsthistorischen Museums schnell deutlich, dass die zwei Meister der Vedute bereits im Barock genau jene Ästhetik vorwegnahmen, die heute unsere Social-Media-Kanäle beherrscht.

Canaletto & Bellotto: Die Erfindung der perfekten Stadtansicht

Was wie ein gewagter Vergleich klingt, wird beim Blick auf die Werke von Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, und seinem Neffen Bernardo Bellotto schnell deutlich: Diese Maler komponierten ihre Stadtansichten wie heutige Content Creator:innen ihre Posts oder Grafikdesigner:innen ihre Visualisierungen. Denn ihre Veduten (italienisch für Ansichten) sind keine originalgetreuen Abbildungen: „Stadtansichten des 18. Jahrhunderts sind in Wirklichkeit sorgfältig konstruierte Bildschöpfungen", bestätigt Mayer. Denn: Die Maler verschoben Gebäude, verdichteten Perspektiven, ergänzten Unfertiges. Was damals mithilfe von Lineal, Camera obscura und später mordernen Vermessungsgeräten entstand, diente bereits der perfekten Inszenierung von Städten. „Das erinnert an heutige Bildbearbeitung: Photoshop und KI aus dem 18. Jahrhundert", bringt es Mayer auf den Punkt. „Man skalierte, kombinierte, optimierte. Immer mit dem Ziel, eine Stadt zu zeigen, wie sie sein sollte, nicht unbedingt, wie sie war."

Gemälde mit Blick auf einen belebten Hafen in Venedig, vielen Booten auf dem Wasser und Menschen auf einer Uferpromenade.

Die Ausstellung präsentiert 32 Gemälde von Canaletto und Belotto, darunter Werke aus dem Kunsthistorischen Museum und hochkarätige Leihgaben. Ein Höhepunkt ist Canalettos spektakuläre Ansicht von Venedig: Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore (1735/44) aus der Wallace Collection.

Tourismus in Venedig: Die Lagunenstadt als Bühne

Was brachte Canaletto und Bellotto dazu, europäische Städte im 18. Jahrhundert im schönsten Licht darzustellen? 

Die Antwort liegt weniger in romantischer Verklärung als in einem neuen gesellschaftlichen Bedürfnis: Reisen und Kunst wurden zum Statussymbol. Als englische Aristokraten in Scharen nach Venedig strömten, um Kunst, Kultur, Musik und Theater zu genießen, entwickelte sich gerade ein Phänomen, das wir heute Tourismus nennen.

„Die Lagunenstadt war ein Zentrum der internationalen Reisetätigkeit", erklärt Jonathan Fine, Generaldirektor des KHM-Museumsverbandes. „Besonders für die junge britische Aristokratie gehörte Venedig fix zur sogenannten Grand Tour, jener Bildungsreise, mit der man sich die kulturellen Grundlagen Europas aneignete." Man besuchte Opern- und Theaterhäuser, während die Stadt mit ihren Palästen und Kanälen selbst zur Bühne wurde. 

Wer etwas auf sich hielt, wollte diese Reiseerlebnisse festhalten. Die Veduten dienten dabei als Erinnerung, als eine Art Postkarte – mit einem entscheidenden Unterschied: „Sie waren nicht ganz billig", klärt Fine auf. „Ein Canaletto war mehr als ein Souvenir. Es fungierte als Statussymbol und sichtbares Zeichen von Weltläufigkeit und Geschmack."

asdf

Venedig war im 18. Jahrhundert die Welthauptstadt der Bühnenkunst, der Inbegriff von Sehen und Gesehenwerden. Wer hierherkam, wollte nicht nur die Stadt erkunden, sondern auch Teil des Schauspiels sein.

Canaletto verband optische Genauigkeit mit malerischer Fantasie, um die einzigartige städtische Umgebung Venedigs in eine idealisierte Bühne zu verwandeln. Paläste rahmen die Szene wie Kulissen, Menschen bevölkern sie wie Statisten.

von Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums

Regisseure auf der Leinwand: Touristische Inszenierung und ästhetische Überhöhung

Dass ausgerechnet Antonio Canal diese Epoche so meisterhaft festhielt, war kein Zufall. Er wuchs mitten in diesem perspektivischen Kulissenzauber auf: Als Sohn eines Bühnenbildners wurde ihm das Theatralische in die Wiege gelegt. So entwickelte er früh ein Gespür für Raum, Blickachsen sowie dramatische Effekte und verwandelte Venedig auf der Leinwand in ein grandioses Theater.

