Chronik | Österreich
18.06.2018

Fahrprüfer als Testpiloten im Zug

ÖBB setzen verschiedenste Aktionen, um die Unfälle auf Bahnübergängen zu reduzieren

Zu Beginn des Jahres gerieten die ÖBB wegen einer schier endlos erscheinenden Pannenserie in die Kritik. Überfahrene Signale, Zusammenstöße auf offener Strecke oder Unfälle bei Verschubarbeiten: Binnen weniger Monate ereignete sich eine Unglücksserie von acht schweren Unfällen mit Dutzenden Verletzten und einem Toten. Teilweise waren Güterwaggons kilometerweit als Geisterzüge entrollt. Die Zwischenfälle hatten zur Folge, dass die ÖBB neue Sicherheitsmaßnahmen, beispielsweise beim Verschieben von Zügen, prüfen.

Allgegenwärtig ist die Sicherheitsfrage bei Bahnübergängen. Das Zusammenspiel zwischen Mensch, Auto und Zug ist höchst problematisch. Durch die Auflassung von Bahnkreuzungen von mehr als 6200 (im Jahr 2000) auf aktuell 3222 im Streckennetz der ÖBB konnte auch die Zahl der Unfälle an den Kreuzungen deutlich verringert werden.

Sechs Todesopfer

2008 wies die Statistik noch 108 Unfälle mit 19 Todesopfern auf ÖBB-Bahnkreuzungen aus, 2017 waren es 66 Unfälle mit sechs Todesopfern. „Immer noch sechs zu viel“, sagt Herbert Ofner vom Bereich „Marktmanagement und Kommunikation“ der ÖBB-Infrastruktur. Da Sicherheitsmaßnahmen an Eisenbahnkreuzungen immer eine Angelegenheit von Bahn, Land und Gemeinden sind, werden auch die Kosten unter diesen drei aufgeteilt. Seit zehn Jahren sind jährlich 25 Millionen Euro in Auflassungen und Sicherungsmaßnahmen geflossen. Von den 3222 Bahnkreuzungen sind 1587 durch Schranken oder Lichtsignalanlagen gesichert, 1635 sind jedoch technisch immer noch ungesichert.

Mit der Sicherheitskampagne www.passaufdichauf.at und erschreckenden Videoclips von Horrorunfällen setzt die Bahn vor allem bei Autolenkern auf Bewusstseinsbildung. „Einen Übergang trotz Rotlichts zu überfahren, ist kein Kavaliersdelikt“, sagt Ofner. Eine ganz besondere Aktion hat man sich vor einigen Tagen zum „International Level Crossing Awareness Day“ (Bewusstseinstag für die Gefahren an Eisenbahnkreuzungen) einfallen lassen.

86 Pfeifsignale

Es wurden Fahrprüfer und Fahrschullehrer in einen Sonderzug eingeladen, um das Sicherheitsrisiko Eisenbahnkreuzung aus der Sicht der ÖBB und eines Triebfahrzeugführers kennenzulernen. „Fahrlehrer und Prüfer sind unsere Multiplikatoren. Sie geben dieses Wissen an die zukünftigen Autolenker weiter“, sagt Ofner.

Ausgewählt wurde eine Strecke mit besonders vielen Kreuzungen. Die Schneebergbahn von Wiener Neustadt nach Puchberg weist auf einer Länge von 28 Kilometern 66 Bahnübergänge auf. „Ich muss auf dem Abschnitt in unübersichtlichen Bereichen 86 Hupsignale geben“, erklärt der Triebfahrzeugführer Christian Königshofer (40).

Die Fahrprüfer und -lehrer durften neben ihm im Führerhaus Platz nehmen, zusehen und lernen. Laut Eisenbahnkreuzungsverordnung muss sich jeder Verkehrsteilnehmer bei einem Bahnübergang vergewissern, dass sich kein Zug annähert. Die Praxis sehe aber anders aus, meint Königshofer. „Der Zug kann nicht mehr stehen bleiben, wenn ein Hindernis auf den Schienen ist. Mein Bremsweg ist viel zu lang“, erklärt der Lokführer, der weiß, wovon er spricht. Schon drei Mal war er in Unfälle mit Fahrzeugen verwickelt. „Einmal ist ein Lkw auf der Schneefahrbahn abgerutscht, und zwei Mal haben Fahrzeuglenker nicht angehalten“, schildert Königshofer. Zum Glück sind nie Passagiere bei den Zwischenfällen verletzt worden.

Für die Fahrprüfer ist eine Missachtung eines Haltesignals auf Eisenbahnkreuzungen ein schweres Vergehen. Durchkommen gibt es damit keines.

100 Rotlicht-Radaranlagen Ende des Jahres in Betrieb

Die ÖBB-Infrastruktur und der Fachverband der Fahrschulen in der Wirtschaftskammer Österreich setzen im Rahmen einer Kooperation verstärkt auf Bewusstseinsbildung bei Führerscheinneulingen. Videos veranschaulichen auf dramatische Weise, was bei einem Zusammenprall von einem Zug mit einem Pkw passiert. Der Fahrzeuglenker zieht auf Grund der Kräfteverhältnisse immer den Kürzeren.

Ziel ist es, dass Fahrschulen in der Ausbildung der angehenden Lenker die besondere Gefahr von Eisenbahnkreuzungen vertiefend behandeln. Dazu wurde ein Übereinkommen getroffen, dass bei Übungsfahrten verstärkt auch Bahnübergänge übersetzt werden. Wie undiszipliniert Autofahrer teilweise sind und welcher Gefahr sie sich aussetzen, zeigt das Beispiel einer Eisenbahnkreuzung bei Klagenfurt.

Nach der Installierung einer Rotlicht-Überwachungsanlage wurden anfangs monatlich bis zu 700 Fahrzeuglenker dabei geblitzt, wie sie das Warnsignal ignorierten. „Dabei herrscht absolute Lebensgefahr. Die Züge sind dort mit bis zu 140 km/h unterwegs“, heißt es von Seiten der ÖBB.

Anfang 2018 waren österreichweit 60 solcher Radaranlagen an neuralgischen Bahnkreuzungen aufgestellt. Bis Jahresende sollen es insgesamt 100 Überwachungssysteme sein.