Chronik | Wien
20.08.2018

Krankenhaus Nord: Nutzfläche ist viel zu gering

Kennzahl verfehlt den Zielwert deutlich. Gutachter kritisiert "unwirtschaftliche Planung" des Wiener Spitals.

Nach der vernichtenden Kritik des Rechnungshofes zum Krankenhaus Nord tauchen rund um die Skandal-Baustelle immer mehr weitere Ungereimtheiten auf.

Aufgrund von Fehlplanungen im großen Stil kam es im Laufe des Projekts offenbar zu einem enormen Verlust an Nutzfläche für den medizinischen Betrieb des Großspitals. Das ergibt sich aus einem Gutachten im Auftrag des Krankenanstaltenverbunds (KAV) vom März dieses Jahres, das dem KURIER vorliegt. Autor ist der Ziviltechniker Hans Lechner, der bereits den Projektwettbewerb betreut hat.

Im Punkt 3a) kritisiert er die „unwirtschaftliche Planung“ des Projekts hinsichtlich der Flächenwirtschaftlichkeit. Er meint damit: „Ein wesentlicher Kennwert der Wirtschaftlichkeitsanalyse ist ein Vergleich der Bruttogrundfläche (=alle Bruttoflächen aller Geschosse) mit der (bestellten) Nutzfläche eines Objekts.“

Zur Erklärung: Je höher die Nutzfläche im Verhältnis zur Bruttogrundfläche, desto wirtschaftlicher wurde geplant. Dividiert man Letzteres durch Ersteres sollte also ein möglichst niedriger Wert herauskommen. Bei Spitalsprojekten sollte dieser Quotient im Idealfall im Bereich 2 liegen.

Anders im Krankenhaus Nord: „Mit den von HTK (Teil-Generalplaner, Anm.) übermittelten Flächenwerten ergibt sich beim KHN (ohne Parkdeck/Garage) ein Kennwert [...] von 2,63“, beanstandet der Gutachter. Als Vergleich listet er eine Reihe von Spitalsprojekten aus den vergangenen Jahren auf, wo im Schnitt ein Kennwert von 2,01 erreicht wurde.

Widersprüche

Dieser Befund steht im Gegensatz zu den Aussagen von KAV-Direktor Herwig Wetzlinger im Rahmen der

U-Kommission im vergangenen Juli. Dort sprach er von einer Bruttogeschoßfläche von 218.333 m² und einer Nutzfläche von 104.634 m². Dies ergäbe tatsächlich einen Kennwert von rund 2.

Geht man von dieser Bruttogeschoßfläche aus, würde das bei einem Kennwert von 2,63 bedeuten, dass die Nutzfläche statt 104.634 m² lediglich 83.016 m² groß wäre – das wäre ein Schwund von fast 22.000 m².

Der hohe Kennwert steht auch im Widerspruch zu den ursprünglichen Planungen. Gemäß den Unterlagen, die 2008 für den Wettbewerb eingereicht wurden und ebenfalls dem KURIER vorliegen, lag die Kennzahl noch bei 2,20.

Neos-Gesundheitssprecher Stefan Gara geht mit den verantwortlichen Planern scharf ins Gericht: „Es gibt erste eindeutige Indizien dafür, dass die Planung des Architektenteams um Albert Wimmer sehr unwirtschaftlich ausgefallen ist“, kritisiert er. „Im Vergleich zu einer guten Planung sind beim Krankenhaus Nord ein Drittel der Nutzflächen de facto unbrauchbar. Hier werde ich kritisch nachfragen: Warum wird ein Architekt quasi ohne Referenzen in einer so komplexen Materie, wie es ein großer Spitalsbau ist, ausgewählt. Das sieht nach Wunschbestellung und Freunderlwirtschaft aus.“

Garagen mitberechnet

Im KAV lässt man diese Vorwürfe nicht gelten. Für die Abweichung zwischen Wetzlingers und Lechners Berechnung gibt man folgende Erklärung an: „Der Unterschied zwischen den beiden Faktoren von Bruttogeschossfläche zu Nutzfläche ergibt sich insbesondere aus den Garagenflächen, die beim höheren Faktor nicht berücksichtigt wurden“, sagt ein Sprecher.

Bei Gara sorgt das für Unverständnis: „Diese Darstellung ist absolut unzulässig, weil es sich bei den Garagenplätzen ja nicht um eine Spitalsfläche handelt. Genausogut könnte man auch Spielplätze dazurechnen“, kritisiert der Neos-Gesundheitssprecher.