Chronik | Wien
28.06.2018

Wieden: Ein Grätzel mit Persönlichkeit

© Bild: Kurier/Franz Gruber

Das Freihausviertel mutierte zur hippen Gegend mit kleinen Läden und vielen Lokalen

Sandra Haischberger war zunächst skeptisch. Ausgerechnet die Margaretenstraße? Mit dem vielen Verkehr? Aber sie hat sich auf die Straße eingelassen – und sie bereut die Entscheidung nicht.

Vor 13 Jahren zog die Geschäftsführerin mit ihrer Porzellanmanufaktur Feine Dinge (4., Margaretenstraße 35) in die viel befahrene Straße im vierten Bezirk. „Damals war die Margaretenstraße tot. Aber in den vergangenen Jahren hat sich viel getan“, sagt Haischberger. Es haben sich viele kleine Läden in dem Grätzel angesiedelt: Etwa das Kleiderzimmer (4., Margaretenstraße 39), in dem „Casual Mode“ von kleinen Labels verkauft wird. „New York hat den Meatpacking District, London hat Hoxton und Paris hat den Canal Saint-Martin. Und Wien hat das Freihausviertel“, zitiert Barbara Bruckner-Brauner, Geschäftsführerin vom Kleiderzimmer, aus dem Bord-Magazin von Austrian Airlines. Dieser Beschreibung könne sie viel abgewinnen. Auch wenn bis zu einem echten Meatpacking District noch einiges fehle, habe das Freihausviertel eine „enorme“ Entwicklung erlebt.

Pionierinnen

Die Betreiberinnen der Brautmoden-Boutique Elfenkleid (4., Margaretenstraße 39) waren vor 18 Jahren die ersten, die den Schritt in das damals noch unansehnliche Viertel gewagt haben. Statt Billig-Damenkleidung gibt es jetzt Indie-Brautkleider, der Diskonter ist einer Bio-Supermarktkette gewichen. Außerdem gibt es den Greißler Feinkost Bär (4., Margaretenstraße 44), sowie auch die Fleisch-Boutique (4., Margaretenstraße 62), eine Fleischerei mit Feinkost. Der Hunger auf Süßes wiederum kann bei einem Bio-Eis von Schelato (4., Schleifmühlgasse 11) gestillt werden. Der Eissalon ist bekannt für sein Salzkaramell-Eis und seine erfrischenden Sorbet-Kombinationen wie Granatapfel-Basilikum.

„Wenn einmal ein nettes Geschäft da ist, dann gesellt sich ein zweites und drittes leichter dazu“, sagt Bruckner-Brauner. Bis zu einem gewissen Grad hätten es die Vermieter in einem Grätzel selbst in der Hand, wie sich dieses entwickle – zu einem Hort für Billigware oder zu einer Flaniermeile. „Das beste an unserem Viertel ist, dass man da jetzt so fein bummeln kann“, sagt Bruckner-Brauner. Von der Margaretenstraße bis zur Kettenbrückengasse gebe es viele „kleine Geschäfte mit Persönlichkeit“.

Dazu kommen jede Menge Lokale: das Zweitbester, (4., Heumühlgasse 2) das vor sieben Jahren eröffnete, die Vollpension (4., Schleifmühlgasse 16), in der armutsgefährdete Seniorinnen Kuchen backen, das Figar1040 (4., Schleifmühlgasse 7) oder das Point of Sale (4., Schleifmühlgasse 12).

Weil das Grätzel sich zusehends zu einem Hipster-Hotspot entwickelt hat, soll es sogar zunehmend Touristen vom Naschmarkt dorthin verschlagen. Ein Reisebericht in der New York Times hat wohl dazu beigetragen.