Chronik | Wien
12.05.2018

Kinderleiche gefunden: „Mama, die Puppe hat ihr gehört“

Die Leiche der siebenjährigen Hadish wurde am Samstag in einem Müllcontainer gefunden.

„Wir haben im Keller gesucht, am Dachboden, die ganze Nacht lang. Ich bin sprachlos und so traurig“, sagt Elisabeth Graupner. Sie wohnt im Dittes-Hof in Wien-Döbling – einem Gemeindebau in der Heiligenstädter Straße, der zum Schauplatz eines Verbrechens wurde. Die gesamte Hausgemeinschaft hat in den Stunden zuvor nach der siebenjährigen Hadish gesucht, die nach dem Spielen im Innenhof am Freitag plötzlich verschwunden war.

Am Samstagmorgen finden Mitarbeiter der Müllabfuhr dann eine Kinderleiche, die in einen Plastiksack gewickelt und im Müll abgelegt worden war. Nach einer Identifizierung durch die Familie steht fest, dass es sich um die kleine Hadish handelt. Die Behörden sind schon in der Nacht auf Samstag gegen 23.30 Uhr wegen des Verschwindens der Volksschülerin alarmiert worden und leiteten die Fahndung ein. Auf Facebook hatte es zu diesem Zeitpunkt bereits einen verzweifelten Suchaufruf von Hadishs Familie gegeben.

Nun sucht die Polizei nach dem Täter. „Die Todesursache wird erst nach der Obduktion geklärt sein. Sie soll am Samstagabend durchgeführt werden“, sagt Polizeisprecherin Irina Steirer. Ob es sich bei dem Fundort auch um den Tatort handelt, wird derzeit noch ermittelt. Die Polizei hält sich mit Informationen aus ermittlungstechnischen Gründen noch zurück.

Viel zu erzählen haben aber die Bewohner des Gemeindebaus beim KURIER-Lokalaugenschein. Obwohl die Verständigung aufgrund der Sprachbarriere schwer fällt, denn viele haben Migrationshintergrund. Die Familie des vermissten Mädchens stammt aus Tschetschenien. Die Bewohner betonen aber in gebrochenem Deutsch immer wieder, dass die Hausgemeinschaft wie eine große Familie sei. Es würden ständig Erwachsene auf die Kinder am Spielplatz aufpassen, so auch am Freitag. Hadish dürfte sich aber von den anderen Kindern entfernt haben und in den Nebenhof gegangen sein.

Schuldzuweisungen

Die beschriebene familiäre Atmosphäre schwindet am Samstag schnell, als in Interviews immer wieder der Name eines Nachbarn fällt. Hausbewohner erzählen, dass besagter Mieter vor zwei Jahren versucht hätte, Kinder in seine Wohnung zu locken. Es soll demnach eine diesbezügliche Anzeige gegeben haben. Als der Mann die Anschuldigungen mithört, kommt es im Dittes-Hof zu einem Streit. „Das ist Verleumdung. Ich habe nie etwas dergleichen getan. Mir war gleich klar, dass ich angeschwärzt werden würde. Als ich gestern in der Nacht die Polizei im Hof gesehen habe, habe ich die Beamten sogar in meine Wohnung eingeladen, um zu zeigen, dass ich unschuldig bin“, sagt Gerhard H. Die Polizei kommentierte diese Aussagen nicht.

Beobachtungen

Gerhard H. erzählt im KURIER-Gespräch außerdem, er habe vor wenigen Tagen einen Mann im Hof beobachtet, der mit einem anderen Kind gesprochen habe, was ihm verdächtig vorgekommen sei. Kurz nachdem die Ermittler den Tatort verlassen haben, wird wieder die Polizei gerufen. Einige Bewohner wollen Aussagen machen – in der Extremsituation sind manche Mieter auch mit Anschuldigungen nicht zurückhaltend. Von einer angeblichen Haftstrafe des Vaters ist die Rede. Das Mädchen soll auch des Öfteren weggelaufen sein. Bestätigen wollen die Behörden diese Aussagen nicht.

Die einzigen, die am Samstag nicht verstehen können, was passiert ist, sind die vielen Kinder, die schon wieder im Hof herumtollen. Unter den wachsamen Augen der Eltern: „Wir werden jetzt noch besser aufpassen.“ Ein kleines Mädchen findet eine Barbie am Boden des Spielplatzes: „Mama, die Puppe hat ihr gehört“, sagt sie.