Im Prater ist endlich wieder Sommerzeit

Wiener Ritual: Das Schweizerhaus wurde am Sonntag gestürmt. Der KURIER war dabei und lernte, dass das „Praterseidl“ eine Mär ist.
Sonntag, 25. März: Menschen warten auf die Öffnung des Schweizerhauses.

Es ist ein eingeübtes Ritual in Wien: Fünf Minuten vor 11 Uhr – immer am 15. März – ist vor dem Schweizerhaus im Prater der zuerst leise Klang eines Schlagzeugs zu hören. Die Vorfreude steigt jetzt ins Unermessliche. Erste Nasen drücken sich an die Tore des wahrscheinlich bekanntesten Biergartens in Wien.

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Prost auf das Ende der Winterzeit: Internet- und Bierzählprofi Roli aus der Donaustadt mit Frau und Nachbarin.

„Wir wollen unsa Bier“

In ganz Mitteleuropa wird Ende März von Winter- auf Sommerzeit umgestellt.

In ganz Mitteleuropa? Für Roli aus der Donaustadt beginnt die schöne Jahreszeit bereits am 15. März: „Wir haben uns schon seit Wochen auf diesen Sonntag gefreut“, erzählt der IT-Experte, der ebenso wie seine Frau mit grün-rotem Schweizerhaus-Fanschal flott in Richtung Gastgarten-Bezirk „Brigittenau“ strebt.

Auf den reservierten Tisch legt der Internet-Profi seinen selbst gebastelten analogen Bierzähler, eine Zählscheibe mit 15 Zahlen. Er möchte sie, betont Roli beim dritten Bier vor 12 Uhr, „heute ganz sicher nicht überdrehen, weil ich muss morgen wieder arbeiten gehen.“

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Der Bierzähler: Damit kann man 15 Biere zählen, ehe er wieder bei 1 beginnt.

Auf die dritte Runde muss man in der „Brigittenau“ ein paar Minuten länger warten. Der Grund dafür: Die ersten zwei Runden waren bereits bei der Eröffnung gezapft. Jetzt haben die Mitarbeiter am Fließband der Zapfhähne alle Hände voll zu tun – und kommen dennoch kaum mit den Bestellungen nach.

Die Volksseele kocht an den Nebentischen, als es dann auch noch der KURIER-Redakteur wagt, sich in den Weg des Kellners zu stellen, um ihn abzulichten. „Schleich di, wir wollen unsa Bier!“

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Starker Auftritt: Seine Gäste warten dringend auf Nachschub.

Ein Blick in die Runde der lautstarken Skandierer zeigt einen klaren Überhang: ins Schweizerhaus kommen in großer Mehrheit Männer – im Alter von Dompfarrer Toni Faber (war auch wieder da) und Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ, musste auch wieder da sein).

Kurz nach Mittag muss der Schlagzeuger ordentlich in sein „Zeugl“ hauen. Dessen Klang bleibt dennoch leise, im lauter werdenden Alt-Wiener Singsang. Knusprige Schweinsstelzen werden in großer Zahl von der Küche ins Freie getragen. Ein Zaungast fragt sich beim Anblick von so viel Schweinegebein nicht bierernst: „Wos mochn die mit dem Rest vom Schwein?“

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Die Kellner warten auf Nachschub: Ihre Zapfmaschine läuft im Vollbetrieb.

„Praterseidl“ – gibt’s nicht

Ernst ist es dem Hüter des Wiener Dialekts mit seinem Hinweis auf das „Praterseidl“, das er so umschreibt: „Eh in einem Krügerlglas serviert, aber mit reichlich Abstand zum Eichstrich.“ IT- und Bierzählprofi Roli schüttelt den Kopf, er bricht eine Lanze für sein geliebtes Schweizerhaus und dessen Schankpersonal: „Heute ist es wieder besser.“

Der Schweizerhaus-Fan lobt auch die Angebote der stadtbekannten Eigentümer (Familie Kolarik): „Seit drei Jahren schon haben sie den Preis für das Bier nicht erhöht – alle Achtung.“ Etwas anders als beim Benzinpreis scheint im Prater bei 5,90 Euro für einen halben Liter Bier heuer der Deckel drauf zu sein.

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Etliche Prater-Gäste kamen auch mit ihren Fahrrädern.

Schön ist übrigens auch die Geste des Original Wiener Praterkasperltheaters schräg gegenüber, wo man sich mit den Eintrittspreisen seit Jahren schon am Krügerltarif der Kolariks orientiert.

Nachmittags zeigt sich dann über den Dächern des Biergartens die Märzsonne, wodurch die Temperaturen deutlich nach oben wandern.

Auch Fredo Nemec, er ist der Vizepräsident des Wiener Praterverbands, kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er sagt angesichts des regeren Andrangs als im Vorjahr: „Geht es dem Schweizerhaus gut, dann geht es auch uns Prater-Schaustellern gut und umgekehrt. Das war im Prater immer schon eine Symbiose.“

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