Chronik | Wien
02.10.2018

Wiener Trabrennbahn: "Ein Refugium für Pensionisten"

Die Debatte um die Trabrennbahn ist entbrannt. Aber was spielt sich an Renntagen dort ab? Ein Lokalaugenschein.

„ ... Noch liegt ,Garbo Venus’ in Führung. Aber von außen kommt ,Ces’t Tout Simoni’, nun sind sie im Zieleinlauf, Garbo ist vorne, aber: ,Ces’t Tout’ gewinnt!“ Die Stimme des Moderators hallt über die Trabrennbahn Krieau und auf der Tribüne freut sich die Familie Angelucci über ihre richtig platzierte Wette.

Sie sind zum ersten Mal bei einem Pferderennen, sitzen bei Kuchen und Softgetränk an einem der Tische im ersten Stock und verfolgen gebannt das Geschehen.

Einfach zum Spaß. Das Geld steht für sie nicht im Vordergrund. „Es geht um das Erlebnis“, sagen sie und setzen nur den Mindestbetrag von einem Euro.

Es sind einige junge Besucher an diesem sonnigen Herbsttag in der Krieau, die zum ersten Mal da sind und „einfach schauen“ wollen.

Den Großteil machen aber ältere Stammgäste aus. „Es ist ein Refugium für Pensionisten“, formuliert es Otto Weiß (83), der im Erdgeschoß vor den Wettschaltern an seinem Stammtisch sitzt, die Renntag-Zeitung studiert und seit 50 Jahren kaum einen Renntag auslässt.

Bei August Kraushofer sind es sogar 88 Jahre. Schon als Zweijähriger wurde er auf die Rennbahn mitgenommen. Deshalb hat er sich diesen Ort auch für seine 90. Geburtstagsfeier ausgesucht. Er hat sich mit den Feierenden vor dem Richterturm eingefunden. Nun wird ihm auf den Kutschbock geholfen. Einmal noch mitfahren, das war sein großer Wunsch. „Und es ist mir gelungen!“, ruft er den Feiernden nach der Fahrt entgegen und strahlt.

 

„Es ist halt ein netter Zeitvertreib hier, man trifft hier ja immer Freunde, es ist einfach ein schönes Gefühl“, sagt Inge Schreiner (83), die mit ihrem Ehemann Erwin seit den 1950er-Jahren Stammgast ist. Damals, in den Goldenen Zeiten, als noch zwei, drei Rennen pro Woche stattgefunden haben.

Abwärtsspirale

Bis die Lottoziehungen und die Online-Wetten kamen – „und das Wettgeschäft torpediert haben“, sagt Peter Truzla, Präsident des Wiener Trabrennvereins (WTV). „Es führte eins zum anderen: Zuerst blieben die Leute aus, dadurch wurden weniger Preise ausgeschüttet und in der Folge kam es zu weniger Rennen.“ 26 Renntage sind es heuer. Mit rund 1000 Besuchern wird der Erhalt der Bahn mit nur dieser Einnahmequelle schwieriger. Immer öfter wird die Rennbahn für Veranstaltungen vermietet. Für Sportevents wie den X-Cross-Run oder Konzerte, etwa von David Guetta. „Allein die Instandhaltung der Tribüne, die unter Denkmalschutz steht, kostet uns 150.000 Euro im Jahr“, sagt Truzla.

Aber das habe in den vergangenen Jahren niemanden interessiert. Es gebe keine Förderung, weder für den Sport noch für die denkmalgeschützten Gebäude. Es habe keiner thematisiert – bis die Debatte um das Grundstück entbrannte.

Grundstück verkauft

Wie berichtet, hat das Profil im Frühjahr aufgedeckt, dass die Stadt auch die Rennbahn an den Immobilienentwickler IC Development verkauft hat – der das Viertel Zwei rund um die Rennbahn errichtet. Aus internen Papieren wurde zitiert, dass der Projektentwickler die Trabrennbahn weghaben wollte. Die Opposition warf der Stadt zudem vor, den Grund zu billig verkauft zu haben. Darauf reagierte der Investor vorige Woche: Nein, es gebe kein Bestreben, den WTV zu vertreiben. Aber wenn dieser ein neues Quartier suche, helfe man. Und der Mindestkaufpreis von 10,4 Mio. Euro erkläre sich dadurch, dass das Areal derzeit unbebaubar sei. Sollte sich das ändern, werde man nachzahlen.

Peter Truzla sieht das Thema emotionslos. Mit den Wohnungen, die um die Rennbahn entstanden sind, kamen auch die Beschwerden. Dass der Ton zu laut sei oder dass der Sand der Rennbahn in die Wohnung wehe. Wenn also eine passende 15 Hektar große Fläche gefunden werde, warum nicht? „Meine Aufgabe ist es, den Trabrennsport in Wien zu erhalten – nicht die historischen Gebäude.“