Viennale: Noch nie war Kino so stressig
Ich mag mein Wien am liebsten verschlafen und entspannt. Davon kann Mitte Oktober aber nicht die Rede sein – in jedem Hotel gibt es ein Happening, internationale Stars wie Juliette Binoche flanieren über den Ring und der Schauspieler Lars Eidinger darf auch (wieder) auflegen. Die Angst, etwas zu verpassen, peitscht Freundinnen und Freunde der Kultur von Kino zu Kino. Es ist schließlich die Viennale. Was für ein Stress!
Ich zeichne kurz eine typische Besucherinnenerfahrung nach, damit Sie wissen, was ich meine: Das Drama beginnt schon bei der Filmauswahl. Aus der schier endlosen Anzahl an Streifen den Besten zu filtern – viel Glück! Dann kommt der unsägliche Kinokartenkauf. Pünktlich um 10 Uhr (keine Minute später) ins Internet einloggen, um sich auf Platz 6.200 in die Warteschlange zu begeben. Ein falscher Klick, schon ist man auf Platz 10.000 abgerutscht – Try again, loser!
Dramatische Szenen
Ergattert man dann doch noch Tickets , muss man vor dem Gartenbaukino erst die Menschentraube überwinden, um eingepfercht im zu hellen Foyer darauf zu warten, dass sich die heilige Kinohalle öffnet. Wer glaubt, sich noch entspannt ein Getränk oder gar Popcorn für den Film zu holen … lachhaft! Nun folgt das Sozialdrama: Es heißt abwechselnd Bekannte begrüßen und sich elegant vor Leuten wegducken, die man lieber nicht sehen will.
Im Saal angekommen, folgt die Einsamkeit, weil alle Freunde extrem weit voneinander verteilt sitzen. Gemeinsames Kino-Erfahren in Form von Blickkontakt spielt’s also auch nicht. Im abschließenden Q&A mit den Filmschaffenden könnte man durchaus interessante Dinge erfahren – also, wenn das Publikum wirklich Fragen stellen und weniger persönliche Schicksale teilen würde. Also wieder raus in die Menge. Shit, zu Eidingers DJ-Set wollte man ja auch noch … Sie verstehen, ich lasse die Viennale dieses Jahr lieber aus und setze mich ins Ausland ab. Ihnen aber wünsche ich eine gute Projektion!
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