Chronik | Welt
04.04.2018

Herz und Hirn der Bürgerrechtsbewegung: Er hatte einen Traum

50 Jahre danach. Ein Besuch in Memphis, wo Martin Luther King ermordet wurde. Sein Traum hat sich nicht erfüllt

Die Wanne ist schäbig und voller Flecken, die grün-braune Farbe an den Wänden abgeplatzt. Das Schiebefenster steht eine Handbreit offen. Es ist der 4. April 1968. 18 Uhr. Von diesem Badezimmer des Appartements 5 b einer billigen Absteige aus legt James Earl Ray mit einem Remington-Gewehr auf eine Gruppe schwarzer Männer an, die keine 100 Meter entfernt auf der anderen Seite der Mulberry Street vor Zimmer 306 des Lorraine Motel in Memphis frische Luft schnappen. Ein einziger Schuss zerreißt die Stille. Dr. Martin Luther King, der gerade noch einen befreundeten Saxofonisten gebeten hat, am späteren Abend bei einem Protestmarsch das Lied „Take my Hand, Precious Lord“ besonders schön zu spielen, geht zu Boden. Das Projektil durchschlägt den Hals und durchtrennt sein Rückenmark. Eine Stunde später wird im St. Joseph-Krankenhaus der Tod festgestellt. Der charismatischste Führer der Schwarzen in Amerika wird nur 39 Jahre alt.

Ein halbes Jahrhundert später spürt der Besucher im 1991 eröffneten National Civil Rights Museum , untergebracht im früheren Lorraine Motel und dem Boardinghouse gegenüber, wie sich beim Betreten des Unglücks-Ortes die Haare auf den Unterarmen aufstellen. Alles, bis hin zum kalten Kaffee und den ausgedrückten Zigarettenkippen in Kings Zimmer, ist originalgetreu nachgestellt.

 

Museumsführer Logan, damals 17, ein in Ehren ergrauter Schwarzer, kämpft mit den Tränen, als er sich an die Beerdigung am 9. April in Atlanta erinnert. „200 000 Menschen kamen. Mahalia Jackson sang. Der Sarg lag auf einem von zwei Eseln gezogenen Sharecropper-Karren, wie sie die Plantagenpächter früher benutzt haben. Der Doktor wollte es so.“

Radikale Umverteilung

Rückblick: King ist in die Blues-Metropole Memphis gekommen, um die Bürgerrechtsbewegung zur sozialen Speerspitze zu formen. Zu helfen gilt es den 1300 streikenden Arbeitern der Müllabfuhr, meist Schwarze. Sie fordern nach einem schweren Unfall mehr Sicherheit, mehr Geld – und vor allem mehr Respekt. „I’m a man“, ist die programmatische Aussage – gegen die von den Weißen aus der Sklavenzeit hinübergerettete Anrede: „Boy“. King propagiert eine „radikale Umverteilung der wirtschaftlichen Macht“. 

 

Für seine „Kampagne der armen Leute“ spricht er am 3. April in der örtlichen Mason-Temple-Kirche. Tausende Besucher hängen an seinen Lippen. Was er sagt, klingt wie ein Vermächtnis. „Wie jeder würde ich gern leben, ein langes Leben“, ruft King, sichtbar mit den Kräften am Ende, „aber das kümmert mich jetzt nicht.“ Gott habe ihm gestattet, „den Berg zu erklimmen, und ich habe das gelobte Land gesehen“, predigte er mit donnernder Stimme fast wie in Trance: „Ich mag vielleicht dort nicht mit euch hingelangen, aber ich möchte, dass ihr wisst, dass wir als Volk dorthin gelangen werden.“ Die „Mountain-Top-Rede“ war seine letzte.

 

Die Anfänge des 1929 in Atlanta geborenen Pastorensohnes, des studierten Theologen und Vaters von vier Kindern sind eng mit dem Schicksal einer couragierten Näherin verbunden. King tritt als 26-Jähriger seine erste Pfarrstelle in der Dexter Avenue Baptist Church in Montgomery an. Die Stadt in Alabama ist ein Hochburg des rassistischen Ku-Klux-Klan. Schwarze und Weiße gehen in getrennte Schulen, essen in getrennten Restaurants und benutzen getrennte Toiletten.

Eine Protestwelle kommt in Gang

Als sich die resolute Rosa Parks in einem Akt zivilen Ungehorsams weigert, ihren Sitzplatz im Bus an einen Weißen abzutreten, kommt sie ins Gefängnis. Es ist das Jahr 1955. Eine Protestwelle kommt in Gang. 381 Tage lang meiden Montgomerys Schwarze öffentliche Verkehrsmittel. Martin Luther King koordiniert den Boykott. Mit Erfolg. 1956 hebt der Oberste Gerichtshof in Washington die Diskriminierung in Bussen auf.