In den glanzvollen 1730er-Jahren florierte seine Werkstatt so sehr, dass sein talentierter Neffe Bernardo Bellotto bereits mit dreizehn Jahren bei ihm in die Lehre ging. Dort erlernte er die Kunst der präzisen Beobachtung und Vedutenmalerei. Doch der Österreichische Erbfolgekrieg bereitete diesem venezianischen „Postkarten-Boom" ein jähes Ende: Die Reiseströme versiegten, die zahlungskräftige Kundschaft blieb aus. Die Wege der beiden Künstler trennten sich für immer.

Ein großformatiges Gemälde von Canaletto zeigt eine detailreiche Ansicht der Themse in London mit zahlreichen Booten, ausgestellt im Kunsthistorischen Museum Wien.

Während Antonio Canal versuchte, sein Glück in London zu finden, zog es Bellotto nach 1747 Dresden. Der Neffe erwies sich dabei als überaus geschäftstüchtig: Er fügte seiner Signatur kurzerhand den Namen seines Onkels Canaletto hinzu, um seine eigene Marktattraktivität zu steigern und seine künstlerische Abstammung zu unterstreichen.

Die Werke von Canaletto und Bellotto zeigen Europa als Raum kultureller Begegnungen, lange bevor der Begriff der europäischen Öffentlichkeit geprägt wurde. Ihre Veduten verbinden Städte wie Venedig, Dresden, London oder Wien durch die Perspektive der Reisenden und Sammler des 18. Jahrhunderts.

von Jonathan Fine, Generaldirektor des KHM-Museumsverbandes

Canaletto: Ein Name, zwei Wege, zwei Welten

Die Karrieren der beiden Maler hätte ab 1746 kaum unterschiedlicher ausfallen können. Während Antonio Canal in London das prekäre Leben eines freiberuflichen Vedutenmalers führte, der um jeden Auftrag kämpfen musste, gelang seinem Neffen ein beispielloser Karrieresprung. Bernardo Bellotto wurde 1748 am sächsischen Hof zum hochbezahlten Hofmaler des Kurfürsten von Sachsen ernannt. Doch das künstlerische Glück an der Elbe sollte jäh unterbrochen werden. Der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges im Jahr 1756 und der Einmarsch preußischer Truppen setzten Bellottos blühendem Jahrzehnt ein abruptes Ende. Auf der Suche nach neuen Gönner:innen blieb schließlich nur eine Richtung: Wien. Im Jänner 1759 erreichte er die habsburgische Residenzstadt im Aufblühen nach der osmanischen Belagerung in der Hoffnung auf eine feste Anstellung bei Hofe.

Zwei großformatige Veduten von Schloss Schönbrunn und belebtem Vorplatz flankieren Büsten von Maria Theresia und Franz I. Stephan in der Ausstellung „Canaletto & Bellotto“ im Kunsthistorischen Museum.

Die Ausstellung „Canaletto & Bellotto“ zeigt unter anderem zwei Veduten vom Schloss Schönbrunn. Zwei Büsten von Maria Theresia und Franz I. Stephan flankieren die großformatigen Stadtansichten wie stille Zeugen.

Wien, Wien nur du allein: Im Dienste Ihrer Majestät

Um es vorweg zu nehmen: Bernardo Bellotto blieb die erhoffte institutionelle Anerkennung verwehrt. Dennoch schuf er in nur zwei Jahren eine Serie von 16 monumentalen Veduten, die Wien und seine kaiserlichen Residenzen bis heute prägen. Über aristokratische Netzwerke erhielt er Aufträge, die den Rang Wiens als imperiale Metropole inszenierten. „Hervorgehoben werden die neuere Architektur und der prunkvolle Rang Wiens als Sitz des Kaiserhauses. Aus heutiger Sicht lässt sich darin durchaus eine Form von Werbung für Wien als Residenzstadt erkennen", erklärt Jonathan Fine und Mateusz Mayer ergänzt. „Bellotto hat den Status Wiens als Zentrum von Wissenschaft und Forschung betont und mit idealisierten Ansichten um die Gunst von Maria Theresia und Franz Stephan geworben."

