Chronik | Wien
11.04.2018

„Deradikalisierung ist kein Sprint“

© Bild: Privat

Terrorprozess: Die Betreuung von Lorenz K. in Haft führte dazu, dass er versucht, sich zu beherrschen.

Der Wiener Terrorprozess gegen Lorenz K., der Bombenanschläge geplant haben soll, offenbart auch ein Versagen – bzw. eine Ohnmacht – der staatlichen Strukturen bei der Deradikaliserung.

Der 19-Jährige wird seit seiner Verhaftung im Jänner 2017 vom Verein Derad betreut, der im Auftrag der Justiz im Vorjahr 135 unter Terrorverdacht inhaftierte Häftlinge vom radikalislamistischen Gedankengut abzubringen versucht hat. Weitere 17 wurden nach ihrer Entlassung in Freiheit weiter begleitet.

Das Ergebnis bei Lorenz K.? „Deradikalisierung ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf“, teilt Derad dem Gericht mit. Und rechtfertigt auch gleich die eigene Arbeit: Eine komplette Deradikalisierung sei noch nicht eingetreten, „aber das haben wir auch nie versprochen.“

Der 19-Jährige befindet sich laut dem Bericht des Betreuers auf einem guten Weg. Er verberge oder beschönige seine Gesinnung nicht, sei aber bereit, den IS („ Islamischer Staat“) kritisch zu hinterfragen und Gewaltvideos zu verurteilen. Es falle ihm nicht leicht, sich emotional von seiner Ideologie zu lösen, weil ihm die Religion Halt geben würden. Er sei aber bereit, den „Mainstream-Islam“ kennenzulernen und versuche, was seine frühere Gewaltbereitschaft betrifft, sich zu beherrschen.

Im Derad-Bericht wird kritisiert, dass die Ideologie medial zu sehr in den Vordergrund gestellt werde. Es gehe den Radikalisierten vielfach nur um „Action“. Im Fall Lorenz K. bedeute das: Wäre er nicht Muslim geworden, dann hätte er auch zur US-Army gehen können.

Die in der Zelle von Lorenz K. gefundenen radikalen Zeichnungen mit IS-Kämpfern sowie einer Verteufelung der US-Flagge interpretiert Derad nicht als Ausdruck seiner anhaltenden Gesinnung, sondern als „subtile Methode der Provokation“.

Manipuliert

Allerdings wird in einem Bericht des Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung die Aussage eines Mithäftlings wiedergegeben, der Ende 2017 eine Zelle mit Lorenz K. teilte. Dieser habe den Islam verherrlicht und versucht, Mitgefangene zu manipulieren und zum Konvertieren zu bringen.

„Das ist Blödsinn“, wies der Angeklagte das zurück. Er habe nur „Geschichten über den Islam erzählt“, aber niemandem seinen Glauben aufzwingen wollen.

Unmittelbar vor seiner Festnahme hatte Lorenz K. einen Termin bei der Männerberatung. Dass der Betreuer mit ihm eine Deradikalisierung hatte durchführen lassen wollen, amüsierte den 19–jährigen sichtlich: „Hahaha, wenn der wüsste: Wenn ich will, kann ich die ganze Gruppe radikalisieren“, teilte er einem Chat-Partner mit.

Das Urteil soll am Freitag gefällt werden.