Chronik | Welt
16.07.2018

Im Riesen-Flüchtlingslager: "So viele Psychosen sind unüblich"

120.000 burundische Flüchtlinge leben in Nduta. Ein Psychiater untersuchte, warum ungewöhnlich viele psychotisch sind.

Alle zwei oder drei Jahre nimmt sich Franz Altenstrasser eine unbezahlte "Auszeit" vom Beruf. Dann lässt er für eineinhalb seinen Wohnort Innsbruck und seine Arbeit als Psychiater hinter sich und reist an einen weit entfernten Ort. Es ist kein Urlaub, ganz sicher auch keine Entspannung. Altenstrasser fährt in Krisenherde. Er übernimmt Einsätze für die Organisation " Ärzte ohne Grenzen".

Der 52-jährige war schon in Gaza, in der Ukraine und in Sri Lanka, wo er Menschen in Notlagen zur Seite stand. Gerade kam Altenstrasser von seinem vierten Einsatz zurück. Er war in Tansania. Dort sollte er im Flüchtlingslager Nduta ein schwieriges Problem lösen. Selbst an anderen Flüchtlingslagern gemessen, geht es den Menschen in Nduta psychisch schlecht. Im Gespräch mit Kurier.at erzählt er, was er über die Gründe herausgefunden hat. 

Über Nduta: Nduta in Tansania beherbergt Menschen aus dem Nachbarland Burundi, die dort vor gewaltsamen Konflikten flohen. Seitdem Präsident Pierre Nkurunziza 2015 eine dritte Amtszeit für sich erwirkt hat, ist die Gewalt einmal mehr eskaliert. 330.000 Menschen flohen seither, 220.000 davon nach TansaniaNduta war als Camp nur für etwa 50.000 Menschen konzipiert, aber etwa 120.000 leben jetzt dort. Nur 19 Prozent der benötigten Hilfsgelder für die Burundi wurden von der internationalen Gemeinschaft bisher zur Verfügung gestellt. Österreich trägt nichts bei. 

Kurier.at: Was sollten Sie in Tansania machen?

Franz Altenstrasser: Ich sollte herausfinden, warum dort so viele Menschen psychotisch und wahnhaft sind. Was ist da los? Wie können wir darauf reagieren? Viele verlassen plötzlich vollkommen verwirrt ihre Unterkunft, laufen nackt durch das Lager, flüchten in den Wald und werden dann so zu Helfern gebracht. Sie wehren sich in dieser paranoiden Angst furchtbar. Solche Situationen konnte man nicht gut lösen, ohne einen Psychiater zu Rate zu ziehen. In Flüchtlingslagern gibt es immer viele Traumatisierte. Aber dass sie so stark psychiatrische Symptome zeigen, ist unüblich.

Wie gingen Sie an das Problem heran?

Es gibt dort 26 Berater aus Burundi. Sie sollen die Menschen mit ihren Traumata, Sorgen und Nöten begleiten. Ich habe mit diesen Beratern und Pflegern ihre tägliche Arbeit gemacht und war Ansprechpartner, wenn sie spezielle, knifflige Fragen hatten. Wenn jemand akut verwirrt war, Halluzinationen hatte oder suizidal war, konnten sie mich holen. So habe ich mir ein Bild gemacht, dann haben wir eine Strategie entwickelt.

Wie reagieren Menschen auf der Flucht grundsätzlich auf das Erlebte?

Es gibt einen typischen Verlauf: In einer akuten Traumatisierung sieht man hauptsächlich Symptome von Angst: Panikstörungen, Albträume, Rückzug, Hilflosigkeit, Herzrasen, starkes Schwitzen. Danach lassen intensiv zurückkehrende Erinnerungen ("Flashbacks") die Menschen die traumatisierende Situation immer wieder erleben, was ihre Angst verstärkt. Wenn das über Wochen und Monate nicht stabilisiert oder therapiert wird und diese Menschen weiter in einer unsicheren Situation sind, dann kann das chronisch werden. Dann werden die Menschen oft sehr depressiv oder bekommen körperliche Symptome und Schmerzen.

Warum haben die Menschen in Nduta haben anders reagiert, als man das sonst kennt?

