Ärger bei Wiener U-Bahn-Bau: "Ich schau’ seit fünf Jahren auf eine Baustelle"
Grau in Grau, passend zum „Grauen Haus“, dem Landesgericht für Strafsachen, ist das Wetter an diesem Mittwochvormittag. Passend auch zur Mega-Baustelle im Dreiländereck zwischen der Inneren Stadt, der Josefstadt und dem Alsergrund.
Hier ist die U-Bahn-Baustelle für den neuen Knoten U2/U5 nach oben gestülpt. Wenige Meter weiter, am Frankhplatz, gehen die Bauarbeiten für die neue U-Bahn-Haltestelle in die Endphase.
In Betrieb geht die neue Station an der künftigen U5 aber nicht Ende dieses Jahres, sondern erst 2030. Das stört Andreas Schwirtz gar nicht so. „Ich schau’ seit fünf Jahren auf eine Baustelle, das ist fad“, sagt der Wirt von „Annie kocht“ an der Ecke zur Universitätsstraße.
Lokale für zwei Monate geschlossen
Er betreibt auch das kleine Bistro im Landesgericht. Mit der Baustelle hat der Gastronom, der zuvor auch das benachbarte Lokal betrieben hat, schon einiges mitgemacht.
Andreas Schwirtz im Lokal "Annie kocht".
„Ich hab’ beide Lokale ein paar Monate zusperren müssen“, erinnert er sich, „aber ich wurde fair entschädigt.“ Was ihm auch hilft, sind die Förderungen der Wiener Wirtschaftsagentur, die gemeinsam mit der Wiener Wirtschaftskammer für jene Unternehmer fließen, die seit 2018 von den U-Bahn-Baustellen betroffen sind: „Ich bin ein großer Fan davon.“
"Die Wachauerin" hofft auf Schanigarten
Das sagt auch Anna Polz. Sie hat von Schwirtz das benachbarte Lokal übernommen, „Die Wachauerin“. Das Weinlokal „funktioniert gut“, sagt die Niederösterreicherin. Sie hat das Lokal im Oktober 2025 mitten in die Baustelle hinein eröffnet, „mit dem Versprechen im Hintergrund, dass Ende dieses Jahres alles fertig ist“, sagt sie ein wenig wehmütig. Wie ihr Nachbar hofft sie vor allem darauf, dass der Frankhplatz so schnell wie möglich fertig wird, wenn schon die U-Bahn noch nicht hierher fährt.
Der Blick von Andreas Schwirtz auf die Baustelle vor seinem Fenster. Hier soll ein Schanigarten entstehen, direkt neben dem Eingang zu U-Bahn, die erst 2030 kommt.
Aufwertung für Grätzel
„Es gibt noch keinen Bauzeitplan dafür“, wartet Polz schon dringend auf Infos aus dem Rathaus, „wir wollen so bald wie möglich unseren Schanigarten einreichen.“ Denn der Platz in dieser Lage sei der Hauptgrund gewesen, sich diesen Standort für das Lokal zu sichern.
„Da beißt man auch ein Jahr hinein“, sagt die Wirtin. Das bestätigt auch Schwirtz: „Der Platz wird schön, die Carelligasse wird nicht mehr geöffnet, das wird eine Aufwertung für das Grätzel.“
Ebenfalls noch recht neu im Grätzel ist die Filiale der Fachbuchhandlung Facultas. Am 1. Februar wird hier der erste Geburtstag gefeiert. Einziehen wollte man schon ein halbes Jahr früher, weiß Filialleiter Christoph Mößmer: „Bei den Tunnelbohrungen gab es einen Wassereinbruch, wir haben kurzfristig die geplante Eröffnung im August 2024 verschieben müssen.“
Christoph Mößmer in der Buchhandlung Facultas.
Die Inbetriebnahme der U-Bahnstation mit Ende des Jahres sei jedenfalls mit ein Grund für die Entscheidung für diesen neuen Standort gewesen, sagt Mößmer. Dass das jetzt nicht passiert, sei doch überraschend gekommen. Was seiner Filiale aber trotz Baulärm, Staub und Schmutz helfe, ist das „Service der Wirtschaftskammer, die uns jede Woche einen Fensterputzer zum Reinigen der Auslagen vorbeischickt“.
"Leben seit zehn Jahren auf einer Baustelle"
Für Unterstützungsleistungen war das Lokal „Edison“ von Nikolaus Gutmann zu weit weg von der Baustelle. Das sei ihm gesagt worden, als er Hilfe beantragen wollte. Und das, obwohl er die Baustelle spürt. Und zwar ordentlich, wie er sagt.
Nikolaus Gutmann in seinem Lokal Edison.
„Wir haben 2012 aufgesperrt, gefühlt leben wir seit zehn Jahren auf einer Baustelle“, sagt der Unternehmer, bei dem der „Bagger im Schanigarten gestanden“ sei. Vor seinem Lokal stand ein Absperrgitter mit dem Aufdruck „Ohne Fleiß kein Gleis“, Unterstützung gab es für ihn dennoch keine. „Von unbürokratisch sind wir da sehr weit weg“, kritisiert er.
Eine der vielen Baustellen vor dem Lokal Edison.
Er habe sich schon auf die Eröffnung der neuen U-Bahnstation gefreut und auf "einen Push gehofft", sagt er. Dass das jetzt erst wieder um vier Jahre verschoben wurde, trifft ihn. Aber Gutmann hat vorgebaut und sich unterdessen im Congress Casino Baden ein zweites Standbein aufgebaut, samt einer hochwertigen Kultur- und Kulinarik-Veranstaltungsreihe, die im Februar dort startet.
„Vor den Kopf gestoßen“
Mit „Containern vor der Nase“ und dem Unbill einer Großbaustelle lebt auch Architekt Jon Prix seit Jahren. Er hat sein Büro in der Schwarzspanierstraße, wo es „gewaltig gescheppert“ hat, als etwa die Spundwände eingeschlagen wurden.
Vor dem Büro von Architekt Jon Prix stapeln sich die Baucontainer.
An der Tatsache, dass die U-Bahnstation nicht eröffnet wird, merke man, „wie bankrott die Stadt ist“, sagt er.
Als Anrainer fühlt er sich hinsichtlich der Oberflächengestaltung in seinem Bereich „vor den Kopf gestoßen“, weil er zu spät über die Pläne informiert worden sei. Dennoch hofft er, dass das bald in Angriff genommen wird: „Wenn wenigstens die Baustelle und die Container weg sind, wäre das schon eine Verbesserung.“
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