© Jennifer Fetz/Brandstätter Verlag

Chronik Wien WOHNKURIER
09/06/2020

„Wer im Gemeindebau lebt, kann was erzählen“

Stadtkult. Das Leben ist bunt im Wiener Gemeindebau und könnte vielfältiger nicht sein. Ein Blick hinter die Fassaden und Gespräche mit Menschen, die hier wohnen.

Die einen kommen von weit her, die anderen sind hier aufgewachsen. Manche sind jung und gehen noch in die Schule, andere studieren, arbeiten oder suchen gerade eine Beschäftigung, viele sind bereits im Ruhestand. Teilweise wohnen sie allein, großteils aber mit der Familie und oft mit einem Haustier zusammen.
Die Menschen im Wiener Gemeindebau könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch verbindet sie alle etwas: die Zugehörigkeit zum sozialen Wien und die Begeisterung für ein Kulturgut der Stadt – für den weltweit einzigartigen kommunalen Wohnbau, der sich in der Bundeshauptstadt quer durch alle Bezirke manifestiert.  


Freud’ und Leid

Tausende Schicksale, Tausende Geschichten, Freude und Leid, Erfolg und Scheitern, Glück und Hoffnung, schlicht das unverfälschte Leben ist hier seit Generationen  präsent. 100 ebenso spannende wie alltagsnahe Beispiele wurden nun in dem schönen, aufwendig gestalteten Buch „Wiener Wohnwunder“ gesammelt und mit vielen Fakten und Wissenswertem ergänzt. Wussten Sie zum Beispiel, dass heute jeder vierte Wiener in einem Gemeindebau wohnt? Dass sich hier rund 5.000 Büro- und Geschäftslokale sowie 560  Arztpraxen befinden? Oder dass mehr als 70.000 Bäume und 1,8 Millionen Sträucher die sozialen Wohnanlagen mit insgesamt fast 220.000 Wohnungen begrünen?
Fest steht: Das Leben hier ist bunt und könnte vielfältiger nicht sein. Da ist zum Beispiel Herr Zaufal, der seit 1976 in der Bossigasse in Hietzing lebt. Er hat den Gemeindebau quasi geheiratet, wie er erzählt. Genaugenommen war es seine Frau, die damals schon hier gewohnt hat. Heute  teilt der Pensionist seine Leidenschaft mit vielen Gleichgesinnten – in seiner  ehrenamtlichen Funktion als Mieterbeirat. So setzt er etwa mit seiner Nachbarin, Frau Lenikus, die schon seit ihrer Kindheit im Gemeindebau wohnt, das von wohnpartner ins Leben gerufene Programm „Willkommen Nachbar“ um. Darüber hinaus haben die beiden etliche weitere, Gemeinschaft stiftende Initiativen ins Leben gerufen, darunter das monatliche „Kaffeekränzchen“, wo unter anderem Neumieter ihre deutschen Sprachkenntnisse verbessern können. „Mein Lieblingsplatz ist einfach in der Mitte einer Gemeinschaft“, bringt Herr Zaufal sein Begehr’ auf den Punkt.
Frau Nasri wiederum wohnt erst seit 2011 im Onno-Klopp-Hof in Penzing, zeigt sich aber ebenfalls recht zufrieden: „Manchmal gibt’s mit den Kindern Reibereien, aber die sollen sich das selbst ausmachen. Sonst kann ich mich nicht beschweren.“ Neben ihr sitzt Frau Hopfinger, die schon seit 50 Jahren hier lebt. Zwar ist sie nicht mit allem einverstanden, nach einer echten Klage klingt es jedoch nicht: „Wie soll ich’s sagen, früher war’s mehr eine Familie, da hat jeder jeden kennt, heute hab ich Probleme damit. Früher sind wir Eltern alle da gesessen, wo jetzt die Mistkübel stehen, und ham die Leit ausg’richt. Des wird immer so sein und des is’ ganz normal. Aber im Großen und Ganzen passt’s.“