Bernardo Bellottos Gemälde zeigt Wien im 18. Jahrhundert mit Blick vom Belvedere, detailreich mit Gärten, Teichen und der Karlskirche im Hintergrund.
Blick vom Oberen Belvedere über die barocken Gartenanlagen auf die Wiener Innenstadt mit markanten Wahrzeichen wie Stephansdom und Karlskirche.

Die Aussicht vom Belvedere auf Wien zählt zu den bekanntesten Veduten der österreichischen Hauptstadt. Das Panorama zeigt den Blick nach Norden von jenem Sommerpalast, den Prinz Eugen von Savoyen errichten ließ und den Kaiserin Maria Theresia 1752 erwarb.

Der Canaletto-Blick: Schöner als die Wirklichkeit

Besonders deutlich zeigt sich Bellottos Strategie der politischen Inszenierung im berühmten Canaletto-Blick vom Oberen Belvedere. „Gebäude mit Bezug zur Kaiserin wurden größer dargestellt oder an andere Positionen gerückt", beschreibt Mateusz Mayer die Bildkomposition. So erscheint die Salesianerinnenkirche besonders prominent, der Turm der Elisabethinenkirche wurde sogar eingefügt, obwohl er von diesem Standpunkt aus gar nicht sichtbar gewesen wäre. „Bellotto fügte ihn vermutlich ein, weil die Kaiserin den Bau mitfinanziert hatte", so Mayer.

Große barocke Kirche mit Kuppel inmitten einer Stadtlandschaft, umgeben von Bäumen und Gebäuden bei Sonnenuntergang.
Stadtansicht mit historischen Gebäuden, im Zentrum ein hoher Kirchturm, dahinter sanfte Hügel und ein pastellfarbener Himmel.
Prächtige Gartenanlage mit Springbrunnen, Spaziergängern in historischer Kleidung und einer Stadt im Hintergrund.
Bernardo Bellottos Gemälde zeigt eine detailreiche Ansicht Wiens mit barocken Gebäuden, Gartenanlagen und der markanten Kuppel der Peterskirche im Abendlicht.

Eine Stadtansicht, die Wien bis heute prägt

Bellottos „Wien vom Belvedere aus gesehen“ (1759/60) wurde im Laufe der Zeit zur Stadtikone, obwohl das Werk auf bewusster Manipulation beruht. „Bellotto schummelte bei der Topografie, um die Wirkung zu steigern“, fasst Jonathan Fine zusammen. Gerade diese idealisierte Utopie verkörperte den Anspruch Wiens als aufgeklärte Weltstadt so überzeugend, dass sie sich tief ins kulturelle Gedächtnis einschrieb.

Trotz massiver Veränderungen während des 19. Jahrhunderts blieb der Gesamteindruck des Canaletto-Blicks weitgehend erhalten. Bis heute dient er als Referenz in Debatten um Hochhausprojekte wie am Heumarkt und als zentrales Argument zum Schutz der Wiener Skyline.

Blick vom Oberen Belvedere auf Wiens Innenstadt mit moderner Hochhausmontage, die die Debatte um den Schutz des historischen Canaletto-Blicks illustriert.

Es ist ein Paradoxon der Architekturgeschichte: Der konstruierte Blick von Bernardo Bellotto bestimmt bis heute Wiens Erscheinungsbild. Die Diskussion um den Heumarkt-Hochbau rückte ihre Bedeutung erneut ins Bewusstsein.

Wenn der Maler zum Soziologen wird: Beobachtung der Wiener Bevölkerung

Doch wer bei den Veduten Canalettos nur auf Paläste und Kirchtürme blickt, übersieht Wesentliches: die Menschen. Lebendig werden diese Stadtansichten erst durch jene Figuren, die die Straßen bevölkern und durch die Art, wie Bellotto sie ins Licht rückt. „Er muss die Menschen studiert haben“, hält Mayer fest. Besonders Bernardo Bellotto entwickelte ein beinahe wissenschaftliches Interesse an den Bewohner:innen der Städte, die er malte. Mayer beschreibt seine Herangehensweise als „nahezu ethnografische Erfassung der Wiener Bevölkerung“. Während sein Onkel Antonio Canal seine Figuren oft nur skizzierte, tauchte Bellotto tief in die soziale Realität des urbanen Raums ein.

