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Chronik Welt
03/27/2021

Gewalt in Myanmar nimmt weiter zu: Bisher blutigster Protesttag seit Putsch

Insgesamt wurden bereits mehr als 440 Tote seit dem Putsch gemeldet. Historiker warnt vor Zusammenbruch der staatlichen Ordnung.

In Myanmar ist es beim gewaltsamen Vorgehen des Militärregimes gegen die Straßenproteste zur bisher blutigsten Eskalation seit dem Putsch vor knapp zwei Monaten gekommen. Medienberichten und Augenzeugen zufolge schossen Sicherheitskräfte am Samstag erneut in mehreren Städten des Landes auf demonstrierende Regimegegner und töteten dabei mindestens 114 Menschen, darunter auch Kinder.

Allein in Mandalay im Zentrum des Landes seien mindestens 40 Personen ums Leben gekommen, darunter ein 13-jähriges Mädchen, berichtete das Nachrichtenportal Myanmar Now. In der Wirtschaftsmetropole Yangon seien mindestens 27 Menschen getötet worden.

Die neuen Demonstrationen fanden zum Tag der Armee statt, den das Militär mit einer Parade in der Hauptstadt Naypyitaw beging. Dazu schickten unter anderem Russland und China Vertreter. Die EU-Delegation in Myanmar erklärte, der Feiertag in diesem Jahr werde "als ein Tag von Terror und Entehrung" in die Geschichte eingehen. US-Botschafter Thomas Vajda sprach von einem "entsetzlichen Blutvergießen" und erklärte, das Volk von Myanmar habe klar gemacht, dass es nicht unter der Militärherrschaft leben wolle.

Bereits √ľber 440 Tote

Die Hilfsorganisation f√ľr politische Gefangene AAPP hatte am Freitagabend die Zahl der Get√∂teten seit dem Putsch auf mindestens 328 gesch√§tzt. Mit den Toten vom Samstag w√ľrde die Zahl 440 √ľbersteigen. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte die Angaben nicht unabh√§ngig √ľberpr√ľfen. Seit dem Milit√§rputsch gibt es fast t√§glich Proteste gegen die Macht√ľbernahme. Die Demonstranten fordern Demokratie sowie die Freilassung der festgesetzten De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Ihre Partei Nationale Liga f√ľr Demokratie (NLD) hatte die Wahl im November gewonnen. Das Milit√§r erkennt diesen jedoch nicht an und spricht von Wahlbetrug. Es √ľbernahm am 01. Februar die Macht.

Das Milit√§r reagierte am Samstag zun√§chst nicht auf Bitten um eine Stellungnahme. Armeechef Min Aung Hlaing erkl√§rte in einer direkt im Fernsehen √ľbertragenen Ansprache: "Die Armee will sich mit der ganzen Nation zusammentun, um die Demokratie zu sichern." Gewalthandlungen, die die Stabilit√§t und Sicherheit beeintr√§chtigen w√ľrden, seien unangebracht. Er wiederholte sein Versprechen Wahlen abzuhalten, nannte jedoch erneut kein Datum. Tags zuvor hatte es im staatlichen Fernsehen eine Drohung gegen die Demonstranten gegeben. "Sie sollten lernen, dass man Gefahr l√§uft, in den Kopf und den R√ľcken geschossen zu werden", hie√ü es √ľber den Sender MRTV.

Vertreter aus Russland und China bei Parade

Zu der Parade entsandten Diplomaten zufolge acht Staaten Vertreter - Russland, China, Indien, Pakistan, Bangladesch, Vietnam, Laos und Thailand. F√ľr die Regierung in Moskau sei Vize-Verteidigungsminister Alexander Fomin anwesend gewesen. "Russland ist ein wahrer Freund", sagte Min Aung Hlaing. Die Unterst√ľtzung der Regierungen in Moskau und Peking ist f√ľr die Armee in Myanmar besonders wichtig, weil beide Staaten ein Veto-Recht im UN-Sicherheitrat haben. Die USA und europ√§ische Staaten erlie√üen dagegen in der vergangenen Woche neue Sanktionen.

Keine Stellungnahmen des Militärs

Unterdessen gab eine der mehr als 20 bewaffneten ethnischen Gruppen in Myanmar einen Angriff auf einen Milit√§rposten an der Grenze zu Thailand bekannt. Dabei habe man zehn Menschen get√∂tet und einen eigenen K√§mpfer verloren, erkl√§rte die Nationale Union der Karen. Das Milit√§r flog Luftangriffe auf ein Dorf in dem von dieser ethnischen Gruppe kontrollierten Gebiet. Dabei starben nach Angaben einer B√ľrgerrechtsvereinigung zwei Menschen.

Auch zu diesen Ereignissen lag zunächst keine Stellungnahme des Militärs vor. Der Kommandant der Armee des Shan-Staates, einer weiteren Miliz, Yawd Serk, sagte Reuters in Thailand, die Minderheiten könnten in das Geschehen eingreifen, wenn das Militär so weitermache. "Wenn sie weiter auf Demonstranten schießen und die Menschen schikanieren, glaube ich nicht, dass alle ethnischen Gruppen einfach nur zusehen und nichts tun."

Der Historiker Thant Myint-U warnte auf Twitter angesichts der Entwicklungen vor einem Zusammenbruch des Staates. "Ich glaube, die Welt ist sich nicht bewusst, dass ein 'failed state' in Myanmar das Potenzial h√§tte, alle Gro√üm√§chte - einschlie√ülich der USA, China, Indien, Russland und Japan - auf eine Weise einzubeziehen, die zu einer ernsthaften internationalen Krise f√ľhren k√∂nnte", schrieb er, "sowie zu einer noch gr√∂√üeren Katastrophe in Myanmar selbst".

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