Filmreife Szenen

Während Single Zsuzsi 2014 über die JungwienerInnenaktion aus dem Studentenheim in den Gemeindebau in Wien-Meidling kam, zog Frau Schneider einst als berufstätige Alleinerzieherin dreier Kinder am Schöpfwerk ein. „Erst als die Kinder größer wurden, hab ich mehr Zeit gehabt und bei diversen Sanierungsmaßnahmen mitgeholfen. So haben wir zum Beispiel durchgesetzt, dass die Stiegen, die trotz vieler Parteien nur eine Waschküche hatten, mehr bekommen, sodass jetzt alle gleich viel haben.“ In der „Bassena“, dem kulturellen Zentrum und Treffpunkt der Wohnanlage, wurden übrigens kürzlich 30 Jahre „Schimmel“ gefeiert. Gemeint ist die inzwischen legendäre Zeitschrift, deren Name noch von den Anfangsproblemen des riesigen Baus zeugt.
Deutlich kleinstrukturierter ist die Wohnsiedlung Schmelz mit ihren Kleingärten. Sie gehört zu den ältesten Gemeindebauten der Stadt. Bereits 1916 als Teil des Arbeiterwohnbauprogramms begonnen, wurde der erste Teil der Siedlung  erst 1920 fertiggestellt. Die Gärten waren ursprünglich zum Zwecke der Selbstversorgung angelegt. „Die Siedlung besteht aus vier Blöcken, und jeder Block hat 75 Gärten“, erzählt Herr Mack, der als Mieterbeiratsvorsitzender „automatisch von Garten zu Garten geht“. Er weiß aus Erzählungen, dass manche Leute  hier ihre ganze Jugend verbracht haben. „Das war und ist sehr familiär“, stellt er fest und zeigt: „Da oben hat’s auch den ältesten Filmklub Europas gegeben, der hat hier einen Film gemacht mit dem Titel ‚Das Dorf in der Großstadt‘. Und genau das, find ich, is’ es auch.“
Engagierte Menschen finden sich in Wien so gut wie in jedem Gemeindebau. Sie helfen mit, den Alltag im kommunalen Wohnbau noch lebenswerter und an die konkreten Bedürfnisse der Bewohner angepasst zu gestalten. Frau Kornelia Schrammel, Mieterin in der Melangasse, hat vor zwölf Jahren einen Raum genommen, ihn mit Leben gefüllt und ihr Wohnhaus damit nachhaltig verändert. „Ich bin damals dem Mieterbeirat beigetreten und war natürlich emsig. Ich stieß auf einen Gemeinschaftsraum, der wirklich zugemüllt war, jeder hat da seinen Mist entsorgt. Ich hab dann mit Wiener Wohnen gesprochen und gebeten, dass ich den Raum haben kann.“ Danach ist alles entrümpelt, gereinigt und neu gestaltet worden. „Heute werden hier Weihnachtsabende veranstaltet, Basteleien, Faschingsfeste für die Kinder, aber auch private Geburtstagsfeiern.“


Wände sprechen Bände

Doch nicht nur die Menschen im Gemeindebau blicken auf viele spannende Geschichten zurück, auch die Gebäude selbst sind beeindruckend. Neben dem einstigen Prototyp Metzleinstalerhof in Margareten ist der 1927 vollendete Karl-Marx-Hof den meisten ein Begriff. Schließlich ist er mit seinen 1.100 Metern der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt. Ebenso ist der Wildganshof in Wien-Landstraße eine historische Adresse: Benannt nach dem Dichter Anton Wildgans, wurde er 1934 zu einem der wesentlichen Widerstandsorte der Sozialdemokratie gegen die austrofaschistische Machtergreifung. An diesem geschichtsträchtigen Ort lebt auch Frau Ramon, die zu Kreiskys Zeiten aus Venezuela zum Studieren nach Österreich gekommen ist. Wo sie bis heute geblieben ist. „Ich erfülle aber nicht das Migrantinnen-Klischee“, erzählt sie. „Ich habe damals im 19. Bezirk in einer Villa mit Swimmingpool gelebt.“ Auch beruflich war sie als Informatikerin sehr erfolgreich – bis sie mit 50 Jahren eine schwere Krankheit aus der aktiven Erwerbstätigkeit katapultierte. Sie wurde wieder gesund, lernte aber zum ersten Mal in ihrem Leben materielle Not kennen. „Zum Glück habe ich die Gemeindewohnung, um die ich damals angesucht hatte, rasch bekommen.“ Heute fühlt sie sich im Wildganshof ganz daheim. „Wenn ich durch das Tor von draußen in den Hof hereinkomme, hab ich sofort das Gefühl: Ich bin zu Hause.“ Ja, wer im Gemeindebau lebt, kann was erzählen.

von Susanna Sklenar

Die Geschichte des Gemeindebaus
begann in der Zwischenkriegszeit, als die Wohnsituation in Wien kaum noch zu ertragen war: Zwei Drittel der Bevölkerung lebten unter katastrophalen Bedingungen.

1919

Mit dem Bauprogramm des „Roten Wien“ legte Bürgermeister Jakob Reumann den Grundstein zum sozialen Wohnbau.

Anfang der 1920er-Jahre
beschloss die Stadtregierung den Bau von Tausenden Wohnungen. Ziel war es, leistbaren Wohnraum und mehr Lebensqualität für alle zu schaffen.

Heute gibt es in Wien mehr als...

1.670 Gemeindebauten mit insgesamt rund 220.000 Wohnungen und einer vermieteten Gesamtfläche von 13 Millionen Quadratmetern. Das entspricht mehr als 1.800 Fußballfeldern. 23% aller Wiener leben in einem Gemeindebau. Das ist fast jeder vierte Stadtbewohner. Unter den erwerbstätigen Gemeindebaubewohnern sind 

  • 47 % Angestellte,
  • 33 % Arbeiter,
  • 12 % Beamte und Vertragsbedienstete sowie
  • 8% Selbstständige

1.214 Hausbesorger und 817 mobile HausbetreuerInnen kümmern sich um die Mieter. 59% der Bewohner haben keinen Migrationshintergrund.