Das ist schwierig zu sagen. Ich habe es so interpretiert: Burundi ist schon über lange Zeit hinweg sehr instabil. Diese Angstspirale geht so weit zurück, dass ungewöhnlich viele richtig paranoide Ängste entwickelt haben. Die Menschen haben erzählt, dass sie schon öfters geflohen sind. Besonders psychotische Menschen waren oft schon zwei Jahre lang in diesem Lager. 

Sind die Menschen im Lager sicher?

Naja. 120.000 Menschen sind auf Hilfe von außen und auf die Nahrungsrationen der UNO angewiesen. Sie sind ihrem normalen Alltag entzogen und das schon sehr lange. Sie können nicht arbeiten, haben keine Zukunftsperspektive in diesem Lager. So wie es aussieht, werden sie aber in Tansania keinen Flüchtlingsstatus bekommen. Sie können aus diesem Lager nicht raus. Also stehen sie vor der Frage: Bleibe ich im Lager oder kehre ich zurück? Es gibt eine sehr hohe Rate an sexueller Gewalt, gerade gegen junge Frauen beim Feuerholzsuchen. So sicher sind diese Lager nicht.

Kann man sich an so einem Ort eigentlich tatsächlich von traumatischen Erlebnissen erholen?

Man arbeitet natürlich daran, dass die Menschen zumindest in Therapiesituationen einen gewissen Grad an Sicherheit haben. Dann erklärt man ihnen ihre Symptome. Die Menschen sind ihrer Angst ja ausgeliefert und ziehen nicht immer den Rückschluss: "Ich habe Schlimmes erlebt, deshalb geht es mir schlecht." Auch diese psychischen und körperlichen Zustände machen wiederum Angst. Wenn man den Zusammenhang erklärt, bringt das schon eine gewisse Entlastung. Solche Beratungen ergeben durchaus Sinn.

Was kann man nicht leisten?

Das ist natürlich nicht vergleichbar mit einer vollen Psychotherapie zur Aufarbeitung von Traumata bei uns. Dazu braucht es stabile Verhältnisse. Hier geht es um Stabilisierung, Aufklärung und dass zumindest mal jemand zuhört. Dort sind ja ganze Familien traumatisiert. Die Menschen haben also kaum jemanden, der ihnen zuhören und sie entlasten kann. In Gaza ist das zum Beispiel anders: Da gibt es nach wie vor vorhandene Familienstrukturen und eine starke nationale Identität. In der Ukraine haben Menschen über zwei Generationen Frieden erlebt. Die haben da ganz andere Ressourcen, auf die sie zurückgreifen können. Das fehlt den Menschen aus Burundi. Deshalb profitieren sie sehr davon, wenn sich jemand ihrer annimmt und ihnen auch danach noch ein wenig Unterstützung organisiert. Oft sind das zum Beispiel Mütter, die mit ihren Kindern überfordert waren. Da hat man dann geschaut, ob es jemanden gibt, der ihnen im Alltag ein wenig hilft.

Was war eine besonders eindringliche Situation in Tansania?

Eine schwangere Frau wurden bei der Geburt psychotisch. Ich habe erst in der Situation verstanden, warum. Sie hatte schon vier Kinder, kam dann zur Geburt, wusste aber nicht, dass sie Drillinge bekommt. Sie sah sich plötzlich in dieser unmöglichen Situation, im Flüchtlingslager ohne Unterstützung noch drei Kinder versorgen zu müssen. Die Kinder mussten auch intensiv betreut werden, eines war unter einem Kilo. Man dachte, eines würde sterben. Sie entwickelte dann schwerstes Misstrauen gegen alle. Sie hatte Angst, dass wir ihr und ihren Kindern etwas antun. Sie wollte auch weglaufen. Diese Frau vertraute uns erst sehr langsam. Das war sehr schwierig zu behandeln, war auch eine Gratwanderung. Man will eine Mutter nicht von ihren Kindern trennen, aber weiß auch nicht, wie sicher die noch sind. Stück für Stück gelang es, alles zum Guten zu wenden. Die Frau konnte sich dann auch um ihre Kinder kümmern. Das war ein sehr bedrückendes, aber auch freudiges Erlebnis. Daran denke ich noch oft und frage mich, wie es der Frau jetzt wohl geht.

Das Team ist dort sicher sehr klein. Muss man da Prioritäten setzen, wen man betreuen kann?

