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Chronik Österreich
01/13/2019

Helfer im Schnee: Brenzlige Situationen sind für sie Routine

Der Schnee ist zum Problem geworden. Wer hilft in der Not? Eine Reportage aus dem Einsatzgebiet im Sölktal.

von Barbara Mader

Auch ein Rüsthaus der Freiwilligen Feuerwehr kann zum Behandlungszimmer werden. Dr. Lachini arbeitet dort, wo er gebraucht wird. An diesem Nachmittag ist es eine akute Ohrenentzündung, die gelindert werden will. Und zwar in einem eingeschneiten Dorf, das nur zu Fuß erreichbar ist.

 

Sassan Lachini ist Allgemeinmediziner, seine Praxis hat er in Öblarn, einer 2000 Einwohner-Gemeinde südlich der Enns. Als Notarzt ist er ständig unterwegs, kommt auch mit den Langlaufskiern in abgeschnittene Täler und versorgt Patienten. Wenn „der Sassan“, wie die Einheimischen ihn nennen, da ist, wird alles gut. Das ständige Unterwegssein gehöre eben zum Job, sagt er unaufgeregt, die Rahmenbedingungen seien klarerweise schwieriger als in der Stadt: „Man muss das gerne machen.“

Das Ende des Tals

Vom Stützpunkthaus der Freiwilligen Feuerwehr in Fleiß, einem Ortsteil von Sankt Nikolai im Sölktal, ist Doktor Lachini heute mit dem Skidoo bis zum Ende des Tals gefahren, um weitere Patienten zu versorgen.

1910 ist das erste Auto in das Tal gekommen, derzeit schafft es gar keines: Angesichts der akuten Lawinengefahr und der ungeheuerlichen Schneemassen kommt dieser Tage kein anderes Gefährt als der Skidoo hier in den letzten Zipfel von St. Nikolai, wohin Dr. Lachini jetzt mit seiner Hausapotheke unterwegs ist.

Die Leute bewahren trotz Abgeschnittenheit Nerven, einzig die verbliebenen paar Gäste würden ihren unfreiwillig verlängerten Urlaub jetzt gerne langsam beenden, erzählt Christian Tritscher, der Wirt vom Gasthof Gamsjäger in St. Nikolai. Lagerkoller habe keiner, „wir sind ja auch sonst nicht mehr als eine Handvoll Leute“.

Bei der Freiwilligen Feuerwehr, die die Einsätze zum Medikamenten- und Lebensmitteltransport in das Talende koordiniert, scherzt man, dass in ein paar Monaten wohl die Geburtenrate wieder steigen werde. Ansonsten vertreibe man sich die Zeit mit Eisstockschießen, und, vor allem, seien die Vorratskammern gut gefüllt, bekräftigt man bei einem ordentlichen Schluck Bier.

Enger zusammen

Dass sich die Aufregung der Menschen hier trotz seit Tagen anhaltender maximaler Lawinenwarnstufe in Grenzen hält, mag auch daran liegen, dass man hier im Sölktal in den Schladminger Tauern Erfahrung mit schwierigen Umweltbedingungen hat: Sie haben die Menschen über Jahrzehnte hinweg enger zusammengeschweißt. 2010 verwüstete ein Unwetter das Tal, der Talschluss verschwand unter Schlamm- und Geröllmassen, Wege wurden zerstört, Keller überflutet und Almweiden vernichtet. Die Bereitschaft, für einander da zu sein, ist auch Überlebensstrategie.

„Jeder hier im Sölktal ist bei einer Hilfsorganisation, bei der Freiwilligen Feuerwehr, der Bergrettung oder der Lawinenkommission“, sagt Bergretter Christian Pieberl. „Wenn anderswo ein Keller überschwemmt wird, wird sofort die Feuerwehr gerufen. Hier kommen die Nachbarn und helfen.“ Pieberl, ein hochgeschossener Endzwanziger mit Brotjob Bankbeamter, ist in Zeiten wie diesen rund um die Uhr für die Bergrettung da. Sein Arbeitgeber begrüßt das Engagement für die Allgemeinheit. Hätte dieser ein Problem damit, dann hätten sämtliche Hilfsorganisationen der Gegend ein ebensolches: Bergrettung und Feuerwehr leben von Freiwilligen.

Auf allen Gipfeln

Pieberl, selbst leidenschaftlicher Bergsteiger und Tourengeher, war auf allen Gipfeln der Umgebung. Er weiß, dass Skifahren abseits der Pisten Spaß macht. Als die Sprache auf den Leichtsinn jener Touristen fällt, die selbst bei höchster Lawinenwarnstufe in den Tiefschnee wollen, spricht der ansonsten freundlich-stille Mann deutliche Worte. Das Problem heutzutage seien nicht wie früher die mangelhafte Ausrüstung (Stichwort „Sandalentouristen“), sondern umgekehrt der Trend zur Profiausrüstung für alle: Das Klettersteigset wird einem beim Diskonter nachgeworfen, „jeder hält sich für einen Experten“.

