Chronik | Österreich
03/29/2019

Gegen weitere Skilifte: Bürgeraufstand in den Bergen

Der Widerstand gegen ein Lift-Projekt zeigt eine zunehmend kritische Haltung zum Tourismus in Tirol

Auf den Bergen rund um Innsbruck liegt noch reichlich Schnee – das Schmiermittel für den Tiroler Wintertourismus. Auf dem Landhausplatz haben sich am Freitag rund 800 Demonstranten versammelt, die der Ansicht sind, dass der Motor dieser Industrie zunehmend überdreht.

Sie sind dem Aufruf von Gerd Estermann gefolgt. Der Oberländer hat in den vergangenen Monaten gehörig Sand ins Getriebe der Touristiker gestreut. Der pensionierte Lehrer ist der Überzeugung: „Genug ist genug“.

Das ist einer der Slogans, mit dem der 66-Jährige seit Ende vergangenen Jahres gegen eine geplante Verbindung zwischen den Skigebieten Kühtai und Hochoetz mobilisiert.Das Projekt wurde inzwischen zurückgezogen – zumindest vorerst.

 

 

Doch Estermann gibt sich damit nicht zufrieden: „Das scheint ein Vernunftakt zu sein. Aber das Ende des Projekts wurde noch nicht verkündet.“ Für den Naturschützer geht es aber ohnehin längst um mehr.

Eine neue Dimension

Er fordert generelle Ausbaugrenzen für Skigebiete. Das tun auch Organisationen wie der Alpenverein oder die Naturfreunde. Doch das Aufbegehren von Estermann und seinen Mitstreitern hat eine neue Qualität. Es kommt direkt aus der Bevölkerung.

Da scheint etwas zu gären, das an die Anfänge einer anderen Plattform erinnert. Vor 25 Jahren gründete Fritz Gurgiser das Tiroler Transitforum. Die überparteiliche Initiative war das Ventil für den Ärger über die immer größer werdende Lawine an Lastwagen, die durchs Land rollen.

Das Transitforum organisierte aus Protest mehrfach Autobahnblockaden. Auch das war Ausdruck der Haltung: „Genug ist genug.“

Estermann kann sich vorstellen, dass nun etwas Ähnliches ins Rollen kommt, wenn es um den Schutz unberührter Natur vor Auswüchsen der Freizeitwirtschaft geht. „Offensichtlich haben wir einen Nerv getroffen. Ich glaube, dass wir eine Initialzündung geschafft haben.“

Tourismusgesinnung. Das ist ein Wort, das außerhalb von Tirols höchstens in wirtschaftlichen Expertenzirkeln bemüht wird. In Tirol gehört es wie selbstverständlich zum Sprachgebrauch der Politik. Es meint die grundsätzlich positive Haltung der Bevölkerung gegenüber diesem Wirtschaftszweig, der im vergangenen Jahrhundert einst bitterarmen Talschaften Wohlstand brachte.

Wacklige Gesinnung

Um die Tourismusgesinnung machte sich Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) etwa im vergangenen Herbst Sorgen. „Wir müssen aufpassen, was die Macht der Bilder betrifft“, erklärte er rund um die Debatte über ein bei Wanderwetter verlegtes Kunstschneeband im Skigebiet von Kitzbühel.

Zu dieser Zeit war längst auch ein Streit über die Ausbaugrenzen von Skigebieten im Gange. Die Gegner sahen in einem geplanten Regelwerk einen Freibrief für Liftverbindungen über bestehende Grenzen hinaus. Letztlich wurde der bestehende Rahmen weitestgehend fortgeschrieben, um Druck aus dem Kessel zu bringen.

Druck von der Straße erfährt der Tourismus im Wortsinn jedoch auch auf einer anderen Front. Die stetig steigende Zahl an Gästen im Sommer wie Winter lässt den Verkehr wachsen. Über den Fernpass etwa – wichtigster Zubringer für die großen Skigebiete im Paznaun-, Pitz- und Ötztal – fuhren 2018 täglich 18.000 Fahrzeuge, 14.000 davon Pkw. An Spitzentagen sind es 26.000 Fahrzeuge.