Man hat beschränkte Ressourcen an Medikamenten und ist limitiert bei Menschen, die einen Platz im Krankenhaus brauchen. Gerade für junge Frauen bräuchte es in diesem Lager eigentlich einen speziell geschützten Teil - oder auch für Kinder. Ich hatte aber den Eindruck, dass wir die, die gekommen sind, auch versorgen konnten. Das heißt nicht, dass wir alles voll abgedeckt haben. Die Menschen kommen, sobald es ihnen ein bisschen besser geht, auch nicht mehr zu den Beratungen. Wenn es dann wieder schlechter wird, dann kommen sie. Eine ausreichende Stabilisierung kann man so nicht erreichen. 

Menschen sind nicht überall auf der Welt gleichermaßen gewohnt, über psychologische Probleme zu sprechen. Oft gibt es Tabus. Wie haben Sie das in Nduta erlebt? 

Oft werden die Menschen von Angehörigen zu irgendeinem Heiler gebracht oder suchen innerhalb der Religion Beistand. Aber das geschieht parallel. Ich habe keine Scheu dahingehend erlebt. Die Offenheit für das Gespräch ist da. Sie waren auch sehr zugänglich für Medikamente. Das Problem ist eher, dass sie es auch schnell wieder sein lassen. Es ist viel Aufklärungsarbeit notwendig, dass die Medikamente richtig eingenommen werden. Der Großteil der Berater sind ja Leute aus Burundi - zum Teil Lehrer, die extra geschult wurden. Die haben das kulturelle Verständnis im Gespräch. Ich musste erst lernen, dass die Art der Kommunikation etwas anders ist. Wenn ich konkrete Fragen gestellt habe, wollten die Leute erst einmal einfach über etwas ganz anderes erzählen. Konkret Fakten abgefragt zu werden, das sind die Menschen nicht gewohnt. Als Psychiater muss ich das aber auch tun.

In Flüchtlingslagern gibt es immer viele Kinder. Wie arbeitet man speziell mit ihnen?

Wir haben recht wenige gehabt. Warum ist schwierig zu sagen, gerade weil Kinder natürlich ganz besonders unter solchen Umständen leiden. Vielleicht kann auf die Kinder nicht so eingegangen werden, weil die Erwachsenen selbst mit so viele Probleme überfordert sind. Die kamen ja selbst erst, wenn sie akut schwere Symptome zeigten. Die Kinder, die dann bei uns waren, waren oft extrem verhaltensauffällig. Da ist es wichtig, dass man die Eltern miteinbezieht und aufklärt. Man erklärt, dass das Reaktionen auf die Lebenswelt, die Veränderungen sind. Dass ihre Kinder auf sehr widrige Umstände reagieren aber nicht krank sind. Das kann schon entlastend sein.

Wie achtet man in einer Situation, in der man mit so vielen schwierigen Themen konfrontiert ist, eigentlich auf sich selbst? 

Vor Ort ist man durch die Arbeit gut strukturiert. In der Zeit danach ist man in einem Niemandsland und sehr von den Eindrücken bestimmt. Da hat jeder seine eigenen Strategien. Ich mache Vorträge, dieses Interview mit Ihnen, rede mit Kollegen, mache in der Arbeit erst einmal etwas lockerer. Stabile Umstände im privaten Umfeld fangen das auch auf. Wenn ich zurückkomme und zuerst etwas anders bin, dann kennt meine Partnerin das schon und lässt mich. Sie weiß, dass ich dann in ein paar Tagen wieder ganz da bin. Was auch hilft ist, wenn man den Eindruck hat, dass das Projekt gelingt und man einen Beitrag geleistet hat.

Sie waren eineinhalb Monate in Tansania. Kann man in der Zeit etwas ausrichten?

Ich hatte schon den Eindruck. Es war in erster Linie eine Evaluierung. Ich konnte für die dort arbeitenden Kollegen Guidelines aufstellen und Behandlungsstrategien entwickeln. Es ist natürlich auch für diese Leute sehr belastend, wenn sie sich vieles selbst beibringen müssen. Dann weiß man nie genau, ob man es richtig macht. Wenn man gemeinsam mit jemandem von außen darauf schaut, ist das sehr entlastend. Länger dort zu sein wäre besser, aber die Lage war so dringlich, dass man mich auch für einen kürzeren Aufenthalt nahm. Jetzt baut ein anderer Psychiater auf meiner Vorarbeit weiter auf.