 

Bis zu seinem letzten Atemzug am 22. April 1988 in einem Gefängnis für kranke Strafgefangene in Tennessee versuchte James Earl Ray die Welt von seiner Unschuld zu überzeugen. Der in armen Verhältnissen aufgewachsene Weiße, ein bekennender Rassist, ein Bankräuber und Gefängnisausbrecher, war zwei Monate nach dem Attentat auf Martin Luther King auf der Flucht am Londoner Flughafen Heathrow mit gefälschten Papieren festgesetzt worden.

Im März 1969 legte er im Gericht in Memphis ein Geständnis ab. Was ihm statt der Todesstrafe 99 Jahre Freiheitsentzug eintrug. Schon kurz danach zog Ray seine Selbstbezichtigung zurück: „Ich war nicht der Täter.“ So entstand die Legende vom Komplott. Allen voran die Bundespolizei FBI soll hinter dem Mord gestanden haben. Deren machiavellistischer Boss J. Edgar Hoover hielt King für eine Bedrohung der nationalen Sicherheit. Die außerehelichen Eskapaden des Geistlichen nutzte Hoover, um ihn mit einer Verleumdungs- und Überwachungskampagne zu überziehen. Andere Zeitzeugen vermuteten das Militär, die Polizei und/oder die Mafia hinter dem Anschlag.

Grund zum Zweifeln

Im National Civil Rights Museum sind beeindruckende Schautafeln installiert, die akribisch alle Lücken, Ermittlungspannen und offenen Fragen auflisten. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um nach dem Besuch an der Alleintäterschaft zu zweifeln, die von mehreren Untersuchungskommissionen bestätigt wurde. Kings Witwe Coretta war bis zu ihrem Tod 2006 fest davon überzeugt, dass James Earl Ray nicht der Mörder war. 

 

Als Martin Luther King stirbt, hat die Bürgerrechtsbewegung nahezu alle Ziele erreicht – auf dem Papier. Angefangen von der Gerichtsentscheidung „Brown v. Board of Education“, mit der die Rassentrennung an Schulen aufgehoben wird. Dann Rosa Parks und der Bus-Boykott. 1960 in Greensboro/North Carolina der Sitzstreik gegen die Behandlung in Restaurants. 1964 das Bürgerrechtsgesetz, mit dem Diskriminierung am Arbeitsplatz gestoppt werden soll. King erhält den Friedensnobelpreis. 1965 wird der afroamerikanischen Bevölkerung durch den „voting rights act“ bei Wahlen das volle Stimmrecht zugestanden.

 

Die Rede

Dazwischen, am 28. Augst 1963, eine Sternstunde der jüngeren Menschheitsgeschichte. Vor 250.000 Zuhörern, darunter sind 75.000 Weiße, hält King in Washington seine wirkungsmächtige „I have a dream“-Rede: „Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihres Glaubens lebt: Für uns soll als selbstverständlich gelten, alle Menschen sind als gleich geschaffen.“ 

 

Kurz vor seinem Tod fünf Jahre später ist von dieser Euphorie nicht mehr viel übrig. Die Erfolge, das wird King bewusst, sind nur Zwischenschritte. Das Ziel – soziale Gerechtigkeit und Teilhabe auf Augenhöhe – bleibt in weiter Ferne. Auch darum wirkt das Attentat wie Kerosin auf offenes Feuer. In 125 Städten landesweit kommt es zu Plünderungen, Bränden, Verwüstungen. Fast 40 Menschen sterben, rund 3000 werden verletzt.

 

Der Bürgerrechtsbewegung raubte der Mord Herz und Gehirn. Niemand konnte King, der Zeit Lebens 2500 Proteste organisierte und 30 Mal ins Gefängnis ging, ersetzen. Kritiker machten gegen sein Dogma der (von Mahatma Ghandi entliehenen) Gewaltfreiheit Front. Junge Führer wie Malcolm X radikalisierten ihre Anhänger und propagierten einen „schwarzen Nationalismus“.

"Es ist ein Traum geblieben"

Faith Morris, die wunderbar streitbare Leiterin des National Civil Rights Museum in Memphis, sagt im Gespräch mit diese Zeitung, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten „viel zum Vorteil der Schwarzen verändert hat“; in Memphis etwa sei der Anteil der Schwarzen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, von 60 auf 30 Prozent gesunken. Aber alle entscheidenden Kategorien – der Anteil der Inhaftierten, die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss, Durchschnittseinkommen, Lebenserwartung – hätten eine „negative“ Entwicklung genommen. In den Schulen nehme die Rassentrennung wieder zu, was „Aufstiegschancen verhindert“. Polizeigewalt gegen Schwarze sei „überproportional hoch“. Und der Versuch der Regierung Donald Trumps, zu Ungunsten der Schwarzen an den Stellschrauben der Wahlgesetze zu drehen, sei „unverkennbar“.

Vor den Feierlichkeiten am heutigen 4. April sagt die Museumsleiterin: „Wer sich umschaut, der sieht: Der Traum, von dem Dr. King gesprochen hat, der Traum von einem Amerika ohne Rassenschranken, er ist ein Traum geblieben.“