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Prozess
02/17/2021

Causa Sigi Maurer: Die ungehörte Geschichte des Zeugen Willi W.

Der Bierwirt zog die Klage gegen Sigi Maurer zurück.

von Michaela Reibenwein, Birgit Seiser

Willi W. war spät dran. Der Handwerker auf Montage in Oberösterreich war am Mittwoch extra um 3 Uhr Früh aufgestanden, um in Wien als Zeuge aussagen zu können. Er ahnte nicht, wie groß der Rummel um seine Person werden sollte. Er wurde von unzähligen Fotografen, Kamerateams und Journalisten empfangen, die vor Saal 203 im Landesgericht für Strafsachen in Wien auf ihn und ein Urteil in der Causa Sigi Maurer vs. Bierwirt warteten. Damit hatte er nicht gerechnet. „Ich bin hier nur Zeuge“, erklärte er.

Und dann gab Willi W. schon die ersten Interviews. „Ein völliges Missverständnis alles“, erklärte er. Ja, er kenne das Lokal des Bierwirts, war vor langer Zeit auch einmal dort. „Aber ich trinke eigentlich gar kein Bier!“

"Ich hab gar kein Facebook"

Willi W. bestritt, die obszönen Nachrichten an Maurer geschrieben zu haben, die der eigentliche Grund für dieses Verfahren waren. „Ich hab gar kein Facebook, ich kenn mich gar nicht aus damit. Und ich kann’s auch gar nicht gewesen sein, weil damals war ich im Krankenhaus.“ Und: „Ich hab von dem Ganzen erst durch die Ladung vom Gericht erfahren.“ Warum er nicht schon bei seiner ersten Zeugenladung erschien? „Ich war im Krankenstand wegen dem Kreuz.“

Willi W.s Erklärungen blieben den Journalisten vor dem Verhandlungssaal vorbehalten. Der Richter hatte gar keinen Grund mehr, ihn zu befragen. Denn: Der neue Anwalt des Bierwirts, Gregor Klammer, übergab gleich zu Beginn des Verfahrens einen Brief an Richter Hartwig Handsur.

Brief an den Richter

Das Schreiben stammte vom Bierwirt (der persönlich nicht anwesend war). Und darin erklärte dieser: Er zieht die Klage zurück. „Er hat das Gefühl, dass er den Prozess ohnehin nicht gewinnen kann und es eine politische Entscheidung ist“, sagt Klammer.

Richter Handsur verkündete den Freispruch Maurers, gegen die Anwalt Klammer „aus prozessualer Vorsicht“ zwar ein Rechtsmittel anmeldete, dieses aber wenig später wieder zurückzog.

Bevor Willi W. ins Spiel kam – der Bierwirt hatte ihn als angeblichen Verfasser der Nachricht ins Spiel gebracht –, war es auch schon wieder vorbei. Und Willi W. suchte rasch das Weite. „Ich muss zurück auf die Baustelle!“

30. Mai 2018 
Sigi Maurer  veröffentlicht auf Twitter eine Nachricht, die sie am Vortag erhalten hat – abgeschickt vom Facebook-Account von Bierwirt L.

9. Oktober 2018 
Maurer wird wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe über 7.000 Euro verurteilt

März 2019
Das Oberlandesgericht Wien hebt das Urteil auf. Die Beweislast, die Maurer antreten musste, sei „unerreichbar hoch“ gewesen

16. September 2019
Der Prozess startet erneut. Bierwirt L. bringt ein angebliches Bekennerschreiben von „Freund Willi“ ins Spiel

Februar 2021
Das Bezirksgericht weist eine Unterlassungsklage gegen Maurer ab. Sie hatte Bierwirt L. „Arschloch“ genannt

17. Februar 2021
Der Bierwirt zieht die Klage zurück

Zurück blieben verdutzte Zuhörer (der Verhandlungssaal war wie immer voll) und die Angeklagte Sigi Maurer mit ihrer Anwältin Maria Windhager. „Es ist enttäuschend, dass das so endet“, sagte die Anwältin. „Wir hätten das gerne zu Ende verhandelt.“ Dennoch: „Ich bin froh und erleichtert, dass das jetzt endlich vorbei ist“, meinte Maurer. Immerhin habe der unerfreuliche Vorfall eine wichtige Debatte in Gang gebracht und das „Hass im Netz“-Paket sei daraus entstanden.

Kein Ende in der Causa

Es könnte trotzdem nicht der letzte Gerichtstermin in dieser Sache sein. Schon nach dem ersten Prozess (Maurer wurde damals schuldig gesprochen; siehe Zusatzbericht) hegte der damalige Richter Stefan Apostol Zweifel an den Angaben des Bierwirts. Noch im Prozess erklärte er, die Staatsanwaltschaft davon in Kenntnis zu setzen. Und die wartete das Prozess-Ergebnis ab. Unklar ist bis dato auch, ob das angebliche Bekennerschreiben von Willi, das der Bierwirt vorgelegt hatte, rechtliche Konsequenzen hat.

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