Wiener Ziegel aus dem Wiener Untergrund

Beim U-Bahn-Bau fällt tonnenweise hochwertiger Ton ab. Daraus entstehen jetzt Ziegel für den Wohnbau.
Auf einem Fließband sind Ziegel der Firma Wienerberger zu sehen.

Der Ton, der mit dem Lkw vom Matzleinsdorfer Platz in das 12,6 Kilometer entfernte Ziegelwerk in Hennersdorf gebracht wird, ist dunkler als jener Ton, den das Wiener Unternehmen Wienerberger bisher verarbeitet hat. „Er ist aber von der Qualität her um nichts schlechter“, erläutert Manager Johann Machner. „Im Gegenteil, er ist sogar besonders feinkörnig.“

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Wienerberger-Chef Johann Machner, Stadträte Ulli Sima, Jürgen Czernohorsky und Wiener-Linien-Direktorin Gudrun Senk.

„Eine schöne Geschichte“

Wiens Verkehrsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) bringt es beim Besuch des Ziegelwerks im Süden Wiens auf den Punkt: „Das ist eine schöne Wiener Geschichte.“ Denn bisher hat man das Aushubmaterial des U-Bahn-Baus auf die Deponie bringen müssen. Jetzt kann es die Stadt an Wienerberger verkaufen. Und der Konzern brennt derzeit aus den bisher 35.000 Kubikmeter Ton 2,8 Millionen Ziegel. Und daraus lassen sich – noch eine letzte Zahl – alles in allem 1.000 Einfamilienhäuser errichten.

Wer denn die geniale Idee gehabt hat, diese Frage kann Gudrun Senk, die technische Direktorin der Wiener Linien, nicht genau beantworten. Die Sprachregelung lautet: „Das wurde von mehreren Seiten an uns herangetragen und dann im Team entwickelt.“

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Gehört zum guten Ton: Halde in Hennersdorf - für die Ziegelproduktion.

Der Teufel steckt in Wien gerne im Detail, doch in der Causa „Wiener Ton“ gab es null Einwände gegen die Idee. Als sich dann auch die Techniker des Wiener Baustoffriesen begeistert zeigten, stand der Umsetzung nichts mehr im Weg. „Auch preislich haben wir uns geeinigt“, ist vonseiten der Stadt und der Firma zu hören.

Und so arbeitet nun die 127 Meter lange und 1.300 Tonnen schwere Tunnelbohrmaschine „Deborah“ nicht nur für die Zukunft des öffentlichen Verkehrs in Wien, sondern auch für die Schaffung von neuem Wohnraum.

WIEN: TUNNELVORTRIEBSMASCHINE "DEBOHRA" HAT STATION PILGRAMGASSE ERREICHT

Guter Ton: im Wiener Untergrund wird er durch die Maschine "Deborah" gefördert.

Ein Neubau aus Neubau

„Deborah“ hat sich bisher laut Auskunft der Wiener Linien vom Matzleinsdorfer Platz kommend unterhalb des 5. und 6. Bezirks bis hinüber zum Augustinplatz im 7. Bezirk vorgearbeitet. Wer derzeit einen Wienerberger Ziegel erwirbt, könnte somit – rein theoretisch – mit dem in Hennersdorf gebrannten Erdreich aus Margareten, Mariahilf oder Neubau neu bauen.

In Zeiten, in denen auch in Wien Nachhaltigkeit groß geschrieben wird, freut sich auch der für Klima und Umwelt zuständige Stadtrat Jürgen Czernohorsky (SPÖ) über die Kooperation: „Bauen ist ein wichtiger Faktor, wenn wir von Kreislaufwirtschaft sprechen. Die Wiener Ziegel passen daher perfekt in unsere Kreislaufwirtschaftsstrategie. Das ist jetzt schon eine ganz neue Nummer.“

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Jede Menge Ziegel auf dem Werksgelände in Hennersdorf bei Wien.

Ton für Wiener Wohnen

Da „Deborah“ derzeit eine zweite Tunnelröhre vom Matzleinsdorfer Platz bis nach Neubau gräbt, hofft man bei Wienerberger, neues Aushub- als Baumaterial aus Wien zu erhalten. „Sofern der Preis wieder passt, kaufen wir gerne“, meint Wienerberger-Chef Machner zum KURIER. Und er hat auch noch eine andere Idee: „Wir konnten ja zuletzt bei Bauprojekten auch in Wien beweisen, dass unser Ziegel mehr als nur Einfamilienhaus kann.“

Mit dem Rohstoff aus dem Untergrund Wiens kann man auch Hochhäuser bauen. Womit Johann Machner gedanklich einen Bogen von den Wiener Linien zu Wiener Wohnen gezogen hat. „Von der Baustelle zur Baustelle“ lautet die Idee, die bei einem privaten Hausbauprojekt in Oberlaa („Ildefonso-Bau“) bereits praktiziert wird. Vorstellbar wäre somit auch der erste Wiener Gemeindebau, der mit Ziegel aus dem eigenen Aushub errichtet wird.

Schallschutz, Kälteschutz, Vorgaben der Statik und für das gesunde Wohnen – der Standardziegel „Wiener Ton“ wäre bestens geeignet. Will der Wienerberger-Manager nur gesagt haben.

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