Frauen dürfen bei Tiroler Schützen weiter nicht ans Gewehr
Kein anderes Bundesland hat seinen eigenen Staatsempfang im Regionalformat. Das gibt es nur in Tirol. Wenn der Landeshauptmann für Ehrengäste einen "landesüblichen Empfang" ausrichtet, stehen die Schützen in ihren Trachten Gewehr bei Fuß und feuern Ehrensalven ab. Den Marketenderinnen bleibt nur das Ausschenken des Ehrenschnapses.
Das spiegelt die grundsätzliche Rollenverteilung im Tiroler Schützenwesen wieder. An der hatten im vergangenen Sommer zwei Kompanien des Traditionsverbands gerüttelt. Auf ihren Vorstoß hin wurde in den vergangenen Wochen darüber abgestimmt, ob künftig auch Frauen mit dem Gewehr ausrücken dürfen.
Geheime Briefwahl
Am Dienstagabend wurden die Stimmen der geheimen Briefwahl ausgezählt, an der sich jede der 235 Schützenkompanien in Tirol, der Bundesausschuss des Schützenbunds sowie Ehrenoffiziere beteiligen konnten. Mittwochfrüh wurde das Ergebnis verkündet: Auch im 21. Jahrhundert bleibt bei den Schützen alles, wie es war. Es wird auch weiterhin keine Schützinnen geben.
Wenn Schützen in ihrer Tracht ausrücken, sind Frauen nur als Marketenderinnen mit Schnapsfass dabei.
Dafür haben sich - bei einer Wahlbeteiligung von 92 Prozent - 87 Prozent der Stimmberechtigten ausgesprochen. Damit heißt es auch in Zukunft: Die Männer schießen, die Frauen schenken als Marketenderinnen Schnaps aus.
Der Landeskommandant der Tiroler Schützen, Thomas Saurer, will das nicht als Entscheidung gegen die Frauen verstanden wissen. Sie seien eine "tragende Säule" im Schützenwesen. "In der Diskussion um Frauen im Tiroler Schützenwesen geht es nicht um Fragen der Gleichberechtigung", befindet Saurer. "Vereinsrechtlich sind unsere weiblichen Mitglieder vollwertige Mitglieder und können sämtliche Funktionen bis hin zur Obfrau bekleiden."
Bei der nunmehrigen Briefwahl sprach der Schützenbund von einer basisdemokratischen Entscheidung.
Jahr 1511
Das Tiroler Schützenwesen geht im Kern bis auf das Jahr 1511 zurück, als Kaiser Maximilian I. im sogenannten Landlibell festlegte, dass in Tirol jeder Wehrfähige eine Waffe tragen durfte, um das Land bei Bedrohungen zu verteidigen.
Im Zuge des letztlich von Andreas Hofer angeführten Tiroler Freiheitskampfs gegen die napoleonischen Truppen und die mit ihnen verbündeten Bayern, der 1809 in mehren Gefechten am Innsbrucker Bergisel gipfelte, sollen sich aber sehr wohl auch Frauen mit Waffen ins Geschehen geworfen haben.
Im vergangenen Jahr warf das Kaiserjägermuseum in Innsbruck einen Blick auf Frauen als Widerstandskämpferinnen.
Laut Historikerin Sonia Buchroithner gibt es auch Quellen, die das belegen. Die Leiterin des Tiroler Museums „Panorama“ am Bergisel hat im dazugehörigen Kaiserjägermuseum erst vergangenes Jahr eine Ausstellung zu diesem Thema kuratiert.
Die Jeanne d’Arc von Tirol
Da ist etwa die Geschichte von Katharina Lanz, die auch von Männern jener Zeit zu einer Heldin – einer Art Tiroler Jeanne d’Arc – stilisiert wurde. Sie kämpfte 1797 an der Seite von Männern gegen napoleonische Soldaten. Auf einer Friedhofsmauer stehend, stieß sie die anstürmenden Feinde mit einer Heugabel zurück.
Ein Gemälde von Carl von Mayrhauser aus dem Jahr 1853 titelt auf "Der Kampf bei Spinges 1797"
Mitten im Getümmel wird Katharina Lanz gezeigt, die mit einer Heugabel gegen Franzosen kämpft.
Birgit Obermüller, Klubobfrau der Tiroler Neos: "Welche Rollenbilder hier offenbar noch immer vorherrschen, lässt sich erahnen. Hübsche Frauen dürfen Marketenderin sein und Frauen dürfen Schnitzel panieren und Vereinslokale in Schuss halten. Im 21. Jahrhundert hätte ich mir von einem traditionsbewussten Verein eine andere Entscheidung erwartet. Gleichstellung bedeutet nicht, dass Frauen am Rand mitwirken dürfen, sondern dass ihnen dieselben Möglichkeiten offenstehen wie Männern - beim Aufmarsch, bei der Mitgliedschaft und bei der Mitgestaltung.“
Selma Yildirim, Tiroler SPÖ-Nationalrätin und Landesfreuenvorsitzende: "Die Diskussionen der vergangenen Tage sind bezeichnend: in Österreich wird wieder über eine Wehrpflicht für Frauen diskutiert. Bei den Schützen in Tirol stellt man sich aus ‚Tradition‘ gegen Schützinnen mit Gewehr. Frauen wird von Männern eine Rolle zugeordnet, die aus der Zeit gefallen ist. Das ist inakzeptabel und demokratiepolitisch fragwürdig.“
Zeliha Arslan, Kultursprecherin der Tiroler Grünen: „Es ist bedauerlich, dass sich die Schützen-Kommandanten gegen eine lebendige Tradition ausgesprochen haben, die Weiterentwicklungen zulässt. Die Schützen hätten eine Vorreiterrolle für mehr Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft einnehmen können. Das hätte ihnen eine moderne Facette verliehen und wäre für Tirol ein wichtiger Schritt gewesen. Insofern schmerzt die ablehnende Haltung.“
„Es haben ganz sicher viele Frauen ihr privates Gut und ihren Ort verteidigt“, sagt Buchrotihner. Eine historische Quelle erzählt auch von einem „rüstigen Weib aus Schwaz“, das 1809 „mit einem Stutzen bewaffnet“ gegen die Franzosen kämpfte und sich als kaltblütige Schützin erwies.
Laut der Historikerin lässt sich belegen, dass es sich dabei um Anna Jäger handelte, die auch auf Darstellungen verewigt ist. Für Buchroithner stellt sich in der aktuellen Debatte noch eine ganz andere Frage: „Braucht man heute bei diesen ganzen Paraden überhaupt noch eine Waffe?“
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