ÖAMTC-Experte fordert "Highway" am Wiener Ring – für Radfahrer

Verkehrsexperten des ÖAMTC haben ihr „360-Grad-Konzept“ präsentiert. Sie sind damit der Stadt um wenige Tage zuvorgekommen.
Rendering: Radfahrende fahren auf einem breiten Radweg am Ring.

Lokalaugenschein an der Kreuzung der Ringstraße mit der Operngasse: Hier kreuzen sich die Wege vieler Auto- und Radfahrer sowie sorgloser Touristen. Mitarbeiter des ÖAMTC stehen am Rand des Geschehens und machen sich nicht zu Unrecht Sorgen: die Unfallgefahr ist absehbar.

Der größte Mobilitätsclub des Landes (österreichweit gut 2,6 Millionen Mitglieder) besinnt sich im 130. Jahr des Bestehens seiner Wurzeln – und will so wie 1896 wieder für die Radfahrenden da sein, wohlgemerkt neben all den Autofahrenden.

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Radweg an der Ring-Innenseite: So stellt man sich das beim ÖAMTC vor.

Flanieren statt Rad fahren

So betrachtet ist auch das „360-Grad-Verkehrskonzept“ mit einem „Zwei-Richtungs-Radhighway“ eine Idee einer Interessensvertretung, die noch immer in erster Linie auf das Automobil setzt. Und die mit der Präsentation ihres Konzepts der Stadt wohl nicht ganz zufällig um wenige Tage zuvorkommt.

Der Radhighway, der dem ÖAMTC-Verkehrsexperten Matthias Nagler vorschwebt, soll durchgehend vier Meter breit sein und an der Innenseite der Ringstraße von der Urania via Oper, Burgtheater und alter Börse bis runter zum Ringturm führen.

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ÖAMTC-Verkehrsexperte Matthias Nagler auf dem Ring-Radweg, auf dem Konflikte vorprogrammiert sind.

Anders als etwa von der Radlobby Wien und, wie man hört, auch von der Stadt Wien präferiert, würden demnach die Nebenfahrbahnen weiter dem motorisierten Verkehr offenstehen. Auf der anderen, äußeren Seite des Rings soll nicht mehr Rad gefahren, sondern flaniert werden.

Dazu erläutert Nagler: „Besser ein durchgehender Radweg innen als zwei schlechte Radwege innen und außen.“

Die Situation aus der Sicht der Radler ist in der Tat unübersichtlich: entlang des Schubertrings sind sie auf einem Radweg unterwegs, den sie sich mit Fußgängern teilen („Für beide Seiten unangenehm“). Nur wenige hundert Meter weiter radeln sie durch die schmale Nebenfahrbahn vor den Ministerien an parkenden und fahrenden Automobilen vorbei.

Gefahr in Verzug

Unübersichtlich sind auch die Kreuzungen am Helden- und am Schwarzenbergplatz. Die Abfahrt am Schottenring ist darüber hinaus extrem gefährlich. Die Unfallstatistik lässt keine zwei Meinungen zu, wie ÖAMTC-Mann Nagler betont: „Neun Prozent mehr Radverkehr im Vergleich zu 2018, aber gleichzeitig 97 Prozent mehr Radunfälle mit Personenschaden.“

Die Diskussion rund um den Radweg am Ring ist im Übrigen so alt wie diese Verkehrsanlage selbst, wie ein Blick in die Stadtarchive zeigt: Verkehrsstadträtin Ulli Sima (heute SPÖ) engagierte sich damals noch als Grüne an der Uni und für Global 2000 für den Schutz des Regenwalds, ein gewisser Michael Ludwig (immer schon SPÖ) machte die ersten Schritte auf seinem langen politischen Weg zum Bürgermeister – als Bildungsreferent der Volkshochschule Floridsdorf. Stadtchef war ab Mitte der 1980er-Jahre Helmut Zilk (ebenfalls SPÖ), und in dieser Funktion setzte Zilk wortgewaltig, aber auch visionär die Errichtung des ersten Radwegs am Ring durch.

Noch vor der Eröffnung des im wilden Zickzack geführten und von Coca Cola gebrandeten Radwegs legten Hans „Honzo“ Doppel und seine Mitstreiter von der Arbeitsgemeinschaft für umweltfreundlichen Stadtverkehr, kurz Argus, erste Alternativvorschläge vor.

Der ÖAMTC, der heute einen Radhighway am Ring fordert, war ebenfalls gegen den Zilkschen Radweg. Aber aus einem anderen Grund: In jenen Jahren sahen sich die honorigen Direktoren und Präsidenten einzig und allein dem Auto verpflichtet. Ein Highway war für sie dieser Logik folgend ausschließlich eine Autobahn.

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Strikte Trennung vor der Oper: Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger sollten sich hier möglichst nicht in die Quere kommen.

Ernst Kloboucnik, heute Direktor des Mobilitätsclubs, setzt andere Prioritäten. Er ist vom Rad-Highway am Ring mehr als überzeugt. Und er ist auch schon „sehr gespannt, wie die Stadt auf unseren Vorschlag reagiert“.

An dieser Stelle beginnt sich die Ring-Diskussion im Kreis zu drehen. Manch einer spricht auch von Quadratur.

Aus dem Büro von Verkehrsstadträtin Ulli Sima, die noch im März Vorschläge für mehr Verkehrssicherheit am Ring präsentieren möchte, ist bereits durchgesickert, die Nebenfahrbahnen rechts und links der Prachtstraße für Radfahrende zu öffnen.

Die Zeit drängt. Während Hans „Honzo“ Doppel bei der Ansicht eines zweiten Radlers an einer Kreuzung scherzhaft von „Raddemo“ sprach, wurde der Ring-Radweg an den ersten Sonnentagen in Wien wieder zum Highway – brenzlige Situationen inklusive.

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