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Chronik Wien
03/29/2019

Mord in die Schuhe geschoben?

Jürgen K. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Zu Unrecht, will seine Frau beweisen

von Michaela Reibenwein

Ein 53-jähriger Mann wurde am 24. März 2009 in der Wiener Innenstadt zu Tode getreten. Eine Zeuge schilderte: „Er (der Täter, Anm.) ist wie verrückt auf dem Kopf des Mannes herumgehüpft.“ Eine Frau erzählte: „Der Täter war offensichtlich mit sich selber zufrieden. Er klatschte und freute sich wie ein Sportler nach dem Sieg.“

Hilf mir!

Der damals 23-jährige Jürgen K. wurde noch am selben Tag festgenommen und wenige Monate später wegen Mordes zu lebenslanger Haft plus Einweisung verurteilt. Die Ermittler und auch das Gericht hegten keinen Zweifel an seiner Schuld. Doch dann trat Nicole G. ins Leben des Verurteilten – durch einen Zufall. Als die Niederösterreicherin Jürgen K. zum ersten Mal im Gefängnis besuchte, habe er ihr gesagt: „Ich war das nicht, bitte hilf mir.“

Die heute 37-Jährige nahm Akteneinsicht – und kippte in den 1400 Seiten umfassenden Fall hinein. „Das ist mein Gerechtigkeitswahn. Je mehr die Dinge sich widersprochen haben, desto neugieriger bin ich geworden.“ Und sie stieß tatsächlich auf Widersprüchlichkeiten. Etwa, dass die Schuhe des Täters schwarz waren. Jürgen K. aber trug immer weiße Nikes – das bestätigen alle Zeugen (bis auf einen).

Oder dass den Geschworenen vor Gericht mehrfach über massive Blutspuren in der Wohnung erzählt wurde, diese gab es aber nie.

Und es gibt da auch noch einen zweifelhaften Zeugen. Herr F., der laut eigenen Angaben einst als Spitzel für die Polizei gearbeitet haben will. Und der sich nach der Tat laut Zeugen in Regenpfützen die – schwarzen – Schuhe gereinigt haben soll. Er ist es auch, der davon spricht, dass K. schwarze Schuhe getragen haben soll.

Aussage nach Maß

Über F. gibt es eine schriftliche Aussage eines Trinkkumpanen. Ihm zufolge soll F. folgende Dinge nach der Tat zu ihm und einer Bekannten gesagt haben: „Ich habe mein ganzes Gewand, das ich bei dem Vorfall K. an hatte, entsorgt. Ich habe eure Aussagen gelesen und konnte mir meine Aussage zurechtlegen.“

Nicole G. ist überzeugt: „Der Jürgen war das nicht.“ Sie holte sich Unterstützung. Zum einen engagierte sie einen Detektiv. Der sagt: „Ich kann nicht sagen, wer das war. Aber so wie es damals dargestellt worden ist, war es nicht.“ Und sie bekam Unterstützung vom Linzer Strafverteidiger Andreas Mauhart. Der brachte vor zwei Wochen den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens ein.

Schwerer Bursche

Doch warum sollte Jürgen K. der Mord sprichwörtlich in die Schuhe geschoben worden sein? K. war da. Und er war bereits mehrfach polizeilich aufgefallen.

Der heute 33-Jährige ist nicht der Typ Mann, den man sich als Schwiegersohn wünscht. Er gehört der rechten Szene an. In seinem (Jugend-)zimmer fanden sich neben einer Hakenkreuzfahne auch ein Hitler-Bild und ein Totschläger. Er hatte Gelegenheitsjobs als Security – und Vorstrafen wegen Körperverletzung.

„Er ist im zweiten Bezirk im Prater aufgewachsen. Er lässt sich nichts gefallen“, sagt Nicole G. „Aber er würde nie einem Unschuldigen einfach eine reinhauen.“

Es gibt ein Teilgeständnis von K. Auch das lässt sie nicht gelten. „Das hat er zurückgezogen. Der Anwalt hat ihm damals geraten, zu gestehen. Der Jürgen hat immer nur gesagt: Ich weiß nicht, das gibt’s nicht.“

K. hatte in dieser Nacht mehr als zwei Promille intus. Er war mit zwei Männern und einer Frau auf Lokaltour, im Roten Engel konsumierte man gegen Ende gemeinsam literweise Wodka-Red-Bull. K. soll so alkoholisiert gewesen sein, dass er vom Hocker fiel.

Um 4 Uhr war Sperrstunde. Unmittelbar danach geschah der Mord.

Seit zehn Jahren sitzt K. nun in Haft, aktuell in der Justizanstalt Garsten. Aussicht auf vorzeitige Entlassung hat er keine. Alle sechs Wochen kommt ihn die 37-jährige Nicole G. besuchen – zum Langzeitbesuch, um einige private Stunden mit dem Häftling zu verbringen. Denn aus ihrem Engagement ist Liebe geworden. Im Jahr 2016 hat sie ihrem Jürgen hinter Gittern das Ja-Wort gegeben.

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