Zwei Schornsteinfeger arbeiten auf einem Dach mit Leiter und Schornstein unter klarem Himmel, ein Detail aus einem Gemälde von Canaletto oder Bellotto.
Eine Person mit dunklem Haar lehnt sich aus einem geöffneten Fenster eines alten Gebäudes.
Zwei Frauen in historischer Kleidung unterhalten sich auf einer Straße, daneben ein kleiner Hund, detailreich gemalt von Canaletto oder Bellotto.
Detail einer Staffagefigur aus einem Gemälde von Bernardo Bellotto: Eine Frau mit Kopftuch trägt einen großen Korb auf dem Rücken und steht im Licht, Symbol für den Alltag im Wien des 18. Jahrhunderts.

In Wien wurden seine Staffagefiguren schließlich immer zahlreicher, größer und prominenter. Adelige, Rauchfangkehrer, Mönche, Gärtner, Mägde, Soldaten, Kranke und Kinder: die gesamte Bandbreite der Gesellschaft bevölkert bald Bellottos Ansichten von Wien. Mit unglaublicher Detailgenauigkeit schildert er den Alltag in der kaiserlichen Hauptstadt, während er scheinbar beiläufig immer wieder lokale Besonderheiten wie die Hasenbalgkrämerin oder den Küchenträger dokumentiert.

Der Lobkowitzplatz in Wien: Lichtregie mit Scheinwerfern

Ein besonderes Beispiel dafür ist seine Ansicht vom Lobkowitzplatz: Das Bild offenbart damit eine andere Seite der Stadt und zeigt, wie der Maler mit Licht und Schatten nicht nur Architektur, sondern auch gesellschaftliche Verhältnisse inszenierte. Wer genau hinsieht, entdeckt in der Dunkelheit ein Mädchen mit einer Krücke und lahmende Männer: Figuren der Not, die Bellotto zwar dokumentierte, zugleich aber bühnenbildnerisch an den Rand drängte, um die soziale Ordnung seiner Zeit als wohlgefügt erscheinen zu lassen.

Lobkowitzplatz, Palais Lobkowitz
Das Gemälde zeigt den Lobkowitzplatz mit einem großen Gebäude und Stephansdom im Hintergrund.

Das Palais Lobkowitz (1685–1687), heute Sitz des Theatermuseums nahe der Albertina, zählt zu den ältesten Adelspalästen Wiens und ist das einzige Bauwerk am Lobkowitzplatz, das bis heute erhalten ist. Hinter dem Palais ist noch das gotische Dach der ehemaligen Dorotheerkirche zu erkennen; an ihrer Stelle steht heute das Dorotheum. Die Rückseite wird von der Gartenmauer des Kapuzinerklosters abgeschlossen. Über der Szenerie thront der Stephansdom, allerdings nur auf Bellottos Leinwand. Wer heute am selben Standort steht, sucht ihn vergebens: Für die Bildwirkung rückte ihn der Maler ins Zentrum der Komposition.

Auch Bellottos Lichtregie folgt weniger der Realität als der Dramaturgie. Während das Palais im Sonnenlicht erstrahlt, liegt das Bürgerspital im Schatten. „Interessanterweise entspricht dieses Licht nicht der topografischen Wirklichkeit“, klärt Mateusz Mayer auf. „Tatsächlich sind die Lichtverhältnisse damals wie heute nahezu umgekehrt.“

Lebendige Zeitdokumente: In die Geschichte des 18. Jh. eintauchen

Für Jonathan Fine sind die Veduten von Canaletto weit mehr als Architekturansichten: Sie zeigen eine Gesellschaft, geprägt von der „starken Begegnung von Menschen aus unterschiedlichen Klassen“. Gerade Nebenfiguren wie Rauchfangkehrer, Sänftenträger oder barfüßige Gärtner verleihen den Gemälden eine ungeheure Lebendigkeit.

Die Ausstellung wirkt damit weniger wie ein Archiv als wie eine Bühne. Touristische Inszenierung, ikonische Blickwinkel und ästhetische Überhöhung erscheinen hier nicht als Phänomene der Gegenwart, sondern als Erfindungen einer Epoche, in der Kunst, Reisen und Selbstinszenierung erstmals eng miteinander verschmolzen.

Man muss im Hinterkopf behalten, dass der Großvater Bellottos, Bernardo Canal, eigentlich Bühnen-Set-Designer war. Das heißt, das Inszenieren der Stadt, das Inszenieren der Elemente liegt dem Maler im Blut.

von Mateusz Mayer, Kurator im Kunsthistorischen Museum

Bernardo Bellottos Gemälde zeigt Schloss Hof bei Wien im 18. Jahrhundert, mit eleganten Figuren im Garten und Blick auf die Donau, als Teil seiner idealisierten Stadtansichten.

Bellottos Ansicht von Schloss Hof zeigt sein theatralisches Gespür: Die Architektur rahmt die Szene wie ein Bühnenbild, während die Figuren im Vordergrund wie Schauspieler:innen platziert sind. In der Ferne am Horizont ist die mittelalterliche Festung Theben/Devín bei Bratislava zu sehen.

Reisen durch Raum und Zeit: Veduten im digitalen Zeitalter

Schon im 18. Jahrhundert arbeiteten Canaletto und Bellotto mit modernsten optischen Hilfsmitteln und manipulierten ihre Ansichten gezielt. „Das erinnert an heutige Bildbearbeitung, Copy und Paste, Photoshop aus dem 18. Jahrhundert“, so Mayer. Doch welche Werkzeuge würden die beiden Meister der Stadtansicht im digitalen Zeitalter einsetzen? Für Kurator Mateusz Mayer liegt die Antwort auf der Hand: „Da sie bereits vor 300 Jahren am Puls der Technik gearbeitet haben, kann ich mir vorstellen, dass sie heute mit Satellitenbildern oder Drohnenaufnahmen arbeiten und vielleicht auch künstliche Intelligenz nutzen würden."

Und was würde Bellotto heute in Wien malen? „Vermutlich stünden weiterhin ikonische Barockbauten wie Schloss Schönbrunn, die Karlskirche oder das Belvedere im Fokus. Gleichzeitig würde er sich aber für hochmoderne Architektur interessieren, die Wien als Zentrum für Forschung und Wissenschaft auszeichnet. Motive wie der DC Tower oder der WU-Campus wären für ihn heute wahrscheinlich ebenso reizvoll wie die Paläste des 18. Jahrhunderts."

Fazit: Canaletto &  Bellotto im Kunsthistorischen Museum

Wer bei Vedutenmalerei an statische Panoramen und langweilige Postkartenidylle denkt, wird in der aktuellen Ausstellung „Canaletto & Bellotto“ im Kunsthistorischen Museum von einer ungeheuren Lebendigkeit und Theatralik überrascht. Die Ausstellung bietet weit mehr als eine Zeitreise nach Venedig, London und Wien des 18. Jahrhunderts, sie eröffnet einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen der Bildkomposition.

Die Stadtansichten laden schließlich zu einer besonderen Form des Sightseeings ein: Sie animieren dazu, in die Atmosphäre des Barock einzutauchen und urbane Räume mit anderen Augen zu betrachten. In Venedig erleben Sie den prunkvollen Bürgerstolz bei der symbolischen Meereshochzeit, London zeigt sich mit einem Hauch von Venedig und Wien wird als Stadt im Geist der Aufklärung dargestellt – perspektivisch verzerrt und voller subtiler politischer Botschaften.

Werfen Sie unbedingt einen genauen Blick auf die Details, denn vor der akribisch gemalten Architektur entfaltet sich ein wahres Schauspiel mit unzähligen Figuren, die den Bildern Lebendigkeit verleihen. Um die Inszenierung der Staffage und verborgene Botschaften zu entschlüsseln, empfiehlt sich eine Führung durch die Ausstellung. Danach können Sie selbst die Position des Künstlers einnehmen und sich auf eine Schnitzeljagd nach den berühmten „Canaletto-Blicken" in Wien begeben.

Kunsthistorisches Museum

Die aktuelle Schau im Kunsthistorisches Museum Wien macht sichtbar, wie modern die Bildwelten von Canaletto und Bellotto tatsächlich sind.