Von Affenbabys und Arbeitspferden - wie der Tierschutz in Österreich entstand

Vor 180 Jahren setzte sich Franz Castelli für gequälte Tiere ein und gründete Österreichs ersten Tierschutzverein. Diesen gibt es noch immer – er versorgt 2.600 Tiere von der Taube bis zur Python.
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Es war der 29. April 1982, als Zollbeamte am Flughafen Wien-Schwechat die Affen entdeckten. Zwölf erst sechs Monate alte Schimpansen aus Sierra Leone, die für Forschungszwecke an einen Pharmakonzern gehen sollten. Der Transport verstieß jedoch gegen das Washingtoner Artenschutzabkommen, sie wurden beschlagnahmt. Doch für neun Affenbabys war es zu spät. Sie starben.

Zwei der Schimpansen hingegen lebten bis 2016 im Tierschutzhaus Vösendorf des Wiener Tierschutzvereins – so lange wie kaum ein anderes Tier. In einem eigenen Affenquartier wurde versucht, sie möglichst artgerecht zu halten. „Sie bei anderen Schimpansengruppen zu integrieren, ist nicht gelungen“, erzählt Florian Kolomaznik vom Wiener Tierschutzverein. Sogar Primatenforscherin Jane Goodall besuchte die Tiere. „Sie war erstaunt, wie aufgeschlossen sie sind.“

Die Schimpansen sind nur zwei der Tiere, die im Laufe der Geschichte im Tierschutzhaus ein Zuhause gefunden haben. Heuer feiert der Verein – und somit der Tierschutz in Österreich generell - sein 180. Jubiläum.

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Die Affen Hiasl und Rosi.

Von der Hetz zum Schutz

Das Bewusstsein, dass Tiere denkende, fühlende Wesen sind, ist eine recht neue Entwicklung. Noch im 18. Jahrhundert wurden in Wien Tiere in Hetztheatern aufeinander losgelassen. Da kämpften Hunde gegen Bären oder Wildschweine. Später erfreuten sich Menagerien großer Beliebtheit. „Wilde“ Primaten mussten im Affentheater Kunststücke vorführen. Leider erfroren viele in den ungeheizten Unterkünften. Doch langsam formierte sich Widerstand.

Am 8. Jänner 1846 wurde schließlich ein kaiserliches Dekret veröffentlicht, das den Tierschutz überhaupt erst ermöglichte. Dieses las Franz Castelli. Der 65–Jährige hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Dichter einen Namen gemacht. Nun startete er einen Aufruf in Zeitungen: Er wollte Gleichgesinnte für die Gründung eines Tierschutzvereins finden. Nach zwei Monaten meldeten sich 2.500 Personen.

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Proteste gegen die schlechte Behandlung von Tieren führten schließlich zur Gründung des Tierschutzhauses.

Niederösterreichischer Verein gegen Misshandlung der Tiere in Wien

Am 10. März 1846 gründete Castelli den „Niederösterreichischen Verein gegen Misshandlung der Tiere in Wien“, der später den Namen „Wiener Tierschutzverein“ bekam. Zu Beginn setzten sich die Tierschützer für bessere Bedingungen bei Viehtransporten sowie die bessere Behandlung von Zugtieren wie Hunden und vor allem Pferden ein. Immerhin gab es um 1900 in Wien mehr als 40.000 Arbeitspferde. 1895 wurde die erste Tierrettung geschaffen - erst noch nur „für verunglückte Pferde“. Ein Jahr später wurde schließlich das erste Hunde–Schutzhaus eröffnet. Während des 1. Weltkriegs kümmerte man sich um die Versorgung der Kriegspferde.

In der Zwischenkriegszeit gab es Zweigstellen des Tierschutzvereines bis nach Graz. Ausgebildete Pfleger und Tierärzte versorgten die Schützlinge - von Hunden über damals angesagte Singvögel bis hin zu Exoten. „Das war sehr ähnlich wie heute“, sagt Kolomaznik, der für das Jubiläumsbuch „180 Jahre Tierschutz in Österreich“ in historischen Quellen recherchiert hat. Bereits in den 1930er-Jahren wurde groß für ein bundesweites Tierschutzgesetz demonstriert. Bis dieses beschlossen wurde, dauerte es dann aber noch bis zum Jahr 2004. Erst 2013 wurde der Tierschutz in der Verfassung verankert.

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Tiger "Sultan" lebte viele Jahre im Tierschutzhaus.

Wiener Verein in NÖ

1990 musste im damaligen Tierschutzhaus im Wiener Khleslplatz in Wien-Altmannsdorf ein Aufnahmestopp verhängt werden. Es gab keinen Platz mehr. Also suchte man einen neuen Standort und fand ihn in Vösendorf. 1998 öffnete das heute bekannte Heim die Pforten.

Seither werden dort pro Jahr rund 10.000 Tiere versorgt, aktuell leben 2.600 Schützlinge in Vösendorf. Geholfen wird allen: Von Haustieren bis hin zu Exoten wie dem Sibirischen Tiger „Sultan“, der 1998 gerettet wurde und täglich kiloweise Rindfleisch verschlang. 2009 starb Sultan mit 19 Jahren. Oder dem Alligator Bobby, der im Handgepäck nach Österreich gebracht worden war und 40 Jahre lang meist in einer Badewanne gehalten worden war. „Er hat noch zehn Jahre bei uns gelebt“, berichtet Kolomaznik.

Und eben die Schimpansen Hiasl und Rosi. Die Erinnerung an sie ist sehr präsent. Rosi etwa habe sehr gerne aufgeräumt, abgewaschen und beim Putzen der Fenster des Affenhauses „geholfen“, erinnert sich eine ihrer Pflegerinnen. Heute leben in ihrem ehemaligen Heim Streunerkatzen.

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