Chronik | Wien
02.05.2018

Schüler niedergestochen: Ermittlung wegen Mordversuch

Aggressive Jugendliche. 16-Jähriger stach Mitschüler nieder. Stadtschulrat organisiert runden Tisch zu Gewalt

„Ich bin richtig schockiert“, sagt eine Teenagerin, die Mittwochvormittag mit Freunden im Marie-Ebner-Eschenbach-Park sitzt, und raucht. „Und froh, dass ich nicht mehr in diese Schule geh.“

Gemeint ist die Polytechnische Schule in der Schopenhauerstraße (18. Bezirk). Neben dem Schulgebäude hat am Mittwoch kurz vor Unterrichtsbeginn ein 16-jähriger Schüler einem 14-jährigen Klassenkollegen einen Bauchstich versetzt.

Das Opfer wurde ins AKH gebracht und im Schockraum behandelt. Sein Zustand war Mittwochnachmittag kritisch. Der mutmaßliche Täter wurde festgenommen, die Tatwaffe, ein circa 30 Zentimeter langes Küchenmesser, sichergestellt. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Mordes.

Gekränkte Ehre

Wie es zu dem Vorfall kam: Offensichtlich hatte sich der 14-Jährige, ein Österreicher mit Migrationshintergrund, in seiner Ehre gekränkt gefühlt, weil der 16-jährige Kroate seine Schwester als hübsch bezeichnet hatte. Daraufhin hatte der 14-Jährige von ihm mehrmals Geld gefordert und ihn mit dem Tod bedroht, wenn er nicht zahle. Er drohte, auch nachdem der 16-Jährige ein Mal 100 Euro gezahlt haben soll. Für Mittwoch hatten sie ein Treffen vereinbart. Dabei besuchte der 14-Jährige die Schule momentan nicht. Laut KURIER-Informationen war er wegen massiver Störungen vom Unterricht suspendiert.

Der 16-Jährige war bisher in keiner Weise negativ aufgefallen. „Er war ein ruhiger Schüler“, sagt Schulleiter Franz Burda. „Der Vorfall macht uns sehr betroffen.“

Schulpsychologe, Sozialarbeiter und Jugendwohlfahrt waren an der Schule im Einsatz – übrigens nicht zum ersten Mal: Am 15. September 2005 war ein 16-Jähriger in der Pause mit einem Fixiermesser auf einen 14 Jahre alten Mitschüler losgegangen und hatte diesen „ohne wirklichen Anlass“ erstochen. Der Jugendliche wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Hemmschwelle sinkt

Gewalt an Schulen ist ein großes Thema. Zahlen- und Datenmaterial gibt es dazu jedoch kaum. Heuer wurden bis Ende April in Wien 113 Schülerinnen und Schüler vom Unterricht suspendiert.

Beides wird Thema bei einem runden Tisch sein, den der Wiener Stadtschulrat am 15. Mai angesetzt hat. Messer spielen bei Gewalttaten übrigens keine allzu große Rolle, meint Jürgen Bell, Schulpsychologe beim Wiener Stadtschulrat. Aber: „Die Hemmschwelle sinkt. Die Gewalt geht ein Stück weit ins Grenzenlose. Wenn früher einer am Boden gelegen hat, ist man nicht auch noch draufgetreten.“ Das sei mittlerweile anders. Und zwar nicht nur in Schulen, sondern auch im öffentlichen Raum.

Warum es zu den Gewaltausbrüchen komme? Oft herrsche bei den Jugendlichen Orientierungslosigkeit, viele seien vereinsamt – hätten viele Facebook-Likes, aber kaum echte Freunde. Auch Geld spiele eine Rolle: Mode, Energydrinks, da müssten Jugendliche mithalten. Bei Schülern in polytechnischen Schulen komme die Zukunftsangst dazu: Selbst bei jenen, die einen Berufswunsch haben, sei unsicher ob sie eine Lehrstelle bekommen.

Bell fordert daher mehr Planstellen. Denn es gibt nur 25 Schulpsychologen in Wien – bei 225.000 Schülern in 709 Schulen. Prävention, die so wichtig wäre, koste nun einmal Zeit und Geld. Auch wenn Interventionen, wie jene an der Polytechnischen Schule in Währing gut funktionieren würden: „Die Sache ist mit heute nicht erledigt.“

Kontinuierlicher Anstieg bei Gewalt an Schulen

Nachgefragt: Birgit Satke arbeitet seit 24  Jahren bei Rat auf Draht, seit zehn Jahren leitet sie die Hotline 

KURIER: Ausgehend vom aktuellen Fall in Wien-Währing: Welchen Stellenwert nimmt Gewalt an Schulen bei  den Anrufen bei Rat auf Draht ein?

Birgit Satke: Beim Thema Gewalt an Schulen stellen wir einen leichten, aber kontinuierlichen Anstieg fest. Pro Tag haben wir ein  Beratungsgespräch dazu. Dabei halten sich die Anfragen zu körperlicher – etwa Raufereien – und psychischer Gewalt – zum Beispiel durch Beschimpfungen und Erniedrigungen anderer Schüler – die Waage.

Was ist momentan das größte Thema hinsichtlich Gewalt an Schulen?

Es geht noch immer sehr stark um klassisches Mobbing. Erschwerend ist derzeit, dass sich das Mobbing, das in der Schule passiert, nach Unterrichtsschluss in sozialen Netzwerken fortsetzt.

Wie oft kommt es vor, dass Schüler sich in Ihrer Beratungsstelle melden, weil  jemand ein Messer mit in  die Schule gebracht hat?

Statistische Aufzeichnungen darüber führen wir nicht, aber es kommt immer wieder vor, dass Schüler bemerken, dass jemand ein Messer im Rucksack, in der Schultasche oder in der Hosentasche hat.

Was raten Sie den Schüler zu  tun, wenn sie so etwas bemerken?

Wichtig ist, dass die Schüler das melden, bevor etwas passiert, auch wenn sie das Überwindung kostet, weil sie Angst haben, später als Petze dazustehen.  Am besten, sie wenden sich an eine Vertrauensperson in der Schule – egal ob das die Direktorin, ein Lehrer, eine Aufsichtsperson oder ein Vertrauenslehrer ist. Wir müssen den Schülern Mut machen, sich zu trauen.

 

Rat auf Draht-Nummer: 147.

Infos zu Online- und Chatberatung gibt es hier.