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Chronik | Österreich
05/25/2019

Alles aufgeben, um Skulptur zu sein

Bodybuilding. Gerald Haiderer war die Nummer eins in Österreich. Er gibt Einblicke hinter die Fassaden des Scheins

Es sind 15 Sekunden, für die er jahrelang gearbeitet hat. Hart gearbeitet. Hell leuchten die Scheinwerfer auf ihn. Obwohl ihm die Menge zujubelt, hört er sie nicht. Er fokussiert sich ganz darauf, jeden sichtbaren Muskel anzuspannen. Atmen darf er nicht, damit sich der Bauch nicht bewegt. Trotzdem muss er entspannt lächeln. Als er seinen Namen hört und weiß, dass er gewonnen hat, fällt ihm ein Stein vom Herzen: Die Disziplin hat sich ausgezahlt – und er weiß, dass er jetzt aufhören kann.

Die vielen Muskeln haben Gerald Haiderer zu schaffen gemacht, schon beim Schuhe binden hat er kaum Luft bekommen. „Der Körper wehrt sich, er will die Muskeln loswerden. Aber wir Bodybuilder kämpfen mit dem Essen dagegen an“, erzählt er. Mit 18 Jahren hat er angefangen, sich für Bodybuilding zu interessieren. „Da hab ich gemerkt, wie sich mein Körper verändert, je mehr Zeit ich investiere. Es ist eine Sucht geworden“, sagt er. Immer mehr kippte er hinein. Er wollte Profi werden. Drei Jahre hat er sein komplettes Leben danach ausgerichtet, um der Beste in der Kategorie „Men’s Physique“ zu werden, wo es darum geht, einen Beach-Body-Look zu präsentieren.

Für seinen Traum hat er seinen Bürojob gekündigt. Sein Leben drehte sich fortan um Training, essen, schlafen. „Der Alltag ist zach. Man muss alle zwei Stunden essen. Alles Soziale kommt zu kurz, man kann nie auswärts essen oder mal ins Kino gehen“, erzählt der gebürtige Niederösterreicher. Drei Jahre hat er fünf Mal täglich Reis mit Huhn gegessen. Am Ende waren es 1,5 Kilogramm Fleisch täglich. „Irgendwann isst man nicht mehr, man stopft nur noch rein und wenn man es nicht runterbringt, püriert man es und trinkt es“, sagt er.

Ein Korsett für die Taille

„Bei den Wettkämpfen geht es um die Proportionen, die Symmetrie und die Muskelmenge“, sagt der 26-Jährige. Um die Taille schmäler werden zu lassen, hat Haiderer ein Korsett getragen. „Der Gurt wird so fest wie möglich geschnallt, damit sich die Muskeln nur oben und unten bilden“, beschreibt er. Wichtig ist auch die Symmetrie. Ziel sei es, eine Skulptur aus dem menschlichen Körper zu schaffen. Trainiert hat er, bis er nicht mehr konnte, bis er auf dem Boden lag, bis die Muskeln nachgaben. „Ich bin auf das Ziel zugesteuert, komme, was wolle, mit Scheuklappen auf“, sagt er heute. Irgendwann wog er 100 Kilogramm. Mit 58 hatte er angefangen. Gewand passte ihm keines mehr, er musste in Thailand Sonderanfertigungen kaufen.

Dass in der Branche auch zu Hilfsmitteln gegriffen wird, ist ein offenes Geheimnis. Haiderer will sich nicht dazu äußern. Er beschreibt aber, wie die letzte Woche vor einem Wettbewerb aussieht. Da geht es darum, den Körper zu entwässern. Zuerst werden 12 Liter Wasser pro Tag getrunken, was dann sukzessive reduziert wird. Dadurch kommen die Muskeln mehr hervor. Wichtig ist auch die braune Farbe. Dazu werden Ganzkörperpeelings verwendet, um die Haut aufzuscheuern, damit die Farbe hält.

Gut ging es ihm nicht. „Es ist mir zu ungesund geworden. Ich wusste, ich verkürze mein Leben und verbringe meine Tage nicht so, wie es mir Freude bereitet. Das ergab keinen Sinn“, sagt er. „Sollte ich ein kürzeres Leben für einen Pokal riskieren?“ Er nahm sich vor, aufzuhören, wenn er sein großes Ziel erreicht hat: Die Procard, die bedeutet, dass er ein Profi ist und die Nummer eins in Österreich. Und er schaffte es. „Ich weiß nicht, ob ich sonst mental stark genug gewesen wäre.“

„Es ist extrem schwer, sich nicht mehr über seine Muskeln zu definieren“, erzählt Haiderer. Zuerst gehe es nur ums Aussehen und dann solle es egal sein. Geschafft hat er es, weil er sich eine Zukunft mit Familie vorgestellt hat. Das wollte er nicht fürs Optische opfern. „Heute weiß ich, dass ich genauso viel wert bin ohne meine Muskeln.“

Wettkampfdivisionen

Kein Haar am Körper. Selbstbräuner und Öl  auf einer Haut, die so dünn ist, dass jede Ader zum Vorschein kommt. Darunter Berge von Muskeln. All das verpackt lediglich in einem winzigen Slip, der kein Gramm Fett verzeiht. So oder so ähnlich stellen sich die meisten Menschen einen Bodybuilder vor.
Damit liegen sie nicht weit daneben.  Speziell in der Königsklasse sehen die Topathleten genau so aus. Dem durchschnittlichen Sportfan ist das zu extrem. In Kombination mit weitverbreitetem Steroidmissbrauch haben Bodybuilder nicht den besten Ruf. Aber spätestens seit Fitnessstudios gefühlt an jeder Ecke aufsperren, wird auch ihr Sport immer massentauglicher.
Die internationalen Verbände haben diese Chance erkannt und neue Divisionen eingeführt.   Damit sollen jene angesprochen werden, die einen Waschbrettbauch zwar schön finden, nicht aber einen Nacken, der an einen Zuchtbullen erinnert.
Eine der neuen Divisionen heißt „Men’s Physique“. Die Teilnehmer sind nicht übermäßig muskelbepackt. Typisch ist eine V-Form, wie man sie aus Firnessmagazinen kennt. Viele dieser Athleten stehen als Fitnessmodels vor der Kamera. Von klassischen Bodybuildern werden sie – trotz beachtlicher Form – oft nicht ernst genommen. Sie posen mit knielangen Boardshorts. Diese würden ihre nur durchschnittlich trainierten Beine verdecken, so die Kritik.
Anders bei „Classic Physique“. Hier stolzieren die Teilnehmer in engen Boxershorts auf die Bühne. Diese Männer kratzen an ihren genetischen Limits, ohne sie durch den massiven Einsatz von Wachstumshormonen zu sprengen. Optisches Vorbild in dieser Division ist  Arnold Schwarzenegger.
Die prestigereichste Division bleibt aber „Men’s Open“. Hier sind die „großen Jungs“ in den knappen Speedos zu Hause. Massemäßig gibt es keine Grenzen. Jahrelanges Training, sechs oder mehr Mahlzeiten pro Tag und – zumindest an der Weltspitze – systematisches Doping sind notwendig, um dieses Niveau zu erreichen. Gesundheitliche Risiken werden in Kauf genommen. Ein Sieg in dieser Klasse ist die Champions League des Bodybuildings.