Hier werden sich Veganer, Würstler und Schweinebauer einig

Mehrere Menschen stehen vor dem Würstelstand mit Aufschrift "Wurst isst Wurst"
Mike Lanner betreibt seine Würstelstände für einen Monat vegan und will zeigen, wie gut fleischlose Wurst sein kann – mit Schützenhilfe vom Bio-Saubauer. Kontra kommt von Würstler Sepp Bitzinger.

Die Ankündigung schmeckte nicht jedem: Die beliebten Wiener Würstelstände von Mike Lanner sind für einen Monat komplett vegan, der KURIER berichtete. Die Stände in der Pfeilgasse 1 (Josefstadt) sowie an der U4-Station Spittelau (Döbling) machen beim „Veganuary“ mit, verzichtet wird im gesamten Jänner auf alle tierischen Produkte.

Die Reaktionen in den sozialen Medien reichen von Kommentaren, dass „die woken Wappler“ mit ihren „scheiß veganen Wiaschtl“ hoffentlich pleite gehen, bis hin zu Begeisterung. Aber wie kommt das fleischlose Konzept in der Realität an?

Geöffnet ist mit rein veganem Angebot seit Donnerstag, angeboten werden statt Käsekrainer und Bratwurst vegane Currywurst aus Seitan, „Southern Style Backhendl“ aus Austernpilzen sowie drei vegane Hotdogs und Bosna.

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Würstelstandbetreiber Mike Lanner und Sepp Bitzinger sind unterschiedlicher Meinung.

Geld-zurück-Garantie

Lanner will zeigen, dass pflanzlichen Alternativen genauso gut sein können wie Fleischwürste – und ist so überzeugt, dass er sogar eine Geld-zurück-Garantie gibt. „Die Reaktionen gehen von Personen, die Schnappatmung bekommen, wenn man nur das Wort vegan sagt, bis hin zu Bestätigung“, schildert Lanner. Manche würden in Ermangelung einer Käsekrainer auch kommentarlos wieder gehen.

Seinen Senf dazugeben will bei einer Diskussionsrunde Sepp Bitzinger, der wohl bekannteste Würstelstandbetreiber Wiens. Ersatzprodukten steht er ablehnend gegenüber: „Man muss nicht so tun, als ob man Fleisch isst, wenn man Gemüse zu sich nimmt.“ Veganismus sei international im Abnehmen, irgendwann werde das auch in Österreich wieder weniger, vermutet Bitzinger.

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Martina und Andreas Seiser betreiben einen Bio-Hof in Ternitz und mögen vegane Wurst. 

Lieber Rind statt Schwein?

Einen anderer Trend, den Bitzinger in Zukunft für möglich hält: Das Füllen von Würsten mit reinem Rindfleisch, statt Schweinefleisch. Ganz anders sieht das Andreas Seiser, Bio-Saubauer aus Ternitz (NÖ) und Lanners „Haus & Hof-Lieferant“. Privat haben er und seine Familie ihren Fleischkonsum auf ein Minimum reduziert – und man will andere dazu anregen, bewusst Fleisch wegzulassen: „Und wenn es Fleisch sein muss, dann hochwertiges.“

Er positioniert sich klar gegen Über- und Massenproduktion, schlachtet selbst nur auf Bestellung. Die Nachfrage nach Bio-Fleisch sei kaum zu bedienen – und für die Masse auch gar nicht produzierbar, „weshalb auch mehr Menschen vegan oder vegetarisch werden müssen.“

Bitzinger will sicher keine vegane Wurst ins Menü aufnehmen, auch wenn er die Alternativen selbst sehr gerne durchkostet: „Das lehne ich persönlich ab, finde aber toll, was der Mike macht. Das ist auch keine Abwertung des Kulturerbes, sondern eine Bereicherung.“ Was er auch einräumt: „Wahrscheinlich essen wir alle ein bisschen zu viel Fleisch und sollten mehr Gemüse essen.“

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Mahlzeit im Jänner: Vegane Currywurst und „Backhendl“ aus Austernpilz.

Keine Angst vor der Pleite

Angst, dass es seine Würstelstände wegen einer Pleite nach dem „Veganuary“ nicht mehr gibt, hat Lanner übrigens nicht, aber Respekt: „Der Veganuary fällt nicht in die Würstelstand-Hochsaison. Die Fallhöhe ist im Jänner umsatzmäßig also überschaubar.“

Es sei ein Experiment, ob das traditionell stark mit Fleischprodukten verbundene „Weltkulturerbe“ Wiener Würstelstand auch ohne Fleisch funktionieren kann.

Offen lässt Lanner, wie es mit dem veganen Betrieb ab Februar weitergeht – oder ob sogar verlängert wird. „Aushalten“ werde man den Monat aber sicher: „Viele Skeptiker merken wahrscheinlich gar nicht, dass 60 Prozent unseres Angebots schon vegan war. Jetzt machen wir halt mal 100 Prozent.“

Dabei gehe es nicht um Verzicht oder darum, andere zu missionieren, sondern um die Frage, wie man Würstelstände im gesellschaftlichen Wandel erhalten könne: „Was macht eine Wurst und einen Wiener Würstelstand aus? Solche Bauchfragen wollen wir nicht theoretisch verhandeln, sondern über das kulinarische Angebot erlebbar machen.“

Kurzum: Hingehen und einfach selbst ausprobieren.

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