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Chronik Österreich
02/13/2020

Abhöraffäre ist "größter Spionagefall der Weltgeschichte"

Geheimdienstexperte Siegfried Beer würde es nicht wundern, wenn Österreich die manipulierten Geräte verwendet hätte.

Dass Geheimdienste andere Länder aushorchen, dürfte so die große Neuigkeit nicht sein. Wird bekannt, dass das eigene Land ausgespäht wurde, ist die Aufregung groß. So auch jetzt, als durch einen Bericht der Washington Post, bekannt wurde, dass sowohl der US-Auslandsgeheimdienst CIA als auch der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) im Rahmen der "Operation Rubikon" zwischen 1970 und 1993 Österreich abhörten – und 120 andere Staaten auch.

Eintrittskarte in die Welt der Staatsgeheimnisse sollen die weltweit begehrte Chiffriermaschinen der Schweizer Firma Crypto AG gewesen sein. Die Maschinen waren derart manipuliert, dass BND und CIA verschlüsselte Kommunikation mitlesen konnten. Der deutsche Bundesnachrichtendienst BND und der US-Auslandsnachrichtendienst CIA haben die Schweizer Crypto AG Anfang der 1970er-Jahre übernommen, konnten die tatsächliche Eigentümerschaft aber mithilfe eines Liechtensteiner Treuhänders geheim halten.

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"Größter Spionagefall der Weltgeschichte"

Geheimdienstexperte Siegfried Beer hat die Abhöraffäre als "größten Spionagefall der Weltgeschichte" bezeichnet. Dass auch Österreich die manipulierten Geräte der Schweizer Firma Crypto AG verwendet habe, würde ihn nicht überraschen, sagte er am Mittwoch im APA-Interview.

Journalist Ulrich Stoll, der an der Aufdeckung mitgearbeitet hat, ist da weniger sicher: Österreich hätte zwar die manipulierten Geräte gekauft, jedoch hätten nach ihm heimische Stellen deren "Knackbarkeit" erkannt. Der deutsche "Plan" sei "zu transparent" gewesen, weshalb einige Kunden, darunter Österreich und das damalige Jugoslawien, die "Lesbarkeit" der Maschine erkannt hätten, heißt es in einem Papier des US-Geheimdienstes CIA, aus dem das ZDF zitiert.

Zwei Arten von Maschinen

Der frühere Besitzer der Crypto AG, Boris Hagelin, und die Amerikaner seien schon seit den 1960er-Jahren miteinander verbandelt gewesen, erklärte der Historiker von der Universität Graz. Schon damals habe es Hinweise gegeben, dass die Schweizer Firma "eine gewisse schwierige Rolle spielte".

Hagelin hätte sich von den Amerikanern schon damals überreden lassen, "zwei Arten von Maschinen" mit einem gewissen Qualitätsunterschied zu produzieren - eine für die USA und ihre Freunde, und eine für die Gegner der Amerikaner. Aus Sorge über die Nachfolge Hagelins hätten die Amerikaner in den 70er-Jahren Anteile der Firma übernommen. Dann habe es "so richtig begonnen", sagte Beer, "da sind dann auch die Deutschen eingestiegen".

Dass österreichische Behörden die manipulierten Chiffriergeräte zur Verschlüsselung geheimer Kommunikation "verwendet" hätten, würde Beer "nicht überraschen". Er stelle nur Vermutungen an, betonte der Historiker, aber: "Es macht total Sinn, dass das neutrale Österreich bei der neutralen Schweiz solche Geräte kauft."

Dass nur die Vereinten Nationen davon betroffen waren, will Beer nicht so glauben. Österreich hätte auch im Kalten Krieg als neutraler und geopolitisch wichtiger Staat eine Rolle gespielt - "und die Amerikaner haben schon immer ein Auge auf Österreich geworfen", und hätten sehr viel Einfluss schon seit Besatzungszeit ausgeübt. Beer merkte zudem an, dass durch das "Abschöpfen bei anderen Staaten" ohnedies einige Informationen über ihre Verbündeten preisgegeben werden.

Eine Bestätigung oder ein Dementi seitens österreichischer Behörden gibt es bisher nicht. Das Verteidigungsministerium in Wien wollte dazu auf APA-Anfrage keine Stellungnahme abgeben. Die operative Arbeit, etwas des Heeresnachrichtenamtes (HNaA), kommentiere man grundsätzlich nicht, erklärte Ministeriumssprecher Michael Bauer.

Die Dimension der Abhöraffäre ist nach Einschätzung Beers auf jeden Fall auf mehreren Ebenen "unglaublich": Das Ganze gehe in die Tiefe - "die geheimsten Dinge, die ein Staat hat" -, in die Breite - "weil so viele Länder mitgemacht haben" -, in die Länge - "das Ganze ist 75 Jahre für die Amerikaner gelaufen, wenn man genau hinschaut"-, und in die Höhe - es seien die höchsten Regierungs-, Geheimdienst und Militärstellen angezapft worden. Die Nachwehen der Affäre "werden nicht so groß sein", meint der Experte. "Man wird jetzt auf die Amerikaner hinpecken", vermutet Beer, " aber in Wirklichkeit feiern das die Amerikaner als ihren großartigen Erfolg, der ihnen geholfen hat, den Kalten Krieg zu gewinnen - jedenfalls teilweise".

Laut Recherchen der Washington Post, dem Schweizer Fernsehen SRF und dem deutschen TV-Sender ZDF sollen Deutschland und die USA mithilfe der Firma Crypto AG für Verschlüsselungstechnik den rund 120 betroffenen Staaten manipulierte Technologie verkauft haben, um dann deren Kommunikation abhören zu können. In den USA lief die Operation unter dem Decknamen "Minerva", beim deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) unter dem Namen "Rubikon". Die "Operation Rubikon" soll von 1970 bis 1993 gelaufen sein. Der US-Geheimdienst führte sie laut ZDF weiter.

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