Nach Platzsturm: Diversion für angeklagten Ex-Fanbeauftragten von Rapid
Die Voraussetzungen könnten unterschiedlicher nicht sein vor diesem "Wiener Derby" vom 22. 9. 2024, das heute am Landesgericht Wien in die Verlängerung gegangen ist.
Die Rapid-Fans kommen mit einem Sieg gegen Salzburg aus dem Wochenende, die Austria-Fans haben ein Debakel gegen Sturm erlitten. Im Stadion dürfte wohl keiner der 22 Personen gewesen sein - sie alle dürften seit dem Derby mit österreichweiten Stadionverboten belegt sein.
Zu sehen ist heute kein Stück Grün, kein bisschen Violett. An den Gesichtsausdrücken ist kein Unterschied zu sehen - durchwegs gibt es schuldbewusste Mienen. Vor allem beim Hauptangeklagten.
Zuvor schildert die Staatsanwältin, was im Allianz-Stadion an diesem Tag passiert ist: Sie spricht von der "Stürmung des Stadions", von tumultartigen Szenen, von bewaffneten Angriffen auf Polizisten. Sie schildert von einem Gehörverlust und Tinnitus eines Polizisten, von Verbrennungen einer Polizistin, von abgesplitterten Zähnen - ein Angeklagter wurde etwa selbst schwer verletzt. "Das bindet staatliche Ressourcen, war ein völlig unsportliches Verhalten, das in einem kriegsähnlichen Zustand gemündet ist", klagt die Staatsanwältin an.
"Multiorgan-Versagen"
Werner Tomanek, seit vielen Jahren Mitglied beim SK Rapid, war selbst bei dem Derby anwesend. Er vertritt den 38-jährigen ehemaligen Rapid-Fanbeauftragten: "Inhaltlich brauchen wir nicht diskutieren, alles ist bestens dokumentiert." Deshalb sei sein Mandant umfassend geständig.
Aber Tomanek spart auch nicht mit Kritik an der Polizei: "So ein Multiorganversagen habe ich noch nie erlebt. Mein Mandant war ein ordentlicher Ordner, weit und breit kein Polizist."
Das - späte - Einschreiten der Polizei, also der Wega, sei überschießend gewesen, ist Tomanek überzeugt. Auf die Frage der Richterin, was der Angeklagte als Fanbeauftragter - er war 26 Jahre in dieser Funktion - gemacht hat, antwortet dieser: "Schauen, dass so etwas nicht passiert."
"Das hat sich ausgezahlt?"
Er habe "bei Hunderten oder Tausend Spielen immer deeskalierend eingegriffen", versichert er. Warum er an diesem Tag anders gehandelt habe, weiß er nicht mehr. Seinen Job bei Rapid hat er sofort verloren. "Das hat sich ausgezahlt?", fragt die Richterin. Er schüttelt den Kopf, "es tut mir unheimlich leid." Tomanek schaltet sich ein: "Ein Stadionverbot für 4,5 Jahre hat er auch bekommen von der Liga." Und Hausverbot bei Rapid. Dass das Stadionverbot ein "zahnloses Instrument" sei, wie die Richterin aus einer Stellungnahme der Polizei vorliest, weist sogar der Austria-Anwalt zurück.
Der Erstangeklagte - er ist jetzt als Eventmanager tätig - erhält eine Diversion, ohne Geldbuße. Tomanek zahlt 150 Euro Pauschalgebühr ein, je 50 Euro übergibt er noch im Gerichtssaal als Schadenswiedergutmachung an den Vertreter eines verletzten Polizisten und den Rapid-Anwalt. Dazu gibt es eine Weisung, dass die Stadionverbote einzuhalten seien. "Er geht nur mehr zum Curling", versichert Tomanek.
Zwei Mannschaften angeklagt
Mit dem Fanbeauftragten von Rapid hätten die Angeklagten auch ein echtes Fußballspiel austragen können. 22 Männer müssen sich am Montag verantworten - als ob es eines Beweises bedurft hätte, dass Gewalt im Fußball ein Männerproblem ist.
Meist ist Rapid in Wien bei den Fans in der Überzahl, an diesem Tag gehört der Großteil der angeklagten "Fans" aber dem Austria-Lager an. Für diese 16 Angeklagten von der Wiener Austria spricht eine Anwältin.
Sie räumt ein, dass die Videos den Eindruck bestätigen, dass es sich an diesem Tag um eine Horde von Hooligans und Schläger gehandelt habe.
Große Sorgen vor Verurteilungen
Aber sie bittet um eine Differenzierung: "Sie haben das nicht geplant und zeigen unkoordiniertes Verhalten." Die Anwältin betont: "Für sie steht viel auf dem Spiel. Teils geht es um den Verlust der Gewerbeberechtigung, alle haben große Sorge, dass sich eine Verurteilung besonders negativ auswirkt."
Alle hätten ihre Lehren aus dem verhängnisvollen Derby gezogen: "Sie werden Reue zeigen und Verantwortung übernehmen." Darüber hinaus haben alle der Austria zuordenbaren Angeklagte Stadionverbote erhalten und würden längst an einem Antigewalttraining der Männerberatung teilnehmen.
Nicht alle bekennen sich schuldig. Etwa der Mandant von Anwältin Pia Kern, selbst Fanmitglied im Block West der Rapid. "Da stehen nicht lauter gewaltbereite Männer", leitet sie ihre Verteidigung ein, "da steht ein Querschnitt der Gesellschaft."
Beim Derby am 22. September 2022 war sie aber wegen der Geburt ihres Kindes nicht anwesend.
Ärger über "kriegsähnliche Zustände"
Was sie ärgert: "Von kriegsähnlichen Zuständen zu reden, ist höchst problematisch. Damit verharmlost man das Leid in den Kriegen und tut den meisten Fans unrecht.“ Dass aber auch an dem Tag Menschen verletzt wurden, wolle sie auch nicht verharmlosen.
Ihr Mandant etwa solle zu einem Rädelsführer hochstilisiert werden. Dabei habe er am Spieltag wegen einer Verletzung gar nicht "vorne weg laufen" können. Deshalb bekenne er sich nicht schuldig.
Der Mann ist Vater von drei Kindern, aber ein unbeschriebenes Blatt ist er nicht: Er hat elf einschlägige Vorstrafen, wegen Körperverletzung, gefährlicher Drohung und Verstößen nach dem Waffengesetz.
Ein anderer bekennt sich "schuldig im Sinne der Anklage", er war in Fanszene aktiv, hat sechs Vorstrafen, meist aus Tathandlungen rund um den Fußball. "Aber der Vorfall am 22.9. war der letzte – er hat 6,5 Jahre Stadionverbot", sagt sein Anwalt, und seine Frau habe ihm ein Ultimatum gestellt: "Entweder dreschen Stadion oder die Familie." Er habe sich für die Familie entschieden und ein Antigewalttraining absolviert.
"Was ist vernünftiger, eine satte Strafe, oder den jungen Mann leben lassen, damit er sich bessern kann", fragt der Vertreter eines jungen Fans, der "zufällig und stockbesoffen auf dieses Match" gegangen sei.
Die Verhandlung läuft.
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