Chronik | Österreich
14.11.2018

Wiener Schriftsteller: Schuldlos unter Mordverdacht

Wie ein Ex-Zeitungskolumnist in einer tragischen Liebesgeschichte in die Mühlen der Justiz geriet.

„Das Schlimmste ist, dass ich eigentlich noch immer nicht weiß, was wirklich passiert ist“, sagt Herbert Pirker mit ruhiger und freundlicher Stimme. Sicher ist nur, dass das Verfahren der Staatsanwaltschaft Wien wegen Verdachts des Mordes gegen ihn eingestellt wurde, das bestätigt auch die Polizei.

Doch so manches könnte an ihm kleben bleiben, brachte doch eine Billigzeitung Bilder von ihm und seiner Freundin. Zwar verpixelt, aber so „dass es jeder wusste, der mich kennt“. Deshalb hofft der Schriftsteller nun darauf, dass alle Missverständnisse ausgeräumt werden.

Am 9. Juni diesen Jahres verständigt der Leiter einer Betreuungsstelle die Polizei, weil trotz lauten Klopfens niemand die Wohnung in Wien-Favoriten öffnet. Die Musik-Professorin Eva O. (69) wird tot gefunden, ihr Lebensgefährte Pirker (82) liegt bewusstlos daneben. Neben Pirker werden schwere Medikamente gefunden. O. litt unter der Nervenkrankheit ALS, musste deshalb gepflegt werden.

"Tragische Familiengeschichte"

Die Polizei vermutet Tötung auf Verlangen oder Mord und versuchten Selbstmord, spricht von einer „tragischen Familiengeschichte“. Das Landeskriminalamt nimmt routinemäßig Ermittlungen auf. Der KURIER berichtet – ohne Namensnennung und Foto – unter dem Titel „Partnerin vergiftet: 82-Jähriger unter Mordverdacht“.

Andere Zeitungen gehen weiter: „Drama um Künstler-Pärchen: Musiklehrerin mit Gift-Cocktail getötet“, weiß ein Boulevardblatt zu berichten. Sogar das Motiv kannte die Zeitung schon: „Mit dem gesundheitlichen Zustand seiner Frau und der Pflege dürfte der Dichter allerdings eher überfordert gewesen sein.“ Auch dass er weniger Kontakt als seine Lebensgefährtin zu seinen Nachbarn suchte, wird ihm offenbar bereits angelastet.

Pirker bekommt davon zunächst nichts mit und wird in das Wilhelminenspital gebracht. „Ein Polizist stand ständig vor der Türe“. Danach verbringt der ehemalige Krone-Kolumnist knapp fünf Wochen auf der Baumgartnerhöhe unter ärztlicher Beobachtung. Inzwischen wird die Leiche von O. durch die Gerichtsmedizin untersucht. Mediziner Christian Reiter stellt einen „natürlichen Tod“ fest – „eine Sauerstoffunterversorgung der Herzinnenschicht mit folgender Hirn- und Herzlähmung“, wie Pirker betont. Keine Rede von Vergiftung. Dass er Selbstmord begehen wollte, scheint dem 82-Jährigen mittlerweile klar: „Wir haben immer ausgemacht: Wenn der eine stirbt, stirbt auch der andere. Es war die große Liebe für uns beide. Das Ganze ist einfach furchtbar.“

„Wie bei Columbo“

Für Herbert Pirker waren die vergangenen Monate wie ein schlechter Traum. Dass die Mühlen der Justiz langsam mahlen, hat Pirker verärgert: „Ich hatte vier Monate kein Handy, weil ich das nicht zurückbekam. Was muss man sich da vier Monate anschauen? Ich kam mir vor wie Inspektor Columbo, der immer irgendwo hingehen muss, damit er telefonieren kann.“

Wenn Sie oder ein Angehöriger sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen, etwa unter  142.