Chronik | Welt
18.11.2018

400.000 Dollar ergaunert: Super-Schwindel mit Obdachlosem

Wie die gesamte Presse und 14.000 edle Spender auf eine vorweihnachtliche Lügengeschichte hereinfielen.

In der Vorweihnachtszeit sitzt Amerikanern das Börsel besonders locker. Gerade darum stößt die folgende Heile-Welt-Geschichte so gallenbitter auf.

Was wie aus einem Hollywood-Schinken kopiert wirkt, hat sich vor einem Jahr in Philadelphia wirklich so zugetragen. Naja, nicht ganz.

Johnny Bobbitt, ein Obdachloser, half damals am späten Abend der mit ihrem Auto an der Autobahn I 95 liegen gebliebenen Kate McClure aus der Bredouille.

In einem seltenen Akt der Selbstlosigkeit lief er für die 28-Jährige zur nächsten Tankstelle und kaufte ihr von seinen letzten 20 Dollar einen Kanister Benzin. So jedenfalls erzählte es McClure Gott und der Welt.

Crowdfunding

Sie revanchierte sich gemeinsam mit ihrem Partner Mark D’Amico (39) mit einer Online-Spendenaktion für den bärtigen Armee-Veteranen (35), der einst bei den Marines war und dann wie so viele Ex-Militärs nach unten durchgereicht wurde.

Binnen weniger Wochen zahlten 14.000 tief angerührte Amerikaner auf der Crowdfunding-Seite „GoFundMe“ bereitwillig ein. In dem felsenfesten Glauben, eine gute Tat für einen ungewöhnlichen Samariter zu tun.

Sie bescherten Bobbitt ein Dankeschön in Höhe von 402.000 Dollar.

Talkshow-Auftritte

Die Geschichte verkaufte sich bestens. D’Amico, McLure und Bobbitt ließen sich an Ort und (Tank)Stelle filmen und zogen durch die renommiertesten TV-Talkshows. Eine „all american“-Wohlfühlstory schien perfekt. Und prompt wird’s ungemütlich.

Zitat Scott Coffina: „Ihr ging nicht das Benzin aus. Und er gab nicht seine letzten 20 Dollar her, um ihr zu helfen.“ Der Staatsanwalt von Burlington County in New Jersey, der Heimat Bobbitts, hat das Trio des Diebstahls durch arglistige Täuschung angeklagt.

Wenn sie Pech haben, gehen die Verschwörer für bis zu zehn Jahre ins Gefängnis.

Coffina: „Die ganze Aktion war von Anfang an getürkt. Und alle haben mitgemacht.“

Sie flog auf, weil McClure in Handy-Nachrichten an Freunde die Konspiration unvorsichtiger Weise eingestand: „Okay, die Sache mit dem Benzin ist frei erfunden – aber den Typen gibt’s“, heißt es an einer Stelle. „Ich musste was erfinden, damit die Leute ein schlechtes Gewissen bekommen.“

Streit um die Beute

In 60.000 SMS, die von der Polizei sichergestellt wurden, offenbart das Pärchen – sie ist bei einem Nahverkehrsunternehmen angestellt, er Tischler – dass sie bei Hinz und Kunz Schulden haben.

Das Fass zum Überlaufen brachte jedoch interner Streit über die Verteilung der Beute.

Als Johnny Bobbitt im Sommer lautstark darüber lamentierte, dass er nur 75.000 Dollar bekommen habe, D’Amico und McClure hingegen dicke Autos (BMW) führen und teure Reisen nach Florida und ins Spieler-Paradies Las Vegas veranstalteten, landete man zum ersten Mal vor der Justiz.

Wie ein Sparschwein

Ein Anwalt des Obdachlosen stellte süffisant fest, dass D’Amico und McClure die Spendeneinnahmen „wie ein Sparschwein behandelt haben, um einen Lebensstil zu alimentieren, den sie sich andernfalls nie hätten leisten können“.

Ein Richter ordnete an, dass sämtliche Finanz-Transaktionen zu überprüfen sind. Das Geld bleibt derweil auf einem Treuhandkonto.

Wieder waren D’Amico und McClure gefragte Gesprächspartner in den Medien.

Hokuspokus

Ihre Erzählung, die alsbald von den Ermittlern als Hokuspokus enttarnt wurde, ging im August so: Johnny Bobbitt sei nach Jahren auf der Straße „noch zu unerfahren“ im Umgang mit Geld. Um zu verhindern, dass er in den Drogensumpf abgleite, habe man die Spenden-Einnahmen eben für ihn verwaltet.

Ziel müsse es doch sein, sagten die beiden in leutseligen Interviews und sahen dabei ohne mit der Wimper zu zucken in die Kamera, dass „Veteran Bobbitt ein ordentliches Dach über dem Kopf bekommt“.

Kein "edler Ritter"

Inzwischen ist auch dieses Lügengebäude in sich zusammengefallen. D’Amico und McClure haben sich der Polizei gestellt und eingeräumt, die ganze Angelegenheit gemeinsam mit Bobbitt eingefädelt zu haben.

Der „edle Ritter“, der scheinbar sein letztes Hemd gab, um einer Frau in der kalten Nacht aus der Patsche zu helfen, wurde verhaftet. Er hatte schon 2012 in North Carolina eine ähnliche Lügengeschichte aufgetischt.