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Totgeglaubter Soldat meldet sich Jahre nach Beerdigung bei Familie

Beerdigt und für tot erklärt, doch Jahre später meldet sich ein ukrainischer Soldat überraschend aus russischer Gefangenschaft bei seiner Mutter.
Nazar Daletskyi (46) kehrte nach vier Jahren aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück

Es ist eine Geschichte, die selbst im Alltag des Krieges kaum zu fassen ist: Eine Mutter trauert jahrelang um ihren vermeintlich gefallenen Sohn – bis plötzlich das Telefon klingelt und sich alles als Irrtum entpuppt. Im Netz geht derzeit diese fast unglaubliche Geschichte des 46-jährigen Soldaten Nazar Daletskyi viral. 

Jahre der Trauer nach vermeintlichem Tod

In einem Interview mit der New York Times berichtet Mutter Nataliya Daletska davon, wie sich ihr Leben seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 schlagartig änderte. Ihr Sohn, der 46-jährige Soldat Nazar Daletskyi, wurde im Mai desselben Jahres im Donbass vermisst. Das letzte Lebenszeichen: ein Anruf aus einem Schützengraben, während die Frontlinie zusammenbrach. Zunächst hieß es, Daletskyi sei in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Doch ein Jahr später folgte die niederschmetternde Nachricht: Behörden teilten der Familie mit, man habe seine Leiche identifiziert – angeblich passierte dies zweifelsfrei per DNA-Abgleich.

Familie nahm Abschied

Ein Sarg wurde ins Heimatdorf gebracht, begleitet von der eindringlichen Warnung: Der Körper sei so stark zerstört, dass er nicht geöffnet werden solle. Die Familie nahm Abschied, organisierte die Beerdigung und begann, den Verlust zu verarbeiten.

Der Anruf, der alles verändert

Fast drei Jahre lang lebte Nataliya Daletska mit der Gewissheit, ihren Sohn verloren zu haben. Dann, im Februar 2026, klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Nazar. Er war am Leben und sollte im Zuge eines Gefangenenaustauschs freikommen. Nataliya Daletska traute zunächst ihren Ohren nicht, wurde dann aber schnell von den Gefühlen eingeholt und konnte vor Glück kaum sprechen. Ihren Angaben zufolge brachte sie folgenden Satz über die Lippen: "Mein Gott, wie lange habe ich auf dich gewartet, mein geliebtes Kind!"

Ein Grab ohne Identität

Die unglaubliche Wendung wirft jedoch eine zentrale Frage auf: Wer wurde tatsächlich beerdigt? Bis heute gibt es darauf keine Antwort. Der Leichnam, der unter Daletskyis Namen bestattet wurde, wurde inzwischen exhumiert. Der Fall zeigt drastisch, wie schwierig und fehleranfällig Identifizierungen unter Kriegsbedingungen sind. Sogar Daletskyi selbst besuchte inzwischen das Grab, das jahrelang als seine letzte Ruhestätte galt.

Überforderte Systeme und tausende Vermisste

Der Fall ist kein Einzelfall, sondern Symptom eines größeren Problems. Laut Berichten, unter anderem der britischen Guardian, sind die ukrainischen Behörden mit der Identifikation von Kriegstoten massiv überlastet.

Die Dimensionen sind enorm:

  • Mehr als 90.000 Soldaten und Zivilisten gelten als vermisst
  • Innerhalb weniger Monate wurden tausende Leichensäcke zurückgeführt
  • Viele Opfer sind durch Explosionen so schwer beschädigt, dass eine eindeutige Zuordnung kaum möglich ist

Forensiker stehen vor kaum lösbaren Aufgaben. Körperteile werden oft getrennt geborgen, Dokumente fehlen, DNA-Proben sind schwer zuzuordnen.

Rückzahlung der Entschädigung gefordert

"So viele Mütter, die ihre Söhne begraben haben, werden jetzt nicht mehr sicher sein", sagt Nataliya Daletska. Gleichzeitig beginnt für ihre Familie ein neuer Kampf: Die ukrainischen Behörden verlangen die Rückzahlung einer Entschädigungssumme von umgerechnet rund 290.000 Euro, die nach der vermeintlichen Todesfeststellung ausgezahlt wurde. Ein Teil des Geldes ist bereits ausgegeben, unter anderem für das Grab.

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