200 Euro Mindestsicherung weniger pro Monat: Familie in Not
Zu Beginn des Gesprächs in einem Café in der Brigittenau dankt Georg Komoly seinen Schwiegereltern: „Wenn ich – so wie heute – alleine unsere Wohnung verlasse, und sei es nur für eine Stunde, müssen sie für mich einspringen.“
Große Herausforderung
Georg Komoly, 48 Jahre alt, bis 2015 ein fleißiger und hoch motivierter Angestellter eines namhaften Elektronik-Konzerns, passt nicht in das gerne bemühte Klischee vom Mindestsicherungsbezieher in der sozialen Hängematte.
Seine Tochter Hannah kam vor bald 15 Jahren mit einer seltenen Stoffwechselerkrankung zur Welt, leidet heute auch an Autismus und einem Tourette-Syndrom.
„Es gibt Tage, da wechsle ich ihr zwölf Mal die Windel“, erzählt ein Vater, der seine Tochter über alles liebt und der auch von seiner Frau mit Respekt spricht: „Sie hat die Aufgabe, die wir bewältigen müssen, psychisch nicht ganz verkraftet.“ Weshalb sich der 48-jährige Wiener auch um sie sehr fürsorglich kümmert.
Georg Komoly beschwert sich nicht über sein Leben. Er sagt nur: „Ich würde gerne wieder arbeiten gehen. Ich war ein Verkäufer mit Leib und Seele. Aber es geht leider nicht. Ich werde rund um die Uhr, sieben Tage die Woche von meiner Familie gebraucht, von meiner Tochter auch in der Nacht.“ Da erhält Hannah regelmäßig Flüssigkeit und flüssige Nahrung von ihm.
Neue Regelung: Die Änderungen der Mindestsicherung in Wien gelten seit 1. Jänner 2026. Sie beinhalten Leistungskürzungen und Verschärfungen für etliche Betroffene.
Die Betroffenen: Während bestimmte Personengruppen ihren Anspruch ganz verloren haben, erhalten Personen in Wohngemeinschaften geringere Leistungen, Eltern verlieren den sog. „Elternzuschlag“.
Rund 136.800 Menschen beziehen derzeit in Wien Mindestsicherung.
Minus 2.300 Euro pro Jahr
Mit Sorge hat er im Herbst des Vorjahrs Medienberichte über geplante Kürzungen der Mindestsicherung verfolgt. Seine Anfrage im Büro von Stadtrat Peter Hacker (SPÖ) wurde im Dezember beantwortet, aber lediglich mit dem knappen und wohl auch wenig tröstlichen Hinweis, dass die Kürzung frühestens im Jahr 2026 käme.
Daher wendete sich Georg Komoly auch an die Parteien dieser Stadt. Die Wiener FPÖ antwortete nicht, dafür griff die Vorsitzende der Wiener Grünen, Judith Pühringer, seinen Fall auf. An der Seite des Betroffenen kritisierte sie am Donnerstag die Wiener Stadtregierung: „Die Kürzungen von SPÖ und Neos treffen die verletzlichsten Gruppen in unserer Stadt.“
Für Familie Komoly hat sie ausgerechnet: „Zwei Mal 54,41 Euro weniger, weil der Eltern-Familien-Zuschlag gestrichen wurde, sowie 81 Euro weniger, weil die Kindermindestsicherung jetzt von der Mietbeihilfe abgezogen wird.“
Fast 200 Euro pro Monat weniger macht 2.300 Euro weniger pro Jahr (eine 13. und 14. Auszahlung gibt es nicht): Der Bezieher der Mindestsicherung will darauf aufmerksam machen, dass bei steigenden Kosten für das Wohnen („1.461 Euro Miete derzeit“), Strom und Fernwärme sowie Dingen des täglichen Bedarfs jeder Euro weniger seine Familie hart trifft.
Vom KURIER auf den Fall der Familie Komoly angesprochen, erklärt man im Büro von Stadtrat Peter Hacker, Einzelfälle ohne Einwilligung des Betroffenen leider nicht kommentieren zu dürfen.
Georg Komoly versucht indes über die Runden zu kommen. Für seine Tochter wurde die Pflegestufe 6 festgestellt. Ein Pflegeheim ab Pflegestufe 6 würde 6.000 Euro und mehr kosten. Diese Kosten möchte er den Steuerzahlern auf keinen Fall aufbürden: „Aber dann sollte man mir bitte nicht zusätzlich Steine in den Weg legen.“
Kurz bevor der Vater einer schwerstbehinderten Tochter und einer chronisch kranken Frau wieder zurück in seinen Alltag heimkehren muss, um seine Schwiegereltern abzulösen, eröffnet er: „Manchmal gibt es ja auch Lichtblicke in unserem Leben. So war es für mich schön zu sehen, als die Hannah zum ersten Mal ohne meine Hilfe einen Löffel in ihren Mund gesteckt hat.“
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