Brenzlige Situationen

Wohin das führen kann, weiß Wolfgang Günther, Einsatzleiter der Bergrettung St. Nikolai. Gemeinsam mit Lawinenhündin Tina, die seit elf Jahren an seiner Seite ist, hat er schon viele brenzlige Situationen erlebt, die derzeitige sei allerdings außergewöhnlich. „Vor zehn Jahren waren wir schon einmal im Tal eingesperrt. Was die Lage jetzt verschärft hat war, dass wir wegen der schlechten Sicht kaum Lawinensprengungen durchführen konnten.“ Und so sitzen die Schneemassen oben auf den Bergen und bedrohen die Täler.

Die Schneemengen, wenn auch derzeit beachtlich, seien nicht das Hauptproblem, bestätigt Schneeräumer Vinzenz mit Kennerblick. Der umgängliche „Zenz“ hat sich zum Gespräch dazugesellt. Dieser Tage kommen nicht wenige Medienleute in das Tal, das schon Erzherzog Johann begeisterte. Fotografieren sollen wir ihn nicht, bittet Zenz, er habe seine vorschriftsmäßige Jacke nicht an, aber er gibt gerne und gekonnt Auskunft über die Wetterlage: In 35 Jahren habe er noch nie so viel Schnee so früh im Jahr gesehen.

Ins Gesicht geschrieben

Bergretter Wolfgang Günther ist ein schmaler, ernster Mann, dem die vielen schwierigen Einsätze ins Gesicht geschrieben scheinen. Er weiß, wie es ausgeht, wenn Menschen trotz Lawinenwarnstufe fünf ins freie Gelände wollen und dabei leichtfertig das eigene und das Leben anderer aufs Spiel setzen. Retriever-Hündin Tina, die bei Einsätzen nach Verschütteten gräbt, wälzt sich ausgelassen im Schnee, während ihr Herrl nachdenklich von den vielen schlimmsten Fällen erzählt, die das Herr-und-Hund-Gespann gemeinsam erlebt hat. „Das Schönste für einen Lawinenhundeführer wäre, rechtzeitig zu kommen.“

Wind und Wolken

Gegen die Lawinengefahr zu kämpfen ist unter anderem der Job von Uwe Thauses. Er ist einer von vier Piloten, die im Fliegerhorst Aigen auf ihren Einsatz warten. Eine lange Liste an Aufträgen wäre abzuarbeiten, unter anderem Lawinensprengungen auf dem Grimming und dem Loser. Doch wegen der schlechten Sicht mussten immer wieder Flüge abgebrochen werden. Die dichte Wolkendecke und der starke Wind machen den Piloten in diesen ersten Jännertagen einen Strich durch die Rechnung, nur wenige Einsätze gelingen. Versorgungsflüge waren über Tage hinweg nicht möglich, die Situation in der Obersteiermark bleibt angespannt.

Das rüstige Lercherl

Alouette, das bedeutet Lerche auf Französisch, und so heißen auch die rüstigen Hubschrauber, die seit mehr als 50 Jahren im Bundesheer-Einsatz sind. 14 der 22 österreichischen Hochgebirgs-Flieger stehen hier im Ennstal. Vier von ihnen sind ständig einsatzbereit. Spürt man angesichts der Wetter-Bedingungen eine gewisse Anspannung? „Wir kennen die Situation“, sagt Uwe Thauses, „doch die Lage ist stellenweise schon extrem, besonders durch den Wind. Das Beunruhigendste ist, nicht zu wissen, wie es auf den Bergen tatsächlich aussieht.“ Der Start-und Landeplatz vor dem Hangar verschwimmt grau in grau mit dem Horizont, hinter dem wohl die Berge sind, man kann sie nur erahnen. Der Himmel wird, bis auf wenige Wolkenfenster, tagelang nicht aufklären. Und dennoch: Uwe Thauses, 36, lebt hier einen Bubentraum. „Ich hab’ mir das immer vorgenommen, bin langsam hineingewachsen. Heute ist das mein Traumberuf.“

Patscherte Ortsfremde

Ortsfremde stellen sich manchmal patschert an. Wenige Kilometer weiter breitet ein Reporter-Team aus Wien auf einem Parkplatz in Schladming die Anleitung zum Schneeketten-Anlegen auf dem matschig-kalten Boden aus. Einheimische beobachten sie skeptisch. Eine junge Frau aus der Gegend, sie heißt Christine, nimmt sich der Hilflosen an und legt fröhlich plaudernd mir nichts dir nichts die Ketten auf die Vorderreifen. So schafft es das Reporterteam beschämt, aber erleichtert in die Ramsau am Fuße des Dachsteins.

Dort sieht man im dichten Schneetreiben die Hand vor den Augen kaum. Der Schlepplift verwaist, nur wenige Sportler lassen sich nicht entmutigen und sind auf den Langlaufpisten unterwegs.

So richtig gut besucht ist in diesen grauen Tagen nur das Café im Ortszentrum. Kuchenessen ist jetzt die angesagteste Wintersportart. Am Ende dieser verschneiten Woche wird sich die Sonne blicken lassen, doch der Schnee ist bald wieder zurück. Für die Einheimischen ist dies vielleicht kein Winter wie jeder andere, aber Schneeketten anlegen, das lernt man hier gleich nach dem Schuhehezubinden.