Der Ausschnitt aus einer 1,5-stündigen Predigt zeige einen Imam, der die Vielehe propagiere, meint die FPÖ.

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Chronik | Wien
05/10/2019

Moschee-Video: FPÖ kritisiert „Aufruf zur Polygamie“

Imam erklärte, Muslime dürften maximal vier Frauen heiraten. IGGÖ spricht von „geschichtlichem Abriss“.

Der Imam der ägyptischen Al-Fath-Moschee im 15. Wiener Gemeindebezirk soll in einer Predigt die Polygamie – also die Vielehe – verherrlicht haben. Das behauptet zumindest die FPÖ nach Übersetzung eines Videos, das der Moscheeverein selbst auf Facebook geteilt hat. Darin erklärt Imam Ahmed N. den Gläubigen unter anderem, dass Muslimen die Polygamie mit maximal vier Frauen erlaubt sei. „Wenn eine von den vier Frauen stirbt, heiratet er (der Muslim; Anm.) eine neue Frau“, erklärt der Geistliche. Und: „Wenn der Muslim sich von seinen vier Frauen geschieden hat, dann ist es ihm erlaubt, vier andere Frauen zu heiraten.“

„Völlig irre“

Bei den Freiheitlichen interpretiert man die Predigt zum Thema „Polygamie im Recht des Propheten Mohammed“ als Aufruf zur – in Österreich illegalen – Vielehe. Für FPÖ-Wien-Chef Johann Gudenus ist der einminütige Ausschnitt aus der mehr als eineinhalbstündigen Predigt „völlig irre“. Da Polygamie verboten sei und verboten bleiben müsse, werde seine Partei das Video ans Innenministerium weiterleiten. Zudem werde man es über soziale Medien verbreiten.

Schuld an „diesem jenseitigen und allen kulturellen Werten widersprechenden Frauenbild“ sei die SPÖ mit „ihrer fahrlässigen Willkommenskultur“, so Gudenus.

Bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) hat man sich auf KURIER-Anfrage indes das Original-Facebook-Video in seiner Gesamtlänge angesehen – und kann keinen Aufruf zur Vielehe darin entdecken. Viel mehr handle es sich um einen „geschichtlichen Abriss aus der Frühzeit der Muslime“, sagt Sprecher Rusen Timur Aksak. Zahlreiche Verweise auf den Propheten Mohammed würden dies bekräftigen.

Von der Lebensrealität österreichischer Muslime sei das Thema Polygamie „völlig abgekoppelt“. „Wie auch in anderen Religionen und deren Gotteshäusern“ seien die Themen, die die Geistlichen für ihre Predigten auswählen, aber weitläufig. In Moscheen seien „islamische Geschichte wie auch Theologisches nichts Ungewöhnliches“.

„Themenwahl schlecht“

Der unabhängige ägyptische Al-Fath-Moscheeverein sei bis dato zwar nicht negativ aufgefallen, sagt Aksak. Die Themenwahl in besagter Predigt und deren Verbreitung via Facebook empfinde man aber als „unglücklich“ – „da sich solche Themen leicht aus dem Kontext reißen lassen“.

Die Causa zeige, „wie wichtig der Bereich Moscheepädagogik ist“. Die IGGÖ werde ihre Imame und Moscheevorstände „im Bereich ,Social Media’ sensibilisieren“. Dem besagten Verein werde man eine „intensivere Betreuung“ zukommen lassen.

Einen expliziten Aufruf zur Polygamie sieht auch Rüdiger Lohlker, Professor für Islamwissenschaften an der Uni Wien, in dem Videoausschnitt nicht. Seiner Ansicht nach referiert der Imam „Überlieferungsgut, das von konservativen Muslimen als vorbildhaft angesehen wird“. Das könne man als Aufruf betrachten – „muss es aber nicht“. Angesichts der verhaltenen Publikumsreaktion hält der Fachmann die Interpretation der Predigt als Aufruf für „überzogen“. Es sei eher „ein schlecht gewähltes Thema, das das Publikum über sich ergehen lässt“.

Auch in Deutschland wird aktuell über Polygamie diskutiert. Wer eine Mehrehe eingegangen ist, soll nach dem Willen von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nicht mehr Deutscher werden können.