Dieses Gebäude war das schönste Zinshaus von Wien

Der Heinrichshof vis-à-vis der Oper war die beste Adresse der Stadt. Buchhändlerin Ulla Remmer hat über ihn ihr erstes Buch geschrieben.
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Die kleine, feine Buchhandlung Franz Leo & Comp. in der Wiener Innenstadt blickt auf eine mehr als 200 Jahre lange Geschichte zurück. Im Lauf der Zeit hatte sie nicht nur verschiedene Besitzer und Namen, sondern auch wechselnde Standorte. Mehr als 70 Jahre lang war sie im Heinrichshof eingemietet, einem riesigen Ringstraßenbau vis-à-vis der Staatsoper.

Heute wird die Buchhandlung von den Schwestern Susanne und Ulla Remmer geführt; als ihr Großvater, Hans Remmer, sie 1938 übernommen hatte, befand sie sich noch im Heinrichshof. Erst in den 50er-Jahren übersiedelte das Geschäft an den jetzigen Standort am Hohen Markt. Und jetzt hat die Buchhändlerin Ulla Remmer, 58, ein Buch über die Geschichte des Heinrichshofs geschrieben. Wie es dazu kam? Lange Geschichte.

2017 hatte Remmer für eine Fachzeitschrift einen Beitrag zum 200-jährigen Jubiläum der Buchhandlung geschrieben. Danach wollte sie daraus ein Buch machen, aber dem Verlag war der Text dafür zu kurz. „Also habe ich mir gesagt: Gut, dann mache ich den ganzen Heinrichshof. Das war der Einstieg in ein Labyrinth, aus dem fast kein Entkommen mehr war.“

Acht Jahre lang hat sie daran gearbeitet, natürlich neben dem Job in der Buchhandlung. „Immer, wenn das Weihnachtsgeschäft kam, wusste ich: Jetzt ist wieder ein paar Wochen Schluss mit dem Schreiben.“ Bei der Arbeit an dem Buch kam Remmer zugute, dass sie nicht nur gelernte Buchhändlerin ist, sondern auch studiert hat, und zwar vergleichende indogermanische Sprachwissenschaft. „Dadurch war ich ein bisschen darauf vorbereitet, wie man ein komplexes Thema angeht.“

Sie studierte historische Adressenverzeichnisse, wühlte sich durch das „Anno“-Zeitungsarchiv der Nationalbibliothek und „gönnte sich den Luxus, viele Umwege zu gehen“. Besonders wichtig war ihr, die Frauen im Heinrichshof – zum Beispiel wurde hier 1866 die „Erste Handelsschule für Mädchen und Frauen“ eröffnet – sichtbar zu machen. „Das war ein Haus für alle.“

Ulla Remmer

Buchautorin Ulla Remmer ist hauptberuflich Buchhändlerin. Mit ihrer Schwester Susanne betreibt sie die Buchhandlung Leo am Hohen Markt, die sich jahrzehntelang im Heinrichshof befunden hatte.

Denkmal für Drasche

Der 1863 fertiggestellte Heinrichshof heißt eigentlich Heinrichhof (so stand es auch an der Fassade), aber irgendwie haben immer schon alle Heinrichshof gesagt und geschrieben – weshalb auch Remmer diese Schreibweise übernommen hat. Benannt ist er nach seinem Erbauer und Besitzer Heinrich Drasche (siehe auch: Draschepark). Der Ziegelunternehmer war durch den Bau der Ringstraße reich geworden und hatte sich ebendort selbst ein Denkmal gesetzt. Der von Architekt Theophil Hansen – der später auch die Börse und das Parlament planen sollte – errichtete Heinrichshof umfasste den gesamten Häuserblock gegenüber der Oper. Es gab 96 Wohnungen und 48 „Gewölbe“, in die Lokale und Geschäfte einzogen.

