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Chronik Österreich
10/30/2021

Gerichtspsychiater Haller: „Gewalt hat in Lockdowns zugenommen“

Wieder starb eine Frau nach einer GewalttatWieder stellt sich die Frage: Was dagegen tun? Gerichtspsychiater Reinhard Haller über ein neues Männerbild

Gerichtspsychiater Reinhard Haller, der bereits Jack Unterweger begutachtete, spricht im KURIER über die tödliche Gewalt an Frauen.

Kurier: Tödliche Gewaltdelikte gegenüber Frauen scheinen zuzunehmen. Was kann derartige Aggressionen in einem Mann auslösen?

 

Reinhard Haller: Diese brutalen Verbrechen sind immer nur die Spitze eines Eisberges. Dahinter verbergen sich viele Vorkommnisse. Die Dunkelziffer ist groß. Aber letztlich ist es so, dass Männer von Natur aus körperlich stärker, aber auch emotional viel aggressiver sind. Sie können mit Kränkungen schlechter umgehen. Und dann greifen sie eben zu diesen primitiven, leider oft todsicheren Lösungen. Frauen sind eher bereit, Dinge hinzunehmen und sich Hilfe zu suchen. Es ist eine unterschiedliche Veranlagung, Sozialisation und Lösungskompetenz.

 

Gerade die jüngsten Taten weisen ein enormes Aggressionspotenzial auf. Ein Mann soll 40 Mal auf seine Freundin eingestochen haben. Wie kommt es zu solchen Ausbrüchen?

Bei Gewalt gegen Frauen muss man drei Punkte unterscheiden. Normale kriminelle Motive – wie Sexual-, Affektdelikte und Rachemorde. Bei Affektdelikten herrscht schon länger ein Konflikt, der eskaliert. Es kommt zum Streit, Emotionen schaukeln sich empor und am Höhepunkt – meist ist Alkohol im Spiel – greift der Täter zur Waffe. Nachher ist er erstaunt, was passiert ist und stellt sich oft selbst oder begeht Suizid.

Steckt mehr Aggression in 40 Stichen, als in einem?

Das ist klar ein Affektdelikt, wo ein Sturm der Gefühle alles bestimmt. Da kommt es häufig zu diesen „Übertötungen“. Man gerät sozusagen in einen Blutrausch, der auf die absolute Vernichtung des Partners ausgerichtet ist und wo man in vielen Fällen in einer Art psychischen Ausnahmestatus ist. Rechtlich wird das als Totschlag gewertet und nicht als Mord. Im anderen Fall – mit einem tödlichen Stich – ist meist klare Planung vorhanden.

Häufen sich die Fälle?

Gewalt an Frauen ist kein neues Phänomen, es wird einfach mehr beachtet – zu Recht. Und das mit den Frauenmorden ist ein statistisches Artefakt, weil wir relativ wenig männliche Kriminalstrukturen wie Bandenkriminalität haben und 70 Prozent auf Beziehungsdelikte entfallen. Dadurch sind Frauen häufig Opfer. Eine Änderung gibt es aber: Früher waren es meist Affektdelikte. Heute sind es eher Rachemorde, wie die Frauenmorde der vergangenen zwei, drei Jahre. Die sind eiskalt geplant. Meist zeigen die Täter keine Reue.

Welche Auswirkungen hatten die Lockdowns?

Da wissen wir noch zu wenig. Aber nach meiner Beobachtung hat die Gewalt zugenommen. Aber nicht diese überbordende Gewalt, sondern jene, die nicht zur Anzeige kommt. Das ergibt sich aus dem Hack-Huhn-Phänomen. Je enger man Hühner zusammenpfercht, umso schneller hacken sie aufeinander los.

Wie erreicht man Männer, um sie von Gewalttaten abzuhalten?

Das Problem sind nicht diejenigen, die schon gewalttätig geworden sind. Das Problem sind die grauen Mäuse, bei denen man es nicht vermuten würde. Mit Gewaltschutzzentren allein wird man das Problem nicht lösen. Die Prävention muss auf Täterseite ansetzen. Man müsste, ähnlich wie im Suchtbereich, langfristige Präventionsmaßnahmen auf breiter gesellschaftlicher Ebene, von der Schule beginnend, setzen. Und man muss versuchen, ein anderes Männerbild zu generieren. Dass der Mann nicht mehr der Starke sein muss.

Gibt es Vorzeichen, die Frauen warnen?

Ja, wenn die Männer sehr impulsiv und aggressiv sind. Oft werden Frauen vorher bedroht, geschlagen, mit Gewalt erpresst. Die Frau muss klar sagen: Bis hierher und nicht weiter.

Haben alle Gewalttäter also etwas gemeinsam?

15 bis 18 Prozent sind psychisch krank oder nicht zurechnungsfähige, ungefähr 30 bis 40 Prozent habe Persönlichkeitsstörungen, der Rest sind ganz normale Menschen, die nie gedacht hätten, dass sie zum Täter werden und wo sich das Ganze auf dieser emotionalen zwischenmenschlichen Ebene abspielt. Gemeinsam haben sie oft, mit Ausnahme der psychisch Kranken, eine nicht verkraftete Kränkung.

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