Wiens 5 größte Gemeindebauten sind

  • die Großfeldsiedlung, 1210 Wien (5.518 Wohnungen),
  • Per-Albin-Hansson-Siedlung Ost, 1110 Wien (4.284),
  • Rennbahnweg 27, 1220 Wien (2.422),
  • Siemensstraße 21-55, 1210 Wien (1.572) und
  • Wohnhausanlage Sandleiten, 1160 Wien (1.512)

Wiens 5 kleinste Gemeindebauten sind

  • die Ketzergasse 56, 1230 Wien (3 Wohnungen),
  • Dommayergasse 5, 1130 Wien (5),
  • Theresienbadgasse 1, 1120 Wien (5),
  • Weintraubengasse 13, 1020 Wien (5) und
  • Tandelmarktgasse 14, 1020 Wien (7)

1.100 Architekten waren an der Planung und Errichtung von Gemeindebauten beteiligt, 84 davon waren Frauen. 47.500 Abstellplätze und Garagen gehören zum Wiener Gemeindebau, ebenso wie rund 1.300 Spielplätze.

Platz für erneuerbare Energie bieten ca. 4.000 m2 Photovoltaik-Module, die u. a. das Solarkraftwerk Am Schöpfwerk speisen, für Strom in der Ketzergasse 26 sorgen oder auf der Lärmschutzwand beim Theodor-Körner-Hof installiert sind.

1,8 Mio Sträucher und 70.000 Bäume begrünen die Höfe der Wohnanlagen.

Im Jahr 2020 werden rund 4.000 „GemeindewohnungenNEU“ an 28 Standorten auf Schiene gebracht.

Der Mieterbeirat im Wildganshof ist tatkräftig unterwegs. Frau Ramon setzt sich vor allem mit Themen rund um Frauen, Jugend und Kinder auseinander, Herr Pröll, Herr Niedl und Herr Wysocki kümmern sich ebenso um die Sauberkeit und Funktionstüchtigkeit der Anlage wie um Aufklärungsarbeit und Konfliktbewältigung. Das Ziel ist, „dass sich die Menschen mit dem Gemeindebau identifizieren“. Deshalb wird Zusammenhalt großgeschrieben, auch wenn nicht jeder von hier stammt. Doch alle sind sich einig: „Irgendwann fällt einem auf, was für ein Geschenk es ist, hier zu leben.“

In der Näh- und Kreativwerkstatt im Bewohnerzentrum in Favoriten ist Frau Bicer (Bild) gewissermaßen die Chefin: Sie leitet die anderen Damen im Nähen an und freut sich, ihre einst in der Türkei erworbenen Fähigkeiten weitergeben zu können. Einige ihrer Schülerinnen sind schon seit Jahrzehnten hier. Am Anfang habe es Skepsis von manchen Nachbarn gegeben, inzwischen gibt es kaum mehr Probleme. Der Verbundenheit mit Wien tut die teilweise Sprachbarriere keinen Abbruch. Nur um die Akzeptanz ihrer Kinder macht sie sich Sorgen: „Sie sprechen perfekt Deutsch und sind richtige Österreicher, aber man sieht ihnen an, dass sie von woanders herkommen, deshalb werden sie anders behandelt.“

Beim alljährlichen Sommerfest in der Floridsdorfer Ruthnergasse hat das Boccia-Turnier  auf der Wiese des Hofes bereits Tradition. Und erfreut sich großen Zuspruchs, sagt Gregor Kleiser, seit Jahren Koordinator des Projekts. Heuer war erstmals auch ein Simultanschachturnier dabei. Die sogenannte „Nachbarschaftliche Schachpartie“ im Gemeindebau hingegen hat schon eine achtjährige Geschichte vorzuweisen, erzählt der ambitionierte Sportler. „Wir sind jedes Mal in einer anderen Wohnhausanlage aktiv,  allein heuer haben wir über 200 Schachtermine im Gemeindebau, wobei immer mindestens ein Trainer dabei ist, der die Aktion gemeinsam mit wohnpartner betreut.“

Der Kontrast ist beachtlich: Unten der laute Handelskai, oben, auf dem Dach der Stiege 12, auf der begrünten Terrasse im 14. Stock, zwitschern die Vögel. Eine Zeit lang war dieser Bereich für die Bewohner gesperrt, das hat sich im Vorjahr geändert. Zwölf Beete sind bereits mit den Türnummern ihrer Hobbygärtner beschriftet, initiiert vom Gartenverein. Laurin ist mit elf Jahren das jüngste Mitglied und hat sich hier „sofort zu Hause gefühlt“, erzählt sein Vater, Herr Zingerle. Zuvor wohnte die Familie im Rabenhof. Durch Wohnungstausch mit einem älteren Ehepaar, dessen Kinder schon aus dem Haus waren, kamen sie in die geräumigere Wohnung in der Leopoldstadt. 

Neu erschienen. Mit dem Buch  „Wiener Wohnwunder“ schuf das Nachbarschaftsservice wohnpartner eine lesenswerte Hommage an den Wiener Gemeindebau und seine Bewohner. Ein Sammelsurium aus Erinnerungen und Anekdoten, aber auch Herausforderungen  im Lebensalltag.
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