"Die Muthgasse war gottverlassen"
Er mag keine Stararchitekten, dabei gilt er selbst als einer: Heinz Neumann hat die Skyline Wiens mit Uniqa-Tower und neuen Westbahnhof bedeutend geprägt. Ende April bekommt der 73-jährige Wiener das Goldene Ehrenzeichen der Stadt verliehen. Sein derzeitiges Lieblingsprojekt ist die Muthgasse in Heiligenstadt: Ein Stadtentwicklungsgebiet, in dem Wohnraum für 3000 Menschen entstehen soll. Neumann ist externer Berater im Planungsprozess.
Mit dem KURIER sprach er über die Zukunft der Muthgasse, die "sinnlose Architektur" der neuen WU und erklärt, warum er nicht gerne als Star bezeichnet wird.
KURIER: Herr Neumann, Sie entwerfen nicht nur für die Muthgasse, hier steht auch ihr Büro. Warum haben Sie ein Dampfkraftwerk umgebaut?
Heinz Neumann: Ich habe dieses Backsteinhaus in den 80er Jahren entdeckt. Es war verfallen, die Bäume sind aus den Fenstern gewachsen. Irgendwann bin ich hinein, aber von einigen Obdachlosen verscheucht worden. Ich habe mich trotzdem informiert: Das Haus war ein Dampfkraftwerk, später eine ÖBB-Lehrwerkstätte, dann stand es Jahre leer. Ich habe es schließlich gekauft. Eine denkmalgeschützte Substanz umzubauen ist eine Herausforderung – aber eine, die Spaß macht.
Sie sind also schon lange in der Muthgasse…
Damals war um uns herum so gut wie nichts. Ruinen, Brachen, es war eine gottverlassene Gegend. In den letzten Jahren ist viel entstanden.
… und es soll noch mehr entstehen. Die Stadt hat ein Planungsverfahren initiiert, Sie sind als Berater eingebunden. Können Sie einen Einblick geben?
Ein Nebeneinander von Arbeit, Wohnen und Erholung ist der Gedanke. Man fährt nicht ins Grüne zu seinem Knusperhäuschen, sondern findet hier alles. Der Donaukanal soll angebunden werden, aus dem Leopold-Ungar-Platz wird ein richtiger Platz. Zwei Bürohäuser habe ich dafür geplant. Der Verkehr soll neu geordnet werden, die Muthgasse entlastet. 2017 kann man wohl zu bauen beginnen.
Sind neue Hochhäuser geplant?
Es gibt Überlegungen, da sich der Standort eignet.
Döblings Bezirksvorsteher Adi Tiller hat sich kritisch gezeigt…
Er hat nur gefordert, eine Verkehrsuntersuchung vorzulegen. Dem kommen wir nach.
Sie haben das ungenutzte APA-Hochhaus (mit dem KURIER-Schriftzug, Anm.) in der Gunoldstraße gekauft. Was planen Sie?
Einen Raum für Start-ups und Wohnungen. Notwendig wären auch Einzelhandel und Gastronomie. Aus diesem Platz lässt sich eine dynamische Location machen. Etwas, das lebt. Die Verkehrsanbindung ist ideal.
Abgerissen wird also nicht?
Das wird die neue Flächenwidmung zeigen. Das Haus ist zumindest nicht asbestverseucht, der Boden nicht kontaminiert. Dafür habe ich Gutachten eingeholt.
Die Aufwertung der Gegend wäre auch eine Chance für einen High Line Park auf der stillgelegten Stadtbahntrasse daneben…
Ich bin ein Fan! Ich würde den Park ausbauen und am Boden bis nach Klosterneuburg verlängern. Das wäre der fantastischste Flanierweg.
Sie planen viele Gebäude in Wien. Wie ist es, hier zu bauen?
Wien ist behutsam, aber auf einem guten Weg. Bei uns ist es nicht komplizierter als anderswo. Gut, in Dubai ist es leichter, aber dort gibt es auch einen Herrscher, der alles bestimmt. Wenn dann plötzlich 1000 Hochhäuser stehen – da springt zwar das Architektenherz, aber das muss ja auch nicht sein.
So etwas Einzigartiges wie der Burj Khalifa (das höchste Gebäude der Welt, Anm.) wird bei uns aber leider nicht gebaut.
Auch die irakische Architektin Zaha Hadid hat bekannte Bauten in Wien entworfen, wie die neue WU. Diese kritisieren Sie. Warum?
Die öffentliche Hand ist zur Sparsamkeit aufgerufen. Wenn sie dann teure Architektur-Ikonen finanziert, finde ich das falsch.
Der Campus von Bill Gates wurde auch in aller Bescheidenheit gebaut. Dort wird allerdings weltbewegende Forschung betrieben. Wenn sich eine Versicherung so ein Gebäude leistet, ist das ok. Mein Uniqa-Tower ist ja auch kein schlichtes Ich-streue-mir-Asche-auf-das-Haupt-Gebäude.
Aber eine Uni sollte nicht in ausufernde, sinnlose Architektur investieren.
Sie kritisieren oft Stararchitekten, dabei gelten Sie selbst als einer. Warum mögen Sie diese Bezeichnung nicht?
Meine Eitelkeit ist da schaumgebremst. Ein Architekt ist ein Dienstleister. Punkt.
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