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Chronik Wien
05/25/2019

Fünfer bei der Prüfung: Polizei entzog Pass

Studentenvisum: 24-Jährige soll zudem 500 Euro Strafe zahlen.

von Michaela Reibenwein

Cansu S. hat große Pläne. Die 24-Jährige will eines Tages im internationalen Auto- oder Maschinenbau arbeiten. Für dieses Ziel hat sie sogar ihr Heimatland und ihre Familie verlassen. Cansu S. stammt aus der Türkei.

Im Jahr 2013 zog sie nach Wien, um hier an der Technischen Universität Maschinenbau zu studieren. Dieser Traum könnte jetzt allerdings ein jähes Ende finden. „Sie sind illegal hier“, erklärten ihr zwei Polizisten, die plötzlich vor ihrer Tür im Studentenheim standen und ihr den Reisepass abnahmen. Vor wenigen Tagen bekam sie zudem Post von der Landespolizeidirektion Wien – weil sie angeblich illegal im Land ist, soll sie 500 Euro Strafe zahlen. Oder vier Tage im Gefängnis verbüßen.

Eine Prüfung vermasselt

Studenten aus Drittstaaten benötigen ein Studentenvisum. Dieses wird jährlich verlängert. Oder auch nicht. Jeder Student muss jährlich seinen Lernerfolg nachweisen. Bisher war das für Cansu S. kein Problem. Doch dann passierte Unerwartetes – eine naher Freund erkrankte schwer. Das nahm die junge Frau stark mit, sie litt unter Depressionen, holte sich Hilfe bei einem Psychotherapeuten. Und schaffte eine Prüfung zu wenig.

„Seit einiger Zeit wird mit ausländischen Studenten auffallend hart umgegangen“, sagt Anwältin Eva Velibeyoglu. Und da stimmte ihr sogar der Verfassungsgerichtshof zu. Cansu S. würde „ein unverhältnismäßiger Nachteil“ entstehen. Man gewährte im Fall der jungen Frau „aufschiebende Wirkung“. Dennoch klingelte wenige Tage später die Polizei an ihrer Tür.

Eine Thematik, die beim Referat für Ausländische Studierende bei der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) nicht neu ist. „Die Beratungszahlen sind vor allem in den letzten zwei Jahren enorm gestiegen“, bestätigt ÖH-Sprecher Florian Berger. Häufige Beratungsthemen seien die Verlängerung des Aufenthaltstitels und ein negativer Bescheid von der zuständigen MA 35. „Derzeit werden Erstanträge oder Verlängerungen öfters abgelehnt.“

Mehr als 29.000 Studenten aus Drittstaaten waren laut Statistik Austria im Wintersemester 2017/’18 gemeldet. Die meisten stammten aus Bosnien (3.573), gefolgt von der Türkei (3.163) und Serbien (2.563).

Finanzen unter der Lupe

Wer in Österreich studieren will und nicht aus dem EU-Raum kommt, muss seit einiger Zeit nicht nur einen entsprechenden Lernerfolg vorweisen. Noch vor Beginn des Studiums werden die finanziellen Mittel geprüft. Die Angabe, dass das Geld von Eltern oder Verwandten ist, reicht nicht. Die zahlenden Verwandten müssen ihre Vermögensverhältnisse offen legen – geprüft werden unter anderem Lohnzettel und Kontostand. Finanziert der Student das Studium mit eigenen Ersparnissen, muss er ebenfalls deren Herkunft offen legen.

Wer mitten im Studium erkrankt, hat Pech gehabt. Berger von der ÖH erinnert sich an den Fall einer anderen Studentin, die an Depressionen erkrankte. „Sie legte der Behörde Dokumente vor, die bestätigten, dass sie eine Therapie besuchte. Die Behörde lehnte den Antrag dennoch ab, da es sich nicht um ein unabwendbares und unvorhersehbares Ereignis handelte und riet ihr, nach Überwindung der Depression das Studium fortzusetzen.

Cansu S. wird bis auf Weiteres das Studium fortsetzen. Sie ist eine eifrige Studentin. Das bestätigte ihr sogar schon das Verwaltungsgericht. „Ich wollte immer Ingenieurin werden, wie mein Vater. In Österreich gibt es eine gute Ausbildung.“ Zwei, drei Jahre braucht sie noch.