Chronik | Welt
01.08.2018

Tödliche Gefahr aus dem 3-D-Drucker

Wilde Kontroverse um Waffen, die sich jeder ohne Registrierung selbst herstellen kann.

Wo und wann ein Todesschütze seine Waffe(n) inklusive Munition gekauft hat, ist nach jedem Massenmord in Amerika fester Bestandteil der Medien-Berichterstattung. Konsternierte Besitzer von einschlägigen „gun stores“ beteuern dann regelmäßig vor laufender Kamera, sie hätte nichts Auffälliges bemerkt und sich im übrigen an die Gesetze gehalten.

Heute wäre das bizarre Ritual beinahe überflüssig geworden. Mit Genehmigung der Regierung von Donald Trump sollte sich ab Mittwoch, 1. August, jeder Amerikaner im Internet legal Bausätze für todbringende Waffen herunterladen, die mit Hilfe eines 3-D-Druckers im Heimwerkerkeller aus Hartplastik gebastelt werden können. Ohne Registrierung bei den Behörden. Ohne Rücksicht auf Alter oder kriminelle Vergangenheit. Ohne Seriennummer. In einem Land, in dem jährlich rund 40.000 Menschen an Schusswaffengewalt sterben. In letzter Minute gelang es mehr als 20 Bundesstaaten Trump auf dem Gerichtsweg zu stoppen (siehe unten). Der hatte plötzlich kalte Füße bekommen und zog sein Projekt selbst in Zweifel: „Scheint nicht sehr sinnvoll zu sein“, teilte er am Dienstag auf Twitter mit. „Ich werde es überprüfen.“

Hinter allem steckt ein junger Texaner, der in radikal-libertärer Tradition seit Jahren mit dem Staat im Clinch liegt: Cody Wilson aus Austin hatte 2013 den Bausatz für eine 3-D-Drucker-fähige Waffe, den „Liberator“, ins Netz gestellt. Binnen Tagen wurde die digitale Blaupause mehr als 100.000 Mal heruntergeladen. Die Waffen-Lobby der „National Rifle Association“ (NRA), die sich herkömmlichen Waffenschmieden verpflichtet fühlt, tat das Spektakel als Kinderei ab.

Demokraten stoppten

Die Demokraten im Kongress witterten Gefahr. Schließlich schob die Obama-Regierung dem Unterfangen einen Riegel vor. Begründung: Verstoß gegen die Waffengesetz-Richtlinie Itar (International Traffic in Arms Regulations). Der frühere Jus-Student beugte sich murrend, startete aber sofort die Gegenattacke. Mit Hilfe der Organisation „Defense Distributed“ sammelte er Spenden ein und überzog die Regierung mit einem Rechtsstreit. Überraschendes Resultat: Washington, seit 2017 von Donald Trump dirigiert, knickte ein, gab Wilson grünes Licht für die Fortsetzung seines Treibens und beglich sogar dessen 40.000 Dollar Anwaltskosten.

Der Sieger erging sich in Jubel-Arien. „Jetzt beginnt das Zeitalter von Waffen zum Herunterladen“, sagte Wilson und versprach neben herkömmlichen Klein-Pistolen vom Typ Beretta auch die Bau-Skizze für das bei Amokläufen beliebte Schnellfeuergewehr AR-15 zur Verfügung zu stellen.

Für Bob Ferguson ein Unding. Der Justizminister des Westküsten-Bundesstaates Washington hat am Montag Klage eingereicht. Unterstützt von Massachusetts, Connecticut, New Jersey, Pennsylvania, Oregon, Maryland, New York und dem Hauptstadtbezirk DC will Ferguson verhindern, dass „gefährlichen Menschen der Zugang zu Waffen noch leichter gemacht wird“. Auch republikanisch regierte Bundesstaaten wie Iowa, Maine, New Mexico und Vermont schlossen sich an. Ihr Standardargument: Schon heute habe die Polizei Probleme beim Zurückverfolgen von Pistolen und Gewehren. Plastik-Waffen aus der 3-D-Schmiede, die mühelos jeden Metall-Detektor an Flughäfen und anderen sicherheitssensiblen Orten unerkannt passieren können, „haben keine Seriennummern und keine zertifizierten Werkstätten“.

Befürworter halten die Kritik für übertrieben. Im 3-D-Drucker gefräste Plastikwaffen seien nicht lange haltbar und letztlich wenig treffsicher. Darum müsse niemand eine massenhafte Verbreitung befürchten. „Weder Terroristen noch Straßengangs werden sich damit abgeben“, sagte ein Waffen-Experte im TV-Sender MSNBC.

Stichwort: Helme bis Häuser in 3-D

Während 3-D-Drucker vor einigen Jahren für Privatanwender kaum leistbar waren, sind sie heute schon für wenige hundert Euro erhältlich. Eingesetzt werden sie vorwiegend von Bastlern für Hobby-Projekte. Manche Architekten nutzen sie auch, um Modelle schnell zu erstellen. 
Weit verbreiteter ist die Technologie in der Industrie, wo auch präzisere und teurere Geräte zum Einsatz kommen. So werden Fertigteilhäuser in 3-D-Druckern kreiert. Das Möbelhaus Ikea setzt bei der Produktion von Sesseln, die an ihre Besitzer angepasst sind, ebenfalls darauf. Im Mai wurde außerdem bekannt, dass die päpstliche Schweizergarde mithilfe eines 3-D-Druckers neuartige Helme auf Basis eines frühbarocken Modells aus dem 16. Jahrhundert bekommt.