Zeitgenossen bewunderten das „schönste Zinshaus von Wien“ oder sprachen ehrfürchtig von einem „Monstrehaus“. „Hochadelige wohnten dort ebenso wie kleine Handwerker“, sagt Ulla Remmer. „Ich finde das schon beachtlich: Das aufstrebende Bürgertum sichert sich seinen Platz an der Ringstraße.“

Zu den Erstmietern zählte Otto Wagner (der allerdings bald wieder auszog), die Wohnung des Startenors Leo Slezak hatte 14 bis 17 Zimmer (die Angaben schwanken), Anton Bruckner hingegen wohnte in einer bescheidenen Dachstube und war dort unglücklich.

Das bis vor Kurzem aktive Textilunternehmen Backhausen hatte jahrzehntelang im Heinrichshof seinen Flagship-Store, wie man heute sagen würde. Betuchte Kundschaft zogen auch andere Geschäfte an – etwa Wahliss (Porzellan), Deckert & Homolka (Telefonie, heute Ericsson Austria), Kitschelt (Eisenmöbel), Sieburger (Tapeten), Christofle (Silberwaren) oder Kleemann (Federschmuck).

In der Bierhalle Philippsky ging es hoch her („Bei Philippsky sehen wir uns wieder“, kalauerte das Bildungsbürgertum), bis der Börsenkrach von 1873 die Party beendete und das Lokal pleite ging. Einen kleinen Teil der Räumlichkeiten übernahm 1877 die Buchhandlung Leo. Das gleich daneben gelegene Kaffeehaus, ursprünglich als Café Mayer eröffnet, war ab 1900 als Café Heinrichshof eines der wichtigen Ringstraßenkaffeehäuser; 1902 haben Josef Hoffmann, Kolo Moser & Co. dort die Wiener Werkstätte gegründet.

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Das Café Heinrichshof war eines der wichtigsten Ringstraßenkaffeehäuser. Viele Opernbesucher stärkten sich in der großen Pause im Café, manche fanden dann nicht mehr zurück. 

Erste Reihe Mitte

Der Opernring war damals, mehr noch als heute, ein Hotspot der Stadt. Im Gastgarten des Café Heinrichshof saß man erste Reihe Mitte. Lief in der Oper Wagners „Parsifal“, kamen viele Gäste in einer Pause rüber, um sich zu laben (manche fanden dann nicht mehr zurück).

1921 wurde das Café im Zuge einer großen „Hungerdemonstration“ verwüstet; später machten illegale Nazis vor dem Lokal Terror. Das Café war auch ein wichtiger Treffpunkt für die Operetten- und Schlagerszene. Hermann Leopoldi, Fritz Löhner-Beda oder Robert Stolz gehörten zu den Stammgästen; nicht alle haben den Nationalsozialismus überlebt.

Wie viele Geschäfte im Heinrichshof hatte auch die Buchhandlung Leo jüdische Besitzer. Da ist es natürlich verdächtig, dass Ulla Remmers Großvater, der mehr als 30 Jahre lang Angestellter im Geschäft war, den Betrieb ausgerechnet 1938 übernahm. Nein, es war keine „Arisierung“, jedenfalls keine offizielle. Aber: „Ich will das nicht beschönigen, für die Besitzer war das damals sicher eine Drucksituation“, sagt Remmer. „Es ist kompliziert.“

Bombenangriff

Am 12. März 1945 wurde der Heinrichshof von mindestens drei Bomben getroffen; beim selben Angriff wurden auch die Oper und der dahinter liegende Philipphof (300 Tote!) bombardiert. Mindestens ein Drittel des Gebäudes war zerstört, und lange war unklar, was mit dem Heinrichshof geschehen soll. Als 1949 der Abriss beschlossen wurde, waren noch 29 Parteien im Haus, darunter die Buchhandlung. 1951 musste auch sie raus, 1957 wurde der neue Opernringhof eröffnet.

Ulla Remmer hat sich ein bisschen davor gefürchtet, ihr eigenes Buch zu verkaufen. Wie würde die Kundschaft mit der Situation umgehen? „Aber es war dann überhaupt kein Problem. Es ist schön, wenn Leute kommen und sagen, dass sie mein Buch gelesen haben.“ Und dann spricht kurz wieder die Buchhändlerin aus Ulla Remmer: „Wir haben das Buch natürlich sehr gut verkauft.“

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