Chronik | Österreich
19.07.2018

Der Sommer ist da, und viele merken es nicht mehr

Vielen Menschen ist es nicht sommerlich genug, dabei wird es seit Jahren stetig heißer

Mitte Juli, früher Nachmittag. Im Cafe Ka & Ko im neunten Bezirk haben neben den Stammgästen einige Besucher Zuflucht vor dem strömenden Regen gefunden. Nicht das erste Gewitter in den vergangenen Tagen beklagt Chefin Helene Kolar: „Dieser Sommer ist eine Katastrophe, das Wetter spielt verrückt.“

Kurz darauf rast die Feuerwehr am Gürtel vorbei: „Da hat’s bestimmt wieder einen wegg’schwemmt“, sagt einer von Kolars Gästen und spielt auf die Arbeiter an, die vergangene Woche nach starkem Regen aus dem Wienfluss gerettet werden mussten. „Früher hatten wir Jahreszeiten“, führt der Mann aus, während er an seiner Zigarette zieht und den Schnürlregen beobachtet, der an die Scheibe prasselt.

Zu hohe Erwartungen

Erleben wir tatsächlich einen verregnet-kühlen Sommer? Die Zahlen belegen das jedenfalls nicht. Laut der statistischen Auswertung der Zentralanstalt für Wetter und Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) ist das Gegenteil der Fall: Bisher ist der Sommer überdurchschnittlich warm. Im Juni hatte es in Österreich sogar zwei Grad mehr als normal für diesen Zeitraum.

Trotzdem sagt das Gefühl vieler Menschen etwas anderes. Gegenüber vom Cafe Ka & Ko sitzen eine Studentin und ihre deutsche Freundin auf den Stiegen des Hygiene Instituts der MedUni Wien. Im überdachten Bereich warten sie den Guss ab. „Ich bin seit ein paar Tage in Österreich, so richtig warm war es nicht“, erzählt die junge Frau über ihren Wienbesuch. Ihre Freundin stimmt zu, es wäre schon im Frühling sehr heiß gewesen, die Sommermonate selbst seien aber nicht gerade „sommerlich“.

Fünf Stockwerke darüber arbeitet Hans-Peter Hutter in der Abteilung für Umwelthygiene. Der Umweltmediziner beschäftigt sich mit der klaffenden Lücke zwischen Wetterwahrnehmung und tatsächlicher Witterung. Ihm zufolge fehle den Menschen oft ein Wettergedächtnis. „Wenn ich Leute frag’, wie die letzten Sommer waren, wissen die meisten es nicht. Dabei waren 2015 und 2017 Rekordsommer.“ Ganz allgemein scheint sich das Gespür dafür, was ein Sommertag ist, zu verschieben. Allein seit 2000 gab es elf Sommer, die zu den heißesten seit Aufzeichnungsbeginn zählen.

Den Werten der ZAMG nach hat es an „normalen“ Sommertagen im Juli 25 Grad. Für viele beginnen Sommertemperaturen aber erst bei 30 Grad, weiß Hutter. Ein weiterer Grund für diese verzerrte Wahrnehmung könne der warme April sein, in dem es bereits über dreißig Grad hatte. Das sei sehr selten. „Natürlich ändert das die Erwartungen für den restlichen Sommer“, erklärt der Umweltmediziner.

Tatsache ist, dass die Sommer seit Jahren heißer werden und es den „Sommer wie damals“ mit durchgehendem Sonnenschein nie gab. Hutters Zahlen sind eindeutig: Zwischen 1960 und 1980 gab es in Wien mehrfach Sommer ohne oder mit weniger als zwei Hitzetagen über dreißig Grad. Heute ist das kaum mehr vorstellbar.

Das wirkliche Problem sieht Hutter aber in einem anderen Bereich: „Wenn 30 Grad und mehr für uns normal sind, dann ignorieren wir damit den Klimawandel völlig. Wir nehmen die Hitzeperioden nicht ernst, weil wir ins Bad können, Eis essen und am Abend draußen sitzen. Drinnen haben wir dann eine Klimaanlage. Da fehlt der Druck, dass wir was dagegen unternehmen.“

-Markus Strohmayer