© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
07/09/2019

Ladenhüter Listenhund: Geschenke sollen Herrl und Frauerl anlocken

Tierschützer beklagen schwierige Vermittlung der Tiere. Das Wiener Tierquartier lockt Interessenten nun mit Maulkorb und Rabatten.

von Bernhard Ichner, Johannes Weichhart

Im Tierquartier der Stadt Wien werden seit Neuestem Geschenkpakete zusammengestellt: mit Maulkorb, Brustgeschirr und Leine, Gutscheinen für den verpflichtenden Hundeführschein und einem Rabatt  oder  bis zu fünf Stunden mit einem Hundetrainer.

Der Grund: Listenhunde – also beispielsweise Pitbull, American Staffordshire oder Rottweiler – sind seit der Einführung der neuen Auflagen schwerer vermittelbar.

Von den 100 beschlagnahmten, entlaufenen oder herrenlosen Hunden sind 40 sogenannte Listenhunde – oder auch „Kampfhunde“, wie sie im Wiener Rathaus genannt werden.  Das „Unterstützungspaket“ soll jene, die sich für diese Hunde interessieren, zur Mitnahme der Tiere motivieren.

 

 

Im Wiener Tierschutzverein  (WTV) zeigt sich ein ähnliches Bild: Von 190 Hunden, die dort auf ein neues Zuhause warten, sind 40 Listenhunde. Interessenten ließen sich von den verschärften Auflagen in Wien abschrecken. Und nicht nur das: Mehrere Listenhunde seien deshalb bereits von ihren Besitzern abgegeben worden.  

Als Grund orten der WTV und die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ die Novellierung des Wiener Tierhaltegesetzes. Während Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) diese mit einem Bissvorfall begründet, der einem Kind im Vorjahr das Leben kostete,  erachten die Kritiker die Auflagen  für Listenhundehalter als „nicht zielführend“.

"Unter Generalverdacht"

Die Debatte stelle „als ‚Kampfhunde‘ bezeichnete Hunderassen unter Generalverdacht“ und schüre „irrationale Ängste in der Bevölkerung“ meint etwa Heimtierexpertin Priska Endl von den Vier Pfoten. „Auch verantwortungsvolle Hundehalter werden durch Auflagen wie die generelle Maulkorb- und Leinenpflicht oder die Alkohol-Obergrenze als verantwortungslos abgestempelt.“

Eine Stigmatisierung von Listenhundehaltern bemerkt man auch beim WTV. Mehrmals pro Woche erhalte man Anfragen von Wiener Haltern, wie die Abgabe solcher Hunde funktioniere, berichtet Sprecher Oliver Bayer. „Vielfach wollen sich die Leute den Aufwand nicht antun.“ Oder auf der Straße angefeindet werden, ergänzt Endl.

Wie auch die Tierärztekammer kritisieren WTV und Vier Pfoten die Rasselisten grundsätzlich. Aufzucht und Haltung eines Hundes beeinflussen sein Verhalten mehr als seine genetischen Grundlagen, heißt es. Maulkorb- und Leinenpflicht würden die Tiere in ihrer „artgemäßen Kommunikation und im Ausleben ihres Bewegungsbedürfnisses“ behindern. 

Der seit 1. Juli bei Hunde-Neuanmeldungen vorgeschriebenen Sachkundenachweis wird dagegen unisono begrüßt.

„Keine Veränderungen“

„Die Angst der Tierschützer ist völlig unbegründet und auch nicht nachvollziehbar“, kontert man im Büro von Ulli Sima. Punkto Listenhundeanzahl verzeichne das Tierquartier seit Inkrafttreten des neuen Tierhaltegesetzes keine wesentlichen Veränderungen. Im Schnitt würden nach dem Tierhaltegesetz im Jahr 20 bis 25 Listenhunde behördlich abgenommen (nach Bissen oder weil die Halter Auflagen nicht einhalten).

Ziel des Tierquartiers sei, die Tiere rasch zu vermitteln. Bei „Kampfhunden“ werde aber sehr genau geschaut, wer einen solchen mitnehmen wolle. Interessenten müssten mehrere Gespräche mit den Vergabeexperten vor Ort führen. Die Verweildauer der Tiere liege im Schnitt bei 35 Tagen.

Auf etwa zwei Dutzend der auf der Tierquartier-Homepage vorgestellten Listenhunde trifft das allerdings nicht zu. Pitbull Ralfi wartet zum Beispiel seit Juni 2016.

Langes Warten auch in Niederösterreich

Das Tierheim in St. Pölten in Niederösterreich hat seit jeher mit chronischer Überbelegung zu kämpfen. Vor allem in den Sommermonaten haben die Mitarbeiter alle Hände voll zu tun. „Derzeit werden viele Jungkatzen, die ausgesetzt wurden, zu uns gebracht“, berichtet Sonja Prader vom Tierschutzverein.

Dazu kommt, dass immer mehr Listenhunde untergebracht werden müssen. Rund die Hälfte aller Hunde, die  hier auf einen neuen Besitzer warten, sind Bullterrier, Rottweiler, Tosa Inu oder auch Pitbulls. „Entweder mussten sie zuvor dem Hundehalter aus rechtlichen Gründen abgenommen werden, oder sie wurden ausgesetzt“, berichtet Prader. Auch jener Vierbeiner, der vor Kurzem in Tulln einen Sanitäter und einen siebenjährigen Buben attackiert hatte, befindet sich mittlerweile in der Obhut der St. Pöltner Tierheim-Mitarbeiter.

Vorurteile

Zwar werde mit den Listenhunden besonders intensiv gearbeitet und trainiert, aber so manches Vorurteil, dass diese besonders aggressiv seien, will Prader nicht bedienen. „Jeder Hund ist anders, hat seine speziellen Bedürfnisse. Darauf muss man eingehen“, sagt sie.

Wie der ORF berichtete, steigt auch in anderen Tierheimen die Anzahl der Listenhunde: In Brunn am Gebirge (Bezirk Mödling) sind aktuell 10 von 40 Hunden Listenhunde. Im Tierheim Wiener Neustadt sind es 6 von 27, beim Tierschutzverein Baden 4 von 14.

Letztgenannte sorgten im April für Schlagzeilen. Grund war eine Ankündigung, dass keine Listenhunde von Baden nach Wien mehr vergeben werden sollen. „Wir haben das vor Kurzem beschlossen, da das Hundegesetz in Wien eher heftig ist“, erklärt Leiterin Kornelia Gamauf.