100 Jahre Seilbahnen: Aufstiegshilfe für den industriellen Skitourismus

Am 5. Juli 1926 ging die Tiroler Zugspitzbahn in Betrieb, die den Berg von Ehrwald aus erschließt. Sie wird heuer 100 Jahre alt und war die erste Personen-Seilbahn Tirols, in dem heute 871 Liftanlagen stehen.
1926 gingen Österreichs erste Seilbahnen in Betrieb. Damit setzte ein Wandel ein, der das Leben einer bergbäuerlichen Gesellschaft auf den Kopf stellte.

Es passierte in keinem der heutigen großen Wintersportzentren im Westen Österreichs: Die erste Personen-Seilbahn Österreichs zur Erschließung eines Berges ging am 9. Juni 1926 mit der Rax-Bahn in den Wiener Alpen in Niederösterreich in Betrieb. Das wichtigste Tourismusbundesland folgte aber nur ein Monat später mit der feierlichen Eröffnung der Tiroler Zugspitzbahn praktisch auf den Fuß. Damit war der Motor für eine Industrie angeworfen, die freilich erst Jahrzehnte so richtig Fahrt aufnehmen sollte.

Erster Schlepplift Österreichs in Zürs

In Zürs wurde 1937 der erste Schlepplift errichtet. 

Der Skisport war zwar schon am Arlberg seiner Wiege entstiegen, steckte aber noch in den Kinderschuhen. Der Tourismus jener Zeit war von der Sommerfrische geprägt. „Das waren damals Ausflugsbahnen“, sagt Reinhard Klier, Sprecher der Tiroler Seilbahnbranche, die heuer ihr 100-jähriges Bestehen feiert, zu den ersten Anlagen im Land.

Ungeahnte Höhen

Was daraus für eine Erfolgsgeschichte entstehen würde, hätte sich in jener Zeit sicher niemand vorstellen können. Heute könne man sich umgekehrt nicht mehr vorstellen, „wie groß die Armut in den Tiroler Tälern war“. Damit verbunden ist ein Mythos, der von alpinen Touristikern gepflegt wird und gerne als Argument für Ausbauvorhaben hervorgekehrt wird, um vor einem vermeintlich drohenden Rückfall in frühere Zeiten zu warnen:

Die Aufstiegsgeschichte von Bergbauern, die sich zu Hoteliers oder Seilbahnkaisern gemausert haben und von einem Wirtschaftszweig, der bitterarmen Menschen Wohlstand gebracht hat. „Diese Erzählung stimmt im Kern. Und die Bergbahnen haben jedenfalls als massives touristisches Zugpferd einen Wohlstand in die alpinen Regionen gebracht“, sagt die Kulturwissenschafterin Edith Hessenberger.

Rax-Seilbahn wird 100 Jahre alt

Die erste Seilbahn Österreichs führte auf die Rax. 

Die Leiterin der Ötztaler Museen weiß aber auch um die Rahmenbedingungen, ohne die das nicht möglich gewesen wäre. Da ist zunächst einmal der Erste Weltkrieg, in dem der Skilauf militärisch eingesetzt wird und so erst Verbreitung erfährt. „Dazu kommt ein starkes Wirken der Arbeitnehmerbewegung in den 1920er- und 30-Jahren. Weil die Menschen fairere Löhne und ein Recht auf Urlaub bekommen haben, war überhaupt erst die Möglichkeit da, dass die breite Bevölkerung den Skisport als Volkssport entdeckt hat.“

Freizeit und Geld

Breite Massen haben plötzlich Freizeit und auch Geld, um sie zu gestalten. „Das war die eigentliche Voraussetzung dafür, dass die Bergbahnen so explodieren haben können“, weiß Hessenberger. Die Seilbahnindustrie habe „etwas bedient und beschleunigt, was in Wahrheit schon vorher gesellschaftlich aufgebrochen ist.“

In den Anfängen des Skilaufs hieß es: Erst Raufstapfen, um dann auf den Brettern runterfahren zu können. 1937 wird in Zürs am Arlberg der erste Schlepplift Österreichs als Aufstiegshilfe für Skifahrer errichtet. So richtig in Gang kommt die Maschinerie dann erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Massive Fördergelder aus dem US-Marshallplan sind das nötige Schmiermittel zum Aufbau des Tourismus.

In der Tiroler Wildschönau nimmt dann 1947 der erste Sessellift Österreichs Fahrt auf. Heute gibt es alleine in diesem Bundesland 175 Seilbahn- und Schleppliftbetriebe mit 871 Anlagen. Die Nutzer spülen jedes Jahr einen Umsatz von 6,3 Milliarden Euro in die Kassen der Betriebe. Jede dritte Winternächtigung in Österreich entfällt auf Tirol – 26,4 Millionen waren es vergangene Saison.

Zugspitzbahn wird 100 Jahre alt

Bau der Zugspitzbahn: ein abenteuerliches Unterfangen.

Diese Entwicklung hin zum Massentourismus hat Spuren hinterlassen, hat „eine kulturelle Revolution in die alpinen Regionen gebracht“, sagt Hessenberger. „Es sind schon Welten aufeinandergeprallt. Die Gäste aus den urbanen Gebieten sind auf Menschen getroffen, die in einer bäuerlich sozialisierten patriarchalen katholischen Gesellschaft aufgewachsen sind.“

Rasanter Wandel

Der Wandel vollzog sich mitunter in atemberaubender Geschwindigkeit. Im Extremfall seien die Einheimischen in Dörfern aufgewachsen, in denen sie zunächst „noch barfuß die Ziegen auf den Wiesen gehütet haben, auf denen bald darauf die Pistenraupen gefahren sind und das weiße Gold herumgeschoben haben. Binnen einer Generation waren dann mitunter finanzielle Sorgen überhaupt kein Thema mehr.“

Ab Ender der 1970er-Jahre haben sich dann aber auch erste tourismuskritische Stimmen zu Wort gemeldet – etwa zur mit den Gästen einhergehenden Verkehrsbelastung oder den Eingriffen in die Natur. Dabei hat der Winter- den Sommertourismus in Tirol erst in den 1990er-Jahren überholt.

Die Nachfrage ist ungebrochen, selbst bei mauer Schneelage wie in dieser Saison. Branchensprecher Klier gibt aber offen zu: „Der Klimawandel ist eine Veränderung, die uns beschäftigt.“ Der nächste große Wandel ist vorgezeichnet.

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