AGRANA: Ernährungssicherheit beginnt am Boden

Versorgung, Rohstoffe, Sicherheit – in einer unsicheren Welt wird klar, wo Europa aufholen muss: beim Boden.
Podiumsdiskussion mit mehreren Teilnehmern vor Publikum im modern beleuchteten Saal.

Boden war lange eine Selbstverständlichkeit. Etwas, das da ist, bewirtschaftet, verbaut, geschützt oder genutzt wird. Beim ersten Vienna Soil Dialog, der auf Initiative von AGRANA vergangenen Montag im Raiffeisenhaus stattfand, wurde aus Boden etwas anderes: ein strategischer Faktor. Einer, an dem sich Fragen von Ernährung, Industrie, Versorgung, Klimaanpassung und Sicherheit bündeln. Unter der Moderation von KURIER-Herausgeberin Martina Salomon diskutierten Norbert Totschnig, Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Johanna Mikl-Leitner, Landeshauptfrau von Niederösterreich, Stephan Büttner, CEO der AGRANA Beteiligungs-AG, Erwin Hameseder, Aufsichtsratsvorsitzender der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien und der Raiffeisen Bank International, Alois Schwarz, Bischof der Diözese St. Pölten, sowie Journalist und Geopolitik-Experte Christian Wehrschütz. 

Der Tenor des Abends: Boden ist nicht mehr nur Umwelt- oder Agrarthema. Boden wird zur Frage der Souveränität und der Sicherheit.

Ein Mann im Anzug mit einem Mikro

Der Import von Rohstoffen bedeutet letztlich auch den Import von Risiken.

von Stephan Büttner, AGRANA Beteiligungs-AG

Verwundbarkeit

Der neue Ernst dieser Debatte beginnt dort, wo Versorgung nicht mehr als gesichert gilt. Christian Wehrschütz, der die Kriegsrealität in der Ukraine seit Jahren beobachtet, widersprach zwar der These, Russland habe den Krieg primär begonnen, um Europas Kornkammer zu destabilisieren. Doch er machte ebenso klar, wie massiv die Folgen für die Landwirtschaft sind: „Zwei bis drei Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche sind von den Russen besetzt.“ 

Dazu kommen Minen, zerstörte Infrastruktur und massiv gestiegene Kosten. Der Krieg sei nicht primär wegen der Landwirtschaft geführt worden – doch er mache sichtbar, wie verletzlich sie ist. „Das eigentliche Problem ist nicht, dass Flächen zerstört werden und nicht mehr nutzbar sind.“ Europa hat für dieses Problem jedoch bis heute keine klare strategische Antwort – auch deshalb, weil offenbleibt, welche Rolle die Ukraine künftig spielen soll.

Ein Mann im Anzug spricht mit einem Mikrofon während einer Podiumsdiskussion.

Die Globalisierung brachte nicht nur Wohlstand, sondern auch Abhängigkeiten. 

von Erwin Hameseder, Raiffeisen-Holding Wien-NÖ

Risiken

Genau hier setzt Stephan Büttner an. Für ihn zeigt sich an dieser Entwicklung, wie sehr sich die Rolle des Bodens verändert hat. „Wenn wir Rohstoffe importieren, importieren wir letztlich auch Risiken.“ Die Versorgungssicherheit werde durch geopolitische Konflikte, Klimawandel und steigende Kosten zunehmend fragiler. Das zeigt sich aktuell auch im Nahen Osten: Der Konflikt rund um den Iran und die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Handelsrouten für Energie- und Rohstofftransporte, macht sichtbar, wie schnell globale Lieferketten ins Wanken geraten können.

Der Idealfall sei laut Büttner lokale Produktion für lokale Märkte, doch in einer globalisierten Wirtschaft bleibe man letztlich auf Partnerschaften angewiesen.

Frau im weißen Blazer spricht mit Mikrofon vor Hintergrund mit Gräsern.

Ackerflächen sind Grundlage für Lebensmittel, Industrie und Wirtschaft.

von Johanna Mikl-Leitner, Landeshauptfrau NÖ

Abhängigkeiten

Auch Erwin Hameseder rückt Boden in die Nähe klassischer Sicherheitsfragen. „Globalisierung war kein Allheilmittel. Sie hat Wohlstand gebracht, aber auch enorme Abhängigkeiten“, sagt er. Gerade bei knappen Gütern wie Boden zeige sich, wie verwundbar Systeme geworden sind. Die Konsequenz sei klar: regionale Wertschöpfung stärken, Abhängigkeiten reduzieren und Autonomie zurückgewinnen. „Ich zahle lieber eine Versicherungsprämie, als billig zu produzieren und dann keine Versorgung mehr zu haben,“ so Hameseder.

Ein älterer Mann im Anzug spricht mit einem Mikrofon in der Hand.

Die Verantwortung beginnt beim Einzelnen. Einer kann die Welt retten – oder ruinieren.

von Bischof Alois Schwarz, Diözese St. Pölten

Resilienz

Damit verschiebt sich die Debatte vom Problem zur Lösung – und zur Frage nach Resilienz.

Für Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig ist diese Perspektive zentral: „Das ist keine rein betriebswirtschaftliche Frage mehr, sondern eine Resilienzfrage.“ Spätestens seit der Pandemie sei klar, dass Lieferketten nicht selbstverständlich funktionieren. Die Antwort darauf müsse breit sein: Klimaanpassung, standortgerechte Produktion und geringere Abhängigkeit von Importen. „Man muss mit den Ressourcen arbeiten, die vor Ort zur Verfügung stehen.“

Ein Mann im Anzug mit Mikro

Standortgerechte Produktion heißt mit den Ressourcen zu arbeiten, die vor Ort vorhanden sind.

von Norbert Totschnig, Land- und Forstwirtschaftsminister

Bioökonomie

Ein zentraler Baustein dieser Resilienz ist für Stephan Büttner die Bioökonomie: „Das ist kein Trend, der wieder vorbeigeht, sondern die Realität der nächsten Jahrzehnte.“ Wenn fossile Rohstoffe knapper werden, gewinnen biogene Rohstoffe nicht nur als Lebensmittel, sondern auch als industrielle Basis für Stärke, Chemikalien, Nebenprodukte und neue Wertschöpfungsstufen automatisch an Bedeutung. 

Gerade darin liege die Chance für einen Standort wie Österreich. Das Problem sei nur: „Alle wollen dieses Thema unterstützen, aber keiner will es bezahlen.“ Die Transformation brauche Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe, verlässliche Programme und politische Zielsetzungen, die nicht laufend wieder zurückgenommen werden. Ohne Planungssicherheit, so der AGRANA-Chef, lasse sich der Umbau nicht stemmen.

Ein älterer Mann mit Brille hält ein Mikrofon und spricht bei einer Podiumsdiskussion.

Neben der technischen braucht es eine emotionale Ebene, um Menschen zu erreichen.

von Christian Wehrschütz, Journalist, Geopolitik-Experte

Balance

Johanna Mikl-Leitner sieht genau darin eine zentrale Aufgabe der Politik und widerspricht dem vermeintlichen Gegensatz zwischen Schutz und Nutzung. „Es darf nicht ‚entweder oder’ heißen, sondern ‚sowohl als auch’“, sagt sie. Niederösterreich habe Flächen gesichert, Siedlungsgrenzen definiert und den Bodenverbrauch reduziert. Ziel sei es, wirtschaftliche Entwicklung und Bodenschutz zusammenzudenken. „So viel Bodenverbrauch wie notwendig und so wenig wie möglich.“

Zugleich betont sie die oft unterschätzte Rolle der Landwirtschaft: „Unsere Ackerflächen sind nicht nur Grundlage für Lebensmittel, sondern auch für Industrie und Wirtschaft.“ Von Zucker über Bier bis zu pharmazeutischen Produkten reiche die Wertschöpfung. Bodenschutz sei damit längst auch Industrie- und Standortpolitik – und ein Thema für die gesamte Gesellschaft.

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Emotion

Dass diese gesellschaftliche Dimension stärker sichtbar werden muss, unterstreicht auch Christian Wehrschütz. Die Debatte sei oft zu technisch. „Wir sollten das nicht nur technisch angehen.“ Begriffe wie Resilienz allein, würden nicht motivieren. Es brauche auch emotionale Zugänge, um die Bedeutung von Boden greifbar zu machen.

Ein grünes und gelbes Feld

„Soil Security“, also Bodensicherheit und -politik, ist auch Rohstoff- und Außenpolitik. Sie entscheidet, wie verwundbar wir gegenüber Energie-, Dünger- oder Flächenimporten sind.

Verantwortung

Genau hier setzt Bischof Alois Schwarz an. Für ihn ist Boden mehr als eine Ressource. „Die Wahrheit über den Boden ist symphonisch“, sagt er – jede Perspektive zeige einen Teil des Ganzen. Boden sei „wie ein Diamant“, dessen Bedeutung sich erst im Zusammenspiel mit anderen erschließe. Entscheidend sei, einander zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen.

Diese Verantwortung beginne beim Einzelnen. „Einer kann die Welt retten – oder ruinieren“, sagt Schwarz. Boden sei immer auch Heimat und Schöpfung und damit mehr als eine ökonomische Größe.

Ausblick

Am Ende wird die Diskussion wieder konkret. Totschnig formuliert zwei zentrale Ziele: Bodenverbrauch reduzieren und Bodenqualität verbessern. Österreich habe hier Fortschritte gemacht, etwa durch Monitoring und strengere Schutzmaßnahmen. „Wir müssen den Bodenverbrauch reduzieren und gleichzeitig die Bodenqualität verbessern. Das ist unser Zugang.“

Mikl-Leitner will diesen Weg weitergehen und Niederösterreich mit klarer Raumordnung, Entsiegelung und effizienter Flächennutzung als Modellregion positionieren. Hameseder erinnert daran, dass Versorgungssicherheit Teil der Landesverteidigung ist und warnt: „Wir leben in einem hybriden Krieg.“ Versorgungssicherheit sei daher nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine sicherheitspolitische Aufgabe. Dazu gehöre auch, wieder stärker über strategische Vorräte nachzudenken.

Büttner fordert stabile Rahmenbedingungen und Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette: „Wenn einer versucht, den anderen zu dominieren, bleibt am Ende keiner übrig.“

Boden als Schlüssel

Die Erkenntnis des Abends ist klar: Boden ist zur Schlüsselressource geworden. Er verbindet Ernährung, Wirtschaft, Klimapolitik und Sicherheit.

Am Ende bleibt daher nur eine einfache, aber entscheidende Frage offen: Wie ernst nimmt unsere Gesellschaft ihre eigene Lebensgrundlage?