Die roten Saubermänner und die Geschichte der Wiener Bäder

Im „Waschsalon“ im Karl-Marx-Hof, dem bekanntesten Wohnbau des „Roten Wien“, ist der Rückblick auf die Geschichte der Bäder bestens aufgehoben.
Das Amalienbad.

Am Reumannplatz in Wien steht das Amalienbad. Es feierte heute seinen 100. Geburtstag. Dass das Bad just auf dem nach dem ersten Bürgermeister des „Roten Wien“, Josef Reumann, benannten Platz steht, ist wohl Zufall. 

Oder auch nicht. Denn die Ära, die unter Reumann eingeleitet und als „Rotes Wien“ zahlreiche soziale Errungenschaften zuwege gebracht hat, spielt auch für das Wiener Bäderwesen eine große Rolle.

„Auch für Nichtschwimmer“

Das zeigt eine Sonderausstellung mit dem klingenden Namen „Auch für Nichtschwimmer“ im Waschsalon Karl-Marx-Hof (Halteraugasse 7), als größter Gemeindebau ebenso eine Errungenschaft aus dieser Zeit, die sich zum 100. Geburtstag des Amalienbades (auch das Ottakringer Bad wurde in dem gleichen Jahr eröffnet) der Geschichte des Badens in Wien widmet. Nicht zu verwechseln mit der Geschichte von Baden bei Wien.

Männerbad steht auf einem Schild über einer Türe.

Im Männerbad ist sozusagen die Ausstellung "Auch für Nichtschwimmer".

„Männerbad“ steht über dem Eingang in diese Sonderschau, die ein detailgetreues und sehr romantisches Bild zeichnet. 

Männer und Frauen getrennt

Der Zutritt ist allerdings Frauen und Männern gemeinsam gestattet. In den Wiener Bädern war das nicht immer so. Im Gegenteil. 

Wie im Amalienbad waren die Bäder in Wien durchwegs geschlechtergetrennt. Dass das durchaus auch frauengerecht war, zeigt sich etwa daran, dass gerade dieses Bad wegen seiner Einzelbrausebögen und -wannen gerade bei Frauen starkes Interesse hervorgerufen hat. 

Das Amalienbad wurde zur Eröffnung mit Kritik überschüttet – als „kostspieliger Badepalast, in dem sich Proletarier gar nicht heimisch“ fühlen würden. 

Drei Stockwerke weggebombt

Im 2. Weltkrieg wurden dem Bad jedenfalls dreieinhalb Stockwerke weggebombt. Futuristisch war das Glasdach, das sich ursprünglich in drei Minuten öffnen ließ, um den Badegästen im Sommer Baden unter freiem Himmel zu ermöglichen.

Hygiene als Triebfeder

Warum Favoriten bei den öffentlichen Bädern ganz vorne dabei war, hat einen demografischen Grund. 

Während in Wien Ende des 19. Jahrhunderts in der Inneren Stadt weniger als zwei Personen pro Zimmer (!) lebten, waren es in Favoriten fast fünf. 

Ausstellungskuratorin Lilli Bauer.

Ausstellungskuratorin Lilli Bauer. 

„In der Hochblüte der Industrialisierung herrschten katastrophale Bedingungen“, weiß Kuratorin Lilli Bauer, die mit unglaublichem Detailwissen und historischen Schmankerln durch die Ausstellung führt. 

Bäder verbesserten die Hygiene

Auch in Sachen Hygiene herrschte Aufholbedarf. Die Volksbäder oder Tröpferlbäder, die ab 1887 entstanden (bis 1914 wurden 18 Bäder in Wien errichtet), waren als Möglichkeit gedacht, allen Wienerinnen und Wienern abseits des damals nicht so ausgeprägten Interesses am Baden als Freizeitbeschäftigung einen niederschwelligen Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. 

Darauf aufbauend errichtete die sozialdemokratische Gemeindeverwaltung in vielen der neuen Wohnhausanlagen ein Gemeinschaftsbad – bis zum Jahr 1932 entstanden insgesamt 62 solcher Anlagen.

Strom- und Kinderbäder

Die Sonderausstellung wirft einen Blick auf alle Formen der Wiener Bäder und ihre Entwicklung. Etwa auf die Strombäder, die entstanden, als die Fäkalien in andere Kanäle als den Donaukanal geleitet wurden und dem Baden in Letzterem keine hygienischen Bedenken mehr entgegengestanden sind.

Oder auf die Strand- und Sommerbäder wie Gänsehäufel, Krapfenwaldbad oder Ottakringer Freibad. 

Zu jedem hat fast jede Wienerin und jeder Wiener eine persönliche Erinnerung. Nicht jeder weiß, dass das Gänsehäufel von einem Naturheilkundler ursprünglich privat betrieben war und nach zehn Jahren von der Stadt übernommen wurde – nicht zuletzt deshalb, weil es sich zum „größten Freibad des Kontinents“ ausgewachsen hatte.

Nacktbaden zieht an

Oder, dass das Ottakringer Freibad schon am zweiten Wochenende überlaufen war – weil es den ersten Nacktbadebereich angeboten hat.

Was das „Rote Wien“ auch gebaut hat: 23 Kinderfreibäder in den Wiener Parks – direkt im Umfeld, wo sich die Kinder sonst aufgehalten haben. 

Ein Schild mit der Aufschrift Badezeit 60 Minuten einschl. an- und auskleiden. Bei Überschreitung ist eine neue Karte zu lösen.

Ein historisches Ausstellungsstück. 

Dass die Buben damals doppelt so viel Badezeit hatten wie die Mädchen, ist ein Spiegelbild der Zeit.

Heute hat Wien noch 38 städtische Badeanstalten, von den Kinderfreibädern sind elf noch als „Familienbäder“ erhalten. 

Der Bedarf an öffentlichen Badeanstalten ist jedenfalls geringer geworden. 1951 verfügten nur 13,7 Prozent der Wiener Wohnungen über ein eigenes Badezimmer